Rafz

Literarisch schlägt der Kabarettist leise Töne an

Aus seinem anrührenden Roman über einen sonderlichen Beerdigungstrompeter las der deutsche Kabarettist Jess Jochimsen im Rahmen des Literaturfestivals «Erzählzeit ohne Grenzen». Mit feinem Humor versprüht «Abschlussball» trotz Friedhofskulisse alles andere als Tristesse.

Mit dem schrulligem Helden seines neuen Romans teilt Autor Jess Jochimsen die Faszination für Friedhöfe und Musik.

Mit dem schrulligem Helden seines neuen Romans teilt Autor Jess Jochimsen die Faszination für Friedhöfe und Musik. Bild: Martina Kleinsorg

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59 Veranstaltungen während neun Tagen in 40 Gemeinden mit 33 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – das sind die Rahmendaten des diesjährigen grenzüberschreitenden Literaturfestivals «Erzählzeit ohne Grenzen» Singen-Schaffhausen, welches in seiner neunten Ausgabe noch bis zum 15. April einen breitgefächerten Ausschnitt des aktuellen deutschsprachigen Literaturschaffens präsentiert. Zu den Leseorten in der Region zwischen Bodensee und Rheinfall gehört seit dem Vorjahr die Gemeindebibliothek Rafz, deren Leiterin Eva Sautter am frühen Sonntagabend rund 50 Gäste zur Lesung von Jess Jochimsen begrüsste.

Dem hiesigen Publikum durch Auftritte in der SRF-Sendung Giacobbo/Müller bekannt, gehört der vielfach ausgezeichnete Kabarettist zum Ensemble des satirischen Jahresrückblicks «Bundesordner» und beehrt mit dem eigenem Bühnenprogramm seit 20 Jahren auch die Kleintheater der Schweiz. «Es ist ja immer spannend, ausserhalb von Europa», fügte er an. 1970 in München geboren, lebt Jochimsen seit dem Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Freiburg im Breisgau. Er schreibt Kurzgeschichten und Kolumnen, «Abschlussball» ist sein zweiter Roman.

Greis bereits im Kindesalter

Marten ist Mitte dreissig, Beerdigungstrompeter auf dem Münchener Nordfriedhof. Sein Beruf scheint Berufung, eine Möglichkeit, sich von all dem fernzuhalten, was das Leben an Überraschungen bereithält. «Ich spielte so, wie ich lebte: ordentlich, leise und langsam», lässt Jochimsen seinen Ich-Erzähler sagen und weiss mit einem Einschub über die «Top Ten der Trauerhits» zu erheitern.

In Rückblenden widmet sich der Autor dem schrulligen Charakter des Protagonisten. Schon früh glaubt Marten, nicht in diese Welt zu passen. Schon als Kind fühlt er sich so alt wie ein Greis. Seine Jugend ist geprägt von den eigenen körperlichen Gebrechen, sein Grossvater erkrankt unheilbar an Krebs, die Mutter verunglückt tödlich, der Vater zieht sich emotional völlig zurück.

Das Abenteuer seines Lebens

Jochimsen macht seine Zuhörer mit weiteren Figuren vertraut, vom Friedhofsgeiger Sebastian und den Trauerredner Bettini über Sonia, die sich auf Begräbnisse anderer mogelt, um das eigene Leben zu beweinen, bis zum Bestatter Berger, welcher von viel Pomp begleitete Armenbegräbnisse veranstaltet.

Auf einem solchen «Abschlussball» spielt Marten seinem ehemaligen Mitschüler Wolfgang Schocht das letzte Lied. Als er dessen Bankkarte findet, gerät sein genügsam-geordnetes Dasein im Sog der Ereignisse aus dem Takt. «Es beginnt das Abenteuer seines Lebens», deutete der Autor nach 45-minütiger Lesezeit an. Von rund 300 Seiten hätte er 25 vorgelesen und versprach: «Es passiert noch viel.»

Lebendiger als erwartet

«Der Friedhof ist ein bezaubernder Ort», erläuterte Jochimsen die Themenwahl. Die faszinierende Kultur der Beerdigungsmusik reiche über Jahrhunderte zurück. «Ich wäre gern Berufsmusiker geworden, auf der Bühne begleite ich mich mit Gitarre und Handorgel, dem schweizerischen Nationalinstrument.»

Für Besucherin Susanna Freivogel aus Neuhausen war es bereits die dritte Lesung des Tages. Als eingefleischter Fan des Festivals empfand sie Jochimsen Vortrag als anregend: «Er hat das heikle Thema lebendiger präsentiert, als der Klappentext erwarten liess.» Auch Beatrix Witttwer aus Rafz zeigte sich angetan. «Mein Mann spielt als Organist an Abdankungen, daher haben wir einen persönlichen Bezug. Die Biografien der Figuren und der leise durchbrechende Humor regen zum Weiterlesen an.»

Abschlussball von Jess Jochimsen, dtv-Verlag, gebunden, 320 Seiten. www.erzaehlzeit.com (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 09.04.2018, 16:00 Uhr

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