Eglisau

«Meine Triebfeder ist das Interesse»

20 Jahre war er im Nationalrat, bis ihn das Zürcher Stimmvolk im vergangenen Oktober nicht wiedergewählt hat. Kein Grund für Hans Fehr, sich von der Politik abzuwenden.

<b>Fährt die Bahn im Kreis?</b> Oder in Richtung EU? Das Buch, das der ehemalige Nationalrat Hans Fehr mitverfasst hat, soll den Lesern dabei helfen, sich eine eigene politische Meinung zu bilden

Fährt die Bahn im Kreis? Oder in Richtung EU? Das Buch, das der ehemalige Nationalrat Hans Fehr mitverfasst hat, soll den Lesern dabei helfen, sich eine eigene politische Meinung zu bilden Bild: Sibylle Meier

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Zwei Katzen tragen zur Behaglichkeit bei auf dem Sitzplatz in Eglisau. Die eine sitzt mit am Tisch und die andere macht im Gartencheminée ein Nickerchen. Hans Fehr ist sich der Gemütlichkeit seines Zuhauses bewusst. Wenn man sich mit ihm über die EU unterhält, ist das keine angespannte Diskussion, sondern ein tiefgründiges Gespräch. Anlass des Austauschs ist das Buch «Vor der Entscheidung», das pünktlich zum Brexit erschienen ist. Der ehemalige SVP-Nationalrat hat es mitverfasst.

Die Brio-Bahn auf dem Buchcover verdeutlicht die Absicht der acht Autoren, das Rahmenabkommen mit der EU, über das voraussichtlich 2017 abgestimmt wird, als Weichenstellung auszulegen: Souverän bleiben oder zum Kolonialstaat der EU werden. Hans Fehr bedient sich in ausgiebiger Weise der Literatur, nicht nur, um seine Antworten auszuschmücken, sondern weil er in der Lyrik und in der Geschichte Parallelen zur aktuellen Politik sieht.

Für ihn werden nicht Äpfel und Birnen verglichen, wenn die EU und die Einwanderung im Buch fest miteinander verknüpft werden. «Die zentrale Säule ist die Personenfreizügigkeit. Sie ist Hauptgrund für die Zuwanderung.» Er glaubt, dass die Schweizer Souveränität mit dem Brexit gestärkt wurde: «Der Brexit ist eine schallende Ohrfeige für die Brüsseler Bürokraten.»

«Vor der Entscheidung» soll den Lesern dabei helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Es will dabei nicht auf aktuelle Entwicklungen eingehen. Die Frage stellt sich damit, ob die Autoren nicht eine Meinung kundtun, die bereits feststeht. «Nein», sagt Hans Fehr. «Das Buch ist sehr wohl aktuell, befasst sich aber nicht mit dem politischen Tagesgeschehen. Es legt die Fakten auf den Tisch und lässt die Türe für einen Diskurs offen.

Ganz bewusst bleibt Hans Fehr auch im Gespräch offen für kritische Fragen. Denn daran zeigt sich, wie reflektiert seine politische Haltung zu sein scheint. So grenzt er sich etwa ab von politisch motivierter Kritik an der Gesellschaft. Und auch die aufklärerische Komponente des Buchs begründet er sachlich: «Ich betreibe keine Gesellschaftskritik», sagt er, schaut auf das Buch in seinen Händen, während er es ein wenig zu sich hin bewegt. «Das Sachbuch setzt sich objektiv und kritisch mit der Absicht des Bundesrats auseinander, sich der EU zu unterwerfen. In dieser Hinsicht will es aufklären. Der Bundesrat redet den Rahmenvertrag schön. Er bezeichnet ihn als Erneuerung des bilateralen Wegs. In Tat und Wahrheit ist es aber ein schleichender EU-Beitritt.»

Für Fehr ist Bern nicht so fremd wie Brüssel, obschon er der Meinung ist, dass Politiker, je höher ihr Rang, umso weiter weg vom Volk sind. «In Bern bestimmen wir mit. Wir geben uns im Gegensatz zur EU unsere Verfassung selber.» Die Grösse eines Landes spielt für Fehr nicht nur eine Rolle, wenn es darum geht, ob man sich an grosse Strukturen gewohnt ist. So glaubt er zwar, dass Föderalismus auch in grossen Gebieten funktionieren kann. Im Vordergrund stehe aber das Grössenverhältnis. «Gerade weil die Schweiz so klein ist, hätten wir am meisten zu verlieren. In der EU wäre die Schweiz untervertreten und wir hätten nichts mehr zu sagen.» Fehr hat nicht wirklich Vertrauen in die Schweizer Regierung. Er glaube, dass sich kein vernünftiger Schweizer Politiker ernsthaft der EU unterwerfen wolle. Doch wenn der Rahmenvertrag abgeschlossen sei, sei die Schweiz dem Diktat der EU unterworfen. «Im Parlament sitzen zu viele Kleinmeister, die keine Sicht auf das Ganze haben. Sonst würden sie merken, dass unsere Souveränität auf dem Spiel steht.»

EU-Recht würde zwar nur in Bereichen übernommen, wo es bilaterale Verträge gibt. Die Schweiz hätte also mitzubestimmen. Doch Fehr hält an seiner Meinung fest und an seinem Verdacht: «Die Schweiz hätte weniger als drei Prozent Stimmkraft und würde überstimmt. Und der EU-Gerichtshof hätte bei Differenzen das letzte Wort. Das verschweigt der Bundesrat aber.» Vielleicht wäre seine Haltung anders, wenn die EU demokratischer wäre. «Die EU ist eine intellektuelle Fehlkonstruktion und müsste sich stark in Richtung Volksrechte reformieren.»

Im Buch listet er auf, wie viel neue Infrastruktur es wegen der Zuwanderung braucht. 4560 Fussballfelder an Siedlungsgebiet seien jährlich nötig. Hans Fehr glaubt nicht, dass der Siedlungsdruck dort am meisten zu spüren ist, wo Gemeinden Bauland einzonen, um zahlungskräftige Steuerzahler anzulocken. «Das ist vielleicht punktuell so. Einzonungen sind demokratisch legitimiert. Die Massenzuwanderung ist das zentrale Problem, denn die Einwohnerzahl der Schweiz wächst pro Jahr etwa um jene der Stadt Winterthur. Und das ist massgeblich eine Folge der Personenfreizügigkeit.»

Dass der Siedlungsdruck auch ohne die Personenfreizügigkeit nicht geringer wäre, da er unter anderem von Einwanderern verursacht wird, die auch mit Kontingenten ins Land kämen, etwa von Fachkräften, bestreitet Fehr. «Von 1970 bis 2007, als wir Kontingente hatten, kamen durchschnittlich nur 20 000 Zuwanderer ins Land. Mit dem Nein zur Masseneinwanderung hat das Volk gleichzeitig Nein zur Personenfreizügigkeit gesagt.»

Der Rechtsanwalt Marco Lorez ist Herausgeber des Buchs «Vor der Entscheidung». Er war es, der Fehr angefragt hat, ob er ein Kapitel beisteuern wolle. «Das Buch ist keine Kampfschrift und leistet einen kritischen Beitrag zur politischen Meinungsbildung. Das hat mich überzeugt und so habe ich zugesagt», sagt der 69-jährige Fehr. Und es habe sich gelohnt. «Es gab viel zu tun, die Recherche und das Redigieren waren sehr aufwändig.» Die Zusammenarbeit unter den Autoren sei spannend gewesen und mit dem Resultat ist er zufrieden. «Ich habe Freude am Buch.»

Seit Hans Fehr nicht mehr im Nationalrat ist, hat er mehr Zeit für sich. Er findet es eine schöne Aufgabe, sich um seinen Enkel zu kümmern. Nicht nur wenn es um Politik gehe, sei er von der Leidenschaft angetrieben. So habe er auch mehr Zeit für seine Reben in Berg am Irchel. Mit seiner Frau geht er gerne an Veranstaltungen und macht Ausflüge. «Ich schätze den Wald. Und ich unternehme Touren mit meinem Töff.»

Der Vater von zwei Kindern war bis Mitte der Achtzigerjahre Reallehrer. In seiner Zeit im Nationalrat von 1995 bis 2015 war er Mitglied der Staatspolitischen und der Sicherheitspolitischen Kommission. «Ich sehe, was ich geleistet habe. Damit bin ich zufrieden.» Hans Fehr ist kein Typ, der jammert. Im Gegenteil: Er schaut nach vorne. Er arbeitet an verschiedenen Projekten, hält Vorträge und Schulungen, etwa für Kantonsratskandidaten, und schreibt in der Basler Zeitung. «Ich traure Bern nicht nach. Getreu dem Motto die Katze lässt das Mausen nicht, bleibe ich politisch aktiv.» Für ihn ist es gut so, wie es ist. «Die Leidenschaft, die mich immer angetrieben hat, ist heute genauso gross.»

In seiner Freizeit ist Hans Fehr auch sportlich. So wandert er und nimmt an Waffenläufen teil. Und der Ehemann der Gemeindepräsidentin von Eglisau, Ursula Fehr, hat ein Flair für Literatur. «In der Analyse von guten Gedichten zeigen sich fast immer Parallelen zur heutigen Zeit und zur Gesellschaft. Meine Motivation ist die Leidenschaft und Interesse. Ich glaube, dass es Interesse ist, das Menschen antreibt. Genau wie das die deutsche Schauspielerin Therese Giehse gesagt hat: Eigentlich bin ich stinkfaul. Ich bin sogar ein kolossal fauler Mensch. Es war nie Fleiss – es war alles Interesse.»

Fehr ist der Ansicht, dass viele Politiker, in welchem Lager auch immer, wie er sagt, nicht fähig zu einer historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Gesamtschau seien. Abhilfe schaffe es, die politischen Botschaften aus Gedichten wahrzunehmen. «Rudenz etwa, der sich in Schillers Wilhelm Tell zum habsburgischen Hof hingezogen fühlt, weil er sich von der Zugehörigkeit zu etwas Grossräumigen mehr Ruhm verspricht. Das kann man auf Politiker übertragen, die den Bezug zum Volk verloren haben, und glauben, sich in der EU entfalten zu können.»

Auch auf das Buch bezogen, hat Fehr ein aktuelles Beispiel parat: «In Heinrich Heines Gedicht Die Lore-Ley betört die verführerische Jungfrau die Schiffer auf dem Rhein und deren Schiffe zerschellen am Schieferfelsen. Der Rahmenvertrag, den der Bundesrat dem Volk als Erneuerung des bilateralen Wegs aufdrängen will, zeigt, dass man sich hüten sollte von Trugbildern und leeren Versprechungen.»

Erstellt: 12.07.2016, 20:55 Uhr

ZUR PERSON

Hans Fehr lebt mit seiner Frau Ursula in Eglisau. Von 1995 bis 2015 war der SVP-Politiker Nationalrat. Bei den letzten Wahlen haben ihn die Zürcher Wähler nicht wiedergewählt.Der zweifache Vater war von 1974 bis 1984 Reallehrer. Als Parlamentarier war er Mitglied
der Staatspolitischen und der Sicherheitspolitischen Kommission desNationalrats. Mit dem, was er in dieser Zeit erreicht habe, sei er zufrieden, sagt er. oli

DAS BUCH

«Vor der Entscheidung – Beiträge zur europapolitischen Debatte in der Schweiz» widmet sich der Frage, welchen Preis die Schweiz für die Beibehaltung der bilateralen Verträge mit der EU zu zahlen bereit ist. Zu den acht Autoren gehören auch der SVP-Vordenker Christoph Blocher oder der ehemalige US-Botschafter Carlo Jagmetti.

Keine Kampfschrift: Das im Verlag Swiboo.ch erschienene
Buch hat den Anspruch, den europapolitischen Diskurs objektiv und parteiübergreifend darzustellen. Die Sprache ist unverhüllt. «Widerstand oder Kampf um die Freiheit?» lautet die erste Frage im Vorwort. Das Buch sei keine Kampfschrift, beleuchte die verschiedenen Bereiche aber nicht standpunktlos, lässt der Herausgeber Marco
Lorez dazu verlauten. oli

Verlag Swiboo.ch, 94 Seiten, 14.90 Franken

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