Winkel

Im «Stützli füfzg» geht eine Ära zu Ende

Morgen lädt das Wirtepaar Hedy Eymann und Heinz Lenggenhager zur Ustrinkete. Vor 40 Jahren übernahm die gebürtige Winklerin den legendären Gasthof Hecht, der weit herum viel besser bekannt ist als «Stützli füfzg». Nun steht ein neuer Wirt bereit.

Die Wirtepaar verkündet auf Flyern im und am Restaurant seinen heutigen Abschied.

Die Wirtepaar verkündet auf Flyern im und am Restaurant seinen heutigen Abschied. Bild: Christian Wüthrich

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Der Parkplatz vor dem grossen Riegelbau ist leer, Gäste sind an diesem Montag keine da. Es muss sowas wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm sein, dem letzten nota bene. Jedenfalls für das bekannte Wirtepaar im Seebner Hecht, das selbst stets von «oisem Stützli» spricht, wenn es um den Gasthof geht.

Während draussen ein Schild «Heute Ruhetag» verkündet, ist im Keller wenig davon zu spüren. «Der ganze Karton da, muss auch noch weg», dirigiert Wirt Heinz Lenggenhager die Arbeiter.

Von oben ruft jemand nach einer Auskunft, dazwischen rumpelt es. Kurze Zeit später erscheint auch die Chefin des Hauses, Hedy Eymann, auf der Treppe und ist ganz erstaunt, dass sich die Presse für sie interessiert. «Wie haben Sie uns denn gefunden?», fragt sie überrascht.

«Schreiben Sie etwas Nettes»

Man möchte den Arbeitseifer nicht stören und dennoch drängt sich Fragen auf: Wie gehts so kurz vor dem Abschied? Und was kommt danach? Denn in Kürze übernimmt ein neuer Wirt das prominent an der Hauptstrasse zwischen Kloten und Bülach gelegene Gasthaus in Seeb.

«Es geht nahtlos weiter», sagt er, während sie auf einen liebevoll gestalteten Hinweis an der Wand oben in der Gaststube deutet. Da werden die Gäste auf einer Schiefertafel über den nahenden Wirtewechsel hingewiesen und zum Abschied gleich auf einen Umtrunk eingeladen. Ein ähnlicher Hinweis prangt schon seit einer Weile auch an den verschiedenen Eingängen des Hauses.

Kulturgut geworden

Sie sei halt etwas medienscheu entschuldigt sich die Wirtin, die wie ihre Vorgängerin den Vornamen Hedy trägt und weit über die Grenzen ihrer Gemeinde hinaus bekannt ist mit dem «Stützli». Kein Wunder, war die gebürtige Winklerin doch während genau 40 Jahren Chefin des geschichtsträchtigen Betriebs. «Schreiben Sie etwas Nettes», sagt Eymann noch, bevor sie sich verabschiedet und schon wieder weitereilt.

Der volle Übername der Gaststätte lautet «Stützli füfzg» und stammt aus Weltkriegszeiten. Die damalige Wirtin Hedy Meier verlangte von den Soldaten stets 1.50 Franken für drei Bier oder auch mal ein Bier und eine Wurst oder so ähnlich, das weiss man heute nicht mehr so genau. Beim Einkassieren machte es dann ein «Stützli füfzg», was sich kollektiv ins Gedächtnis der Gäste einbrannte und bis heute so quasi als immatrielles Kulturgut weiterlebt, wie auch der Ort selbst ein Treffpunkt ist, von denen es nicht mehr so viele gibt.

Landbeiz mit unverwechselbarem Charakter, ungekünstelt, echt und genau deswegen für viele so heimatlich charmant. Unter Eymanns Ägide wurden der Seebner Hecht auch erweitert. Es wurden Kutscherzimmer ausgebaut, die aus der Zeit von Napoleon stammen, der dem Hecht einst das Tavernenrecht zusprach.

Aber die Geschichte dieses Orts geht noch viel weiter zurück. So gilt das Haus als älteste Wirtschaft im Unterland und eine der ältesten des Kantons überhaupt. Seit 600 Jahren wird die Gaststube als solche betrieben. Heute gehören zwei weitere Gebäude ennet der Zürichstrasse dazu. Insgesamt 40 moderne Zimmer werden im Hecht, dem «Seebnerhuus» und im «Haus 13» angeboten.

Aber morgen Mittwoch wird ab 14 Uhr zunächst einmal Abschied gefeiert mit den Stammgästen und Freunden. Bei Musik, Snacks und Getränken dürfte das altehrwürdige Gemäuer einen denkwürdiger Schlusspunkt einer Ära erleben. Schon einen Tag nach dem Nationalfeiertag wird der Hecht unter neuer Führung wieder geöffnet sein.

Es übernimmt Giuseppe Imbimbo aus Kloten. «Ein guter Mann», wie es heisst. Ihm wird ganz offensichtlich zugetraut, dass er ein neues Kapitel Wirtshausgeschichte an diesem Ort schreiben könnte. Und das bisherige Wirtepaar? – «Nein, wir gehen auf keine Weltreise», winken beide sofort ab. Vorläufig bleibe man in Seeb.

Ringsum fast alles zu

In der nahen Umgebung hat der Hecht momentan fast keine Konkurrenz. Derzeit ist in der Standortgemeinde Winkel kein einziges anderes Restaurant offen, da der Landgasthof Breiti derzeit Betriebsferien hat und auch das Restaurant Wiesental im Ortsteil Niderrüti nach dem tragischen Tod des Wirtes seit Ende Juni geschlossen ist.

Dessen Tod hat auch Auswirkungen auf Bachenbülach, wo derselbe Wirt, Mario Nini, die «Rose» geführt hatte, die nun ebenfalls geschlossen ist. In dieser Gemeinde ist von ursprünglich vier Restaurants, aktuell nur eines geöffnet, das «Vis-à-vis» an der Zürichstrasse.

Erstellt: 30.07.2019, 16:18 Uhr

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