Glosse

Im Winter zu fahren, birgt viele Gefahren

Unser stellvertretender Chefredaktor über die Tücken des Autofahrens während der kalten Jahreszeit.

Eis und Schnee sorgen im Winterverkehr zuweilen für arge Turbulenzen.

Eis und Schnee sorgen im Winterverkehr zuweilen für arge Turbulenzen. Bild: Keystone

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Am Donnerstagmorgen hat es auf der A1 bei Wallisellen mehrmals gekracht – mit lästigen Staus als Folge. Der Grund: stellenweise Glatteis. Doch ist das wirklich der Grund? Zu solchen Meldungen kommt es jeden Winter. Egal, ob die Temperaturen unter Null sinken, obs Nebel hat oder ob ein bisschen Schnee fällt. Schuld ist immer das Wetter.

Ich wusste gar nicht, dass das Wetter aufs Gas- oder aufs Bremspedal drückt. Dachte immer, es seien der Fahrer und die Fahrerin, die ihr Gefährt nicht immer fest im Griff hätten. Es seien die Fahrer und die Fahrerinnen, die in immer grösseren Massen die Strassen beanspruchen. Es seien der Fahrer und die Fahrerin, die sich immer rücksichtsloser verhalten nach dem Motto: «Jetzt komme ich, macht gefälligst Platz!» Man lernt nie aus.

Auf den Strassen, nicht nur auf den Autobahnen, lässt offenbar das Wetter die Sitten zusehends verludern. Es wird nämlich gedrängelt, gehupt, gelichthupt und gedroht. Vom zornigen Geschrei hört man zum Glück nichts, welche Worte geschrien werden, weiss man dennoch sehr wohl. Für einen solchen Gesellen bedeutet eine runde Tafel mit rotem Rand und einer Zahl in der Mitte, dass dies die absolut kleinste Geschwindigkeit ist, die sein Bolide fahren kann. Alle anderen haben ihm gefälligst Platz zu machen. Aber wehe, einer fährt schneller als er. Den stellt er bolzend in den Senkel.

Die «modernen» Xenon-Scheinwerfer und LED- Lampen sind so herrlich hell.

Der lustige Wilde Westen auf dem Asphalt kann das ganze Jahr über beobachtet werden. Im Winter jedoch potenziert sich die motorisierte Action. Alles spielt sich im Dunkeln ab, da sowohl der morgendliche als auch der abendliche Stossverkehr in der Nacht stattfindet. Morgens sind viele verständlicherweise noch nicht wach, abends sind viele bereits todmüde, die Armen. Das kommt im Gedränge aber weniger gut an.

Im Dunkeln? Nein, ganz im Dunkeln nicht. Die «modernen» Xenon-Scheinwerfer und LED-Lampen sind so herrlich hell, dass sie alles in ein hartes, aber schön blendendes Licht tauchen. Das ist gut und schön für den Fahrer, für den entgegenkommenden weniger. Dieser fährt beim Passieren quasi in eine finstere Wand hinein. Das ist der Kick! Oft sind die Leuchten auch noch originell falsch ausgerichtet, so, dass der «Gegner» einen Blindflug hinlegen muss. Da braucht es nur noch einen wie üblich dunkel gekleideten Fussgänger, der sich – er hat ja Vortritt am Streifen – unbekümmert in die Strasse wirft. Oder einer jener unter-belichteten oder sogar lichtlosen Velofahrer – oft auch herzige Kinder –, die den Fussgängerstreifen als vortrittsberechtigten Velostreifen interpretieren. Die haben gute Chancen, vom Auto erwischt zu werden, da sie schnell sind und urplötzlich vor der Motorhaube auftauchen. Der Überraschungseffekt ist für beide perfekt.

Natürlich kann der Autofahrer nichts dafür, wenn die Scheinwerfer seines Fahrzeugs die Entgegenkommenden nerven (gemäss einer deutschen Umfrage fühlen sich fast 80 Prozent der Verkehrsteilnehmer von nachts entgegenkommenden Fahrzeugen geblendet). Er könnte aber wenigstens von Zeit zu Zeit in der Autowerkstatt seines Vertrauens Arbeitsplätze sichern, indem er überprüfen lässt, ob die Scheinwerfer auch wirklich originell justiert sind.

Um die Geblendeten auf ihrem gefähr-lichen Pfad ein bisschen zu geleiten, täten die Strassenbauer und -sanierer auch gut daran, auf allen Strassen nicht nur eine gestrichelte oder durchgezogene weisse Mittellinie, sondern auch Seitenlinien aufzumalen. Diese dürfen ruhig ein bisschen reflektieren. Solche Leitlinien erleichtern die Orientierung nämlich sehr, habe ich mir sagen lassen. Als freudiges Beispiel möge hier die Strasse zwischen Stadel und Hochfelden dienen, wo gröstenteils weder Mittel- noch Seitenlinien die Strecke verunzieren. Sehr zur Freude der Geblendeten.

Und dann noch das: Von jenen selbst-bewussten Zeitgenossen, die meinen, sie bräuchten nie Winterpneus, wollen wir hier nicht gross palavern. Einige meinen, sie gehörten bestraft, andere finden das nicht. Vor allem jene, die selber keine Winterpneus haben. Und diese Sommerpneu-Piloten fragen nach einem «vom Schnee verursachten» Unfall: «Schläft der Strassenunterhalt, wofür zahle ich Steuern?» – Natürlich zurecht.

Der Vollständigkeit halber nicht vergessen wollen wir die sogenannten Iglu-Fahrer. Das sind jene Wagemutigen, welche die Vorteile einer freien Sicht beim Autofahren für völlig überbewertet halten. Statt Schnee und Eis in mühseliger Anstrengung vollständig von den Scheiben zu wischen und kratzen, begnügen sie sich in bescheidener Weise mit einem Guckloch über dem Steuerrad. Beim Fahren wird auch was sich ausserhalb dieser Schiessscharte aufhält, abgeschossen – selber schuld.

Es gibt doch nichts Schöneres, als an einem eiskalten und finsteren Dezembermorgen in ein wohlig vorgeheiztes Auto zu steigen. Deshalb starten die Bedauernswerten, die nur einen Parkplatz unter freiem Himmel haben, den Motor, drehen die Heizung hoch, steigen wieder aus und gehen mit Schneebesen und Eiskratzer an die Arbeit, um das Vehikel natürlich vorschriftsgemäss fahrtüchtig zu machen. Die humorlose Polizei möchte aber die ohnehin immer wieder geplagten Automobilisten daran erinnern, dass es verboten ist, während der Säuberungsaktion den Motor unnötig laufen zu lassen. Eine derartige Übertretung kann im Ordnungsbussenverfahren nach Ziffer 326.2 («Unnötiges Laufenlassen des Motors eines stillstehenden Fahrzeuges») mit 60 Franken gebüsst werden. Ja, muss es denn wirklich so viel sein?

Erstellt: 02.12.2016, 17:09 Uhr

Cyprian Schnoz ist stellvertretender Chefredaktor des Zürcher Unterländers.

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