Eglisau

Im Kirchturm zu Hause

Seit über 20 Jahren zählt Walter Forrer die Fledermäuse in der Zwiebelhaube des Eglisauer Kirchturms. Er hat den ZU auf einen Besuch bei den Grossen Mausohren mitgenommen und Wissenswertes über die Säugetiere berichtet.

Die Grossen Mausohren krallen sich an den Holzbalken des Dachstuhls fest. Sie formieren sich zu Gruppen, um sich gegenseitig aufzuwärmen.

Die Grossen Mausohren krallen sich an den Holzbalken des Dachstuhls fest. Sie formieren sich zu Gruppen, um sich gegenseitig aufzuwärmen. Bild: Leo Wyden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganz oben, in der Turmhaube der reformierten Kirche Eglisau, haben es sich Fledermäuse gemütlich gemacht. Einfach ist es nicht, zu ihnen zu gelangen. Die schmale Holztreppe ist erst der Beginn des steilen Weges zu den Grossen Mausohren. Bei den Kirchenglocken angelangt, muss eine Leiter in Angriff genommen werden. ­Jedoch ist diese unterbrochen, sodass der Besucher einen Balken überwinden muss.

Am Ende der schmalen Leiter braucht es noch einen kleinen Sprung oder eine helfende Hand, um durchdie geöffnete Holzklappe in den Dachstuhl zu gelangen. Hier ist es warm, das Thermometer zeigt26 Grad an diesem Nachmittag, und es riecht streng. Den Geruch verursachen die über den ganzen Boden verteilten Ausscheidungen der Fledermäuse.

Je höher die Temperatur, desto einfacher das Zählen

Walter Forrer nimmt die Kletterei seit über 20 Jahren auf sich, um zu den Grossen Mausohren zu gelangen. Dies, um die Tiere für den Kantonalen Fledermausschutz zu zählen. Der Bestand ist in den zwei Jahrzehnten angestiegen, er lag 2016 bei rund 250. Jedes Jahr im April beginnt Forrer mit der Zählung, acht- bis zehnmal geht er frühlings und sommers zu den Säugetieren. Die Weibchen kommen im Frühling hierher, um ihre Jungen auf­zuziehen. Die Wintermonate verbringen sie an einem anderen, unbekannten Ort.

Die Grossen Mausohren paaren sich im Spätsommer. Die Weibchen speichern die Spermien in der Gebärmutter, zur Befruchtung kommt es aber erst im Frühling. Meist ist es ein Jungtier pro Mutter, welches das Licht der Welt erblickt. Die nackten und blinden Jungen halten sich laut Forrer sofort mit den Daumenkrallen ihrer Hinterfüsse an ihrer Mutter oder an der Dachkonstruktion des Kirchturms fest.

Forrer leuchtet mit seiner Taschenlampe nach oben zu den Holzbalken. In Gruppen eng aneinandergereiht, sind die braunen Tierchen zu sehen. Die Fledermäuse suchen die Nähe ihrer Artgenossen, um sich warm zu halten. «Zum Glück ist es heute warm genug, dann halten sie sich weiter unten auf», sagt Forrer. So könne er sie besser zählen.

An kälteren Tagen tummeln sie sich zuoberst im engen Dachstuhl und sind praktisch unsichtbar, schildert er. Das Zählen erleichtert auch die Tatsache, dass sie noch nicht so aktiv sind. Je später der Tag, desto häufiger fliegen sieim Dachstock umher. Zwischen 21.30 und 22 Uhr fliegen sie aus, um Nahrung zu suchen.

Angefangen hat Forrer mit der Aufgabe, weil eine Bekannte, welche die Tätigkeit bereits ausübte, ihn dafür angefragt hatte. Diese stieg aber bald wieder aus, und Forrer war von nun an der allei­nige «Quartierbetreuer», wie er vom Fledermausschutz bezeichnet wird. «Es ist eine tolle Aufgabe», sagt der Eglisauer. Schon als kleiner Bub habe er sich für Tiere interessiert, auch für solche, die kein gutes Image in der Bevölkerung geniessen, so wie Fledermäuse und Schlangen.

In Eglisau ist die Kletterei nötig, weil Forrer hier keine Ausflugzählungen machen kann, wie sie an anderen Orten praktiziert werden. Solche werden vorgenommen, sobald die Fledermäuse abends auf Futtersuche gehen. In Eglisau verschwinden sie aber sofort in der Silhouette eines grossen Baumes, wie Forrer erzählt, so sei eine Zählung vom ­Boden aus unmöglich.

Sie fliegen aus, um Laufkäfer zu jagen

Der Kantonale Fledermausschutz hat sich den Erhalt unddie Förderung der Fledermäuse zum Ziel gesetzt, wie Karin Safi, eine von zwei Mitarbeiterinnen im Kanton Zürich, sagt. Dies wird dadurch gewährleistet, dass die bereits vorhandenen Unterkünfte optimiert oder auch neue geschaffen werden, zum Beispiel ­indem ein Kirchturm zugänglich gemacht wird. Aber auch die ­Förderung der Landschaft, zum Beispiel das Pflanzen von Hecken oder das Erhalten von Obst­gärten, helfe den Fledermäusen. «In diesen Strukturen finden sie leicht Unterschlupf und Nahrung», führt Safi aus.

Das Grosse Mausohr, das vom Mittelmeerraum stammt, ist laut Safi eine der seltensten Fledermausarten im Kanton Zürich. An neun Standorten im nördlichen Kantonsteil ist sie noch heimisch – vor 60 bis 70 Jahren lebte sie noch in jedem Dorf. Fünf der Standorte befinden sich im Zürcher Unterland. Neben Eglisau sind dies Embrach, Glattfelden, Zweidlen und Niederweningen.

Weshalb im südlichen Kantonsteil keine Kolonien des Grossen ­Maus­ohrs existieren, lässt sich laut Safi nicht beantworten. In Wädenswil war eine Weile eine kleine Gruppe dieser Art vorhanden, jedoch ist sie ausgestorben – zuletzt waren es nur noch sieben Tiere – zu wenige, um sich gegenseitig aufwärmen zu können. In der gesamten Schweiz sind 100 Kolonien vorhanden. Der Bestand hat in den letzten 20 Jahren leicht zugenommen.

In Gruppen tun sich die Tiere nur zusammen, um sich gegenseitig aufzuwärmen. Safi nennt dies «soziale Thermoregulation». «Weil alle Mütter ausfliegen und die Jungen klein und nackt sind, wärmen sie sich gegenseitig auf. Sonst würden sie schnell aus­kühlen», sagt die Biologin. Bei der ­Jugendaufzucht helfen sich die Mütter nicht. Jede Mutter fliegt abends aus, um Futter zu suchen. Nachdem sie vier bis sechs Wochen gesäugt wurden, gehen die Jungen selber auf Jagd.

Die Grossen Mausohren ernähren sich von Laufkäfern, die sie in den Wäldern finden. Die Säugetiere mit einer Flügelspannweite von 40 Zentimetern können sich bis zu 20 Kilometer von ihrem Quartier entfernen, um Nahrung zu suchen. Die Käfer orten sie mit ihren grossen Ohren. Laut Safi ist der Verzehr von Käfern neben dem Erhalt der Biodiversität ein zweiter Grund, um die Tiere zu schützen: Sie sind Nützlinge.

Nützlich ist aber nicht nur das Verhalten des schüchternen Tieres, sondern auch seine Ausscheidungen – über den ganzen Dachstockboden des Eglisauer Kirchturms verteilt – sind es: «Das ist einer der besten Dünger», sagt Walter Forrer. Seine Tätigkeitfür den Kantonalen Fledermausschutz ist ehrenamtlich, den Dünger darf er aber nach Hause nehmen.

Erstellt: 12.07.2017, 10:17 Uhr

Walter Forrer

Die Zwiebelhaube der Kirche ist das Zuhause der Fledermäuse. (Bild: Sibylle Meier)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.