Nationalrat

Mäder und Schaffner neu in Bern – Hardegger abgewählt

Barbara Steinemann schafft das beste Resultat aller Frauen, Priska Seiler Graf ist auch wiedergewählt. Mit Jörg Mäder und Barbara Schaffner sitzen zwei Neue aus dem Unterland in Bern.

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Zwei Bisherige, zwei Neue und einmal vergeblich zittern bis zum Schluss. So kann die gestrige Nationalratswahl aus Unterländer Sicht zusammengefasst werden. Die Zitterpartie betraf den Rümlanger SP-Nationalrat Thomas Hardegger. Er war mit acht Jahren als Nationalrat der dienstälteste Unterländer im Parlament in Bern. Gestern lieferte er sich ein Kopf an Kopf-Rennen mit Martin Naef (Zürich, bisher). Am Ende behielt allerdings die Zürcherin Céline Widmer das bessere Ende für sich; sie schaffte die Wahl mit 76598 Stimmen, Naef kam auf 76343, Hardegger auf 75701. Die letzten drei Wahlkreise der Stadt Zürich gaben den Ausschlag zu Gunsten Widmers. Um 19.30 Uhr hatte Hardegger noch um vier Stimmen vor Naef gelegen, Widmer schien weg vom Fenster.

Bitteres Ende für Thomas Hardegger

Hardeggers Abwahl ist das bittere Ende einer langen Politik-Karriere. Der ehemalige Sekundarlehrer sass seit 2011 für die SP im Nationalrat. Vor seiner Wahl in den Nationalrat sass er während zehn Jahren im Zürcher Kantonsrat, und er war von 2006 bis 2018 Rümlanger Gemeindepräsident. Seine Parteikollegin, die Klotenerein Priska Seiler Graf, zeigt sich schockiert. «Er hat das nicht verdient.» Hardegger selbst zeigte sich als sportlicher Verlierer: «Ich wusste, dass es schwierig wird.» Die Trends seien gegen ihn gelaufen: Als SP-Politiker vom Land habe man es gegenüber den Städtern immer schwer. «Dann der Frauenstreik und die Klima-Demos der Jungen – da lag ich altersmässig und als Mann nicht gerade im Trend.» Da half es auch nicht, dass Hardegger Umwelt-Politiker ist. «Das Leben geht weiter, auch wenn ich gern noch vier Jahre meine Themen bearbeitet hätte», sagt er. «Nun kommen andere, die es vielleicht sogar mit mehr Energie machen». Das sei «Part of the Game».

Barbara Schaffner ist selbst überrascht

Viel besser lief es den Unterländer GLP-Kandidierenden. Der Opfiker Stadt- und Zürcher Kantonsrat Jörg Mäder und die Otelfinger Gemeindepräsidentin und Kantonsrätin Barbara Schaffner liessen sich gleichsam von der grünen Welle nach Bern spülen.Schaffner war von ihrem Abschneiden überrascht. Bei den Grünliberalen sei man schon davon ausgegangen, zulegen zu können. «Dass wir sechs Sitze holen, hätte aber niemand gedacht.» Schaffner machte auf ihrem Weg in den Nationalrat zwei Listenplätze gut.

Den Ausschlag für den Zuwachs bei den Stimmen habe die GLP-Plitik gegeben, glaubt sie. «Gesellschaftsliberal» und «unsere Position in der Europafrage» lauten die entsprechenden Schlagworte. Und Greta Thunberg habe sicher auch geholfen. In Bern will Schaffner die gleichen politischen Ziele verfolgen wie bereits im Kantonsrat. «Die Schweiz muss sich in Richtung CO2-Neutralität bewegen.» Um diese erreichen zu können, schlägt die Physikerin und Energietechnikerin entsprechend ihrem Hintergrund technische Lösungen vor.

Apropos Kantonsrat: Dieses Mandat wird Schaffner abgeben. Nachrücken könnte die Dällikerin Karin Joss, die bei der Kantonsratswahl im Frühling hinter Schaffner den dritten Platz belegte.

Jörg Mäder schliesst zwei Jahre Wahlkampf ab

Jörg Mäder zeigte sich vom Resultat der GLP «brutal überrascht». Er habe seine Wahlchancen zwar auf über 50 Prozent geschätzt; den vierten Listenplatz konnte Mäder halten. Dass es für die GLP sechs Sitze würden, hätte er aber auch nicht erwartet. Mäder will seinen Kantonsratssitz ebenfalls abgeben; in der Pole Position für seine Nachfolge befindet sich die Bassersdorferin Melissa Näf-Doffey.

Mäders Themen sind neben der Umwelt insbesondere die Digitalisierung und die Gesundheitspolitik, für die er auch als Opfiker Stadtrat zuständig ist. Im Gegensatz zu Schaffner rechnet er übrigens mit einem doch klar grösseren Aufwand, den er als Nationalrat haben wird im Vergleich zum Kantonsrat. «Das kann ich aber einrichten.» Vorderhand ist Mäder froh, keinen Wahlkampf mehr betreiben zu müssen. Denn im Frühjahr hatte er noch für den Zürcher Regierungsrat kandidiert. «Und zuvor waren die kommunalen Wahlen. Ich war also zwei Jahre lang im Wahlkampf», sagt er lachend.

Barbara Steinemann: «Es ist der Horror!»

Gar nicht ums lachen war es gleichzeitig der Regensdorfer SVP-Politikerin Barbara Steinemann. Vier Jahre nach ihrem Einzug in den Nationalrat verteidigte sie ihren Sitz zwar souverän: Steinemann erzielte nicht nur das beste Resultat aller Unterländer Kandidierenden, sondern auch das beste Resultat aller für den Nationalrat kandidierenden Frauen. Steinemann freute sich vor allem über den grossen Rückhalt, den sie in der Region spürte – sie wurde in allen Unterländer Gemeinden mit sehr guten Resultaten gewählt. Das Gefühl, von der Region getragen zu werden, sei ihr sehr wichtig.

Aber eben: jubeln mochte sie nicht. «Es ist der Horror», sagte sie am Sonntagabend. «So viele Leute, mit denen ich nun vier Jahre lang zusammengearbeitet habe, wurden abgewählt.» Geschuldet, so Steinemann, sei dies nicht zuletzt einer «Gehirnwäsche» – denn das sei die Grüne Welle. «Viele Medien sind da leider aufgesprungen.» Sie bedauert insbesondere, dass die Beständigkeit in den Parlamenten verloren geht. Die Schwankungen bei SP und SVP seien in einem relativ kleinen Bereich – bei Grün und Grünliberal aber sehr gross. Das habe sich auch im Zürcher Kantonsrat gezeigt. 2011 hätten viele neue Kandidierende den Einzug geschafft, seien vier Jahre später aber nicht wiedergewählt worden.

In der nächsten Legislaturperiode in Bern will Steinemann weitermachen wie bisher. Ein Beispiel nennt sie aus der Verkehrspolitik: «Als es um die CO2-Abgabe für Flüge ging, habe ich das rote Knöpfchen gedrückt». Also dagegen votiert. Es sei eine reine Fiskal-Abgabe, bringe der Umwelt wenig und gefährde enorm viele Arbeitsplätze in der Region.

Ratlosigkeit bei Priska Seiler Graf

Ebenfalls wiedergewählt, mit dem Resultat ihrer Partei aber nicht zufrieden ist Priska Seiler Graf. «Ich fühle mich gerade sehr bedrückt», sagte die Klotener Stadträtin. Es habe keine Umfrage gegeben, die auf solche Verluste der SP hingedeutet habe. Bisher sei es im Kanton Zürich meist so gewesen, dass die Grünen gewonnen haben, wenn die SP verlor – und umgekehrt. Bei den Kantonsratswahlen im Frühling war es anders, und nun sei man wieder ins alte Muster zurückgefallen. «Und wir wissen nicht warum. Da bin ich wirklich ratlos.» Schliesslich sei die SP auch eine Umweltpartei.

Positiv am Wahltag: «Meine Wiederwahl freut mich. Denn es braucht in Bern vier Jahre, um sich einarbeiten zu können.» Nun wolle sie richtig loslegen. Ihre Themen: Die Sicherheits- und die Flughafenpolitik. Bei letzterer stehen sich sie und Steinemann ziemlich diagonal gegenüber. Seiler Graf will die Einführung einer Flugticketabgabe. Nur eben: «Ich war bei diesen Themen immer froh um die Unterstützung von Thomas Hardegger.»

Erstellt: 20.10.2019, 21:31 Uhr

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