Eglisau

In der Wartehalle machen Geschichten die Runde

In neuem Gewand präsentierte sich die Erzählnacht am Freitag im Ambiente der alten Schalterhalle des Bahnhofs Eglisau. Neun Akteure brachten das Publikum zum Schmunzeln, Lachen und Nachdenken.

Maya Jansen inszenierte ein Wiener Chanson.

Maya Jansen inszenierte ein Wiener Chanson. Bild: Paco Carrascosa

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Die Zeit scheint im Wartesaal stillzustehen. Knapp 50 Personen lauschen am Freitag an der Erzählnacht Eglisau den Protagonisten des Abends, welche jeweils zehn Minuten eigene oder fremde Texte vortragen. Die verschiedenen Stimmen schwelgen in Kindheitserinnerungen, verpacken Gesellschaftskritik in heiterem Plauderton und jonglieren mit Wörtern wie Zirkusartisten.

Gerade liest Cécile Pircher eine innige Liebeserklärung an das Maggiatal aus einem Roman von Plinio Martini. Herzhaftes Lachen erntet auch der Schaffhauser Urs von Schroeder mit einem Ausschnitt aus seinem Buch «Flugzeit». In der «absolut wahren» Geschichte stellt er die menschliche Perspektive gänzlich auf den Kopf, denn «sein Leben auf Füssen sei nun abgeschlossen».

Auffallend anders ist auch die komödiantische Gesangseinlage von Maya Jansen, am Klavier wird sie von Winfried Schmid begleitet. Mit einer skurrilen Puppe inszeniert sie das Wiener Chanson «Der Novak lässt mich nicht verkommen». Nachdenklich hingegen macht der Bericht eines 14-jährigen Jungen aus der geschlossenen Abteilung des Jugendheims Platanenhof, den Kristin Crottogini empathisch vorliest.

Der Veranstalter Christoph Hagedorn sagt: «Unser Markenzeichen ist Diversität.» So wähle er auch seine Autoren jedes Jahr ganz objektiv aus. Er wisse jeweils nicht genau, was ihn erwarte – doch der Mut lohnt sich.

Seit zehn Jahren erfolgreich

Seit über zehn Jahren setzt sich die Eglisauer Erzählnacht bereits erfolgreich fort. «Wir haben den Kieselstein angestupst, jetzt rollt er von allein», sagt die Gründerin Ursula Fehr stolz. Die Veranstaltung wird bereits als Vorbild für andere Gemeinden genutzt: In Otelfingen feierte der Leseabend «Gesichter und Geschichten» im Dezember 2019 seine Premiere.

Das i-Tüpfelchen des Abends ist ein heiterer und selbstironischer Reisebericht von Ursula Fehr. In die Geschichte baut sie Wörter und Sätze ein, die das Publikum ihr zuvor per Zettel zukommen lässt. In plaudrigem Schweizerdeutsch spinnt sie ihr Wortgeflecht vom Schlafwagen nach Paris über eine wilde Romanze in Rom bis zum Grandhotel in Rimini und endet mit dem Rat, sich seine Jugendträume zu erfüllen.

Das freie Erzählen sei etwas, das sie schon immer fasziniert habe – denn es würde Türen zwischen Menschen öffnen. Sie fügt hinzu: «Geschichten zu erzählen, geht immer mehr verloren. Man sollte sich mehr Zeit nehmen, einander zuzuhören.»

Erstellt: 19.01.2020, 19:44 Uhr

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