Unterländer Gemeinden

Nur wenige bekämpfen den Lärm dort, wo er entsteht

Aus einem gross angelegten Programm sind hauptsächlich Schallschutzfenster und einige Lärmschutzwände hervorgegangen. Ursprünglich hätte der Verkehrslärm anders reduziert werden sollen.

Diese Lärmschutzwände an der Schaffhauserstrasse in Ofikon liess der Kanton einbauen.

Diese Lärmschutzwände an der Schaffhauserstrasse in Ofikon liess der Kanton einbauen. Bild: Christian Wüthricht

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In Opfikon bleibt es laut. Obwohl der Verkehrslärm an der Oberhauser-, Talacker- und Giebeleichstrasse über dem definierten Grenzwert liegt, unternimmt der Stadtrat nichts. Im Rahmen des gross angelegten Lärmschutzprogramms des Kantons Zürich mussten seit 2008 alle Gemeinden Massnahmen an belasteten Standorten entlang Gemeindestrassen prüfen.

Die Autobahnen und Kantonsstrassen liegen in der Verantwortung des Bundes respektive des Kantons. Das Programm kostet den Kanton mindestens 200 Millionen Franken, den Bund 1,8 Milliarden Franken.

Ursprüngliches Ziel des Projekts war, den Strassenlärm an der Quelle zu bekämpfen – also entweder mit einer günstigen Lenkung des Verkehrs, mit Temporeduktionen oder Strassenbelägen, auf denen die Fahrzeuge ruhiger rollen. Doch solche Eingriffe lehnt der Opfiker Stadtrat ab.

Auf den etwas grösseren Gemeindestrassen sei Tempo 30 nicht möglich, sagte Bauvorsteher Bruno Maurer (SVP) vor Kurzem gegenüber dem Zürcher Unterländer. Eine Lösung seien lärmarme Beläge. Doch da diese erst eingebaut werden, wenn die Strasse sowieso saniert wird, werden die Anwohner wohl noch etliche Jahre beschallt.

Schutz nur im Haus

Opfikon ist mit seinem Vorgehen nicht allein. «Im Zürcher Unterland wurden Massnahmen an der Quelle eher selten geprüft», sagt Thomas Maag von der Kommunikationsstelle der kantonalen Baudirektion. Auch Lärmschutzwände wären auf Gemeindestrassen meist zu teuer und würden das Ortsbild stören.

Entlang Kantonsstrassen hingegen wurden in den letzten Jahren einige Lärmschutzwände gebaut. Kommt die abklärende Behörde zum Schluss, dass Massnahmen an der Quelle nicht möglich oder nicht verhältnismässig wären, kann sie einen Antrag auf Verzicht an die Exekutive stellen. In den meisten Fällen werden diese gewährt.

«Es handelt sich um Scheinsanierungen»

Es bleibt die Möglichkeit, den Hauseigentümern Beiträge an Schallschutzfenster anzubieten. Viele ersetzen ihre Fenster aber nicht, weil sie den Grossteil der Kosten selber tragen müssten. «Es handelt sich um Scheinsanierungen», stellt Peter Ettler von der Lärmliga klar. Ein Schallschutzfenster schütze schliesslich nur, wenn man sich bei geschlossenem Fenster im Haus aufhält.

Zudem werde das Gesetz vielerorts nicht eingehalten, kritisiert Ettler. «Opfikon weigert sich, etwas zu unternehmen. Das ist ein rechtswidriger Zustand.» Die Lärmliga hat sich die Bekämpfung des Verkehrslärms zum Ziel gemacht und vor einem Jahr einen Klagepool eingerichtet. Personen, die ihr Recht vor Gericht einklagen wollen, können sich für einen Beitrag von 1000 Franken anmelden, worauf eine spezialisierte Anwaltskanzlei Musterprozesse durchführt.

Später fallen weitere Kosten an. «Die Chancen stehen gut, dass die Gerichte die Klagen gutheissen», glaubt Ettler. Erhalten die Kläger Recht, können sie mit jährlichen Schadenersatz-Summen von rund 2500 Franken pro Million Gebäudewert rechnen – rückwirkend auf den 1. April 2018, als die Frist für die Lärmsanierungen abgelaufen war. Seither sind aber nur rund 50 Anmeldungen eingegangen – einige davon auch aus dem Zürcher Unterland. Damit die Organisation aktiv wird, wären rund 300 Anmeldungen nötig.

Kanton testet Beläge erneut

Unzufrieden ist die Lärmliga auch mit dem Tempo, welches der Kanton Zürich bei dem Einbau von lärmarmen Strassenbelägen eingeschlagen hat. Ein Musterbeispiel gibt es so bereits auf der Autobahn Kloten-Bülach.

Nun will der Kanton weitere Abschnitte im Rahmen eines Testprogramms erstellen – beispielsweise an der Hochfelderstrasse in Bülach, an der Wehntalerstrasse in Oberweningen und der Schaffhauser- und Thurgauerstrrasse in Opfikon.

Das versteht Peter Ettler nicht. Der Bund habe die Wirksamkeit der Beläge längst nachgewiesen. «Dass der Kanton Zürich nun auch noch eigene Versuche macht, ist eine reine Verschleuderung von Steuergeldern», kritisiert der Fachmann.

Die Baudirektion rechtfertigt die Tests damit, dass die Verkehrszahlen im Kanton Zürich durchschnittlich höher seien als anderorts in der Schweiz und dass man Eigenschaften und Alterungsverhalten verschiedener Belagtypen untersuchen wolle.

Langsamer fahren schützt

Trotz ernüchterndem Resultat gibt es aber auch im Unterland einige Beispiele, wo Lärmschutz-Massnahmen an der Quelle greifen. In Eglisau, Otelfingen und Bassersdorf fahren die Autos seit vielen Jahren mit höchstens 30 Stundenkilometer durch die Quartiere.

In Bassersdorf wurde die Temporeduktion 2013 eingeführt und an der Gemeindeversammlung demokratisch legitimiert – in erster Linie nicht aus Gründen des Lärmschutzes, sondern wegen der Sicherheit.

«Die Geschwindigkeitsbegrenzung wird von den Verkehrsteilnehmern grösstenteils eingehalten», sagt Bauamtleiter Patrik Baumgartner. Der Gemeinde blieb danach nicht mehr viel Arbeit im Zusammenhang mit dem Lärmschutzprogramm. Eine Tempo-30-Zone einzurichten, sei aber anspruchsvoll, erklärt Baumgartner.

Für bauliche Massnahmen und Signalisationen braucht es ein Gutachten, dem auch die Kantonspolizei zustimmen muss. Nicht selten entsteht auch Widerstand vonseiten der Bevölkerung. So etwa unlängst in Höri und Glattfelden.

Gemäss einem Urteil des Bundesgerichts sollen Tempo-30-Zonen aus Lärmschutzgründen grundsätzlich geprüft werden, auch auf Kantonsstrassen. Ob dies so bleibt, wird bald auf Bundesebene entschieden.

Der Nationalrat hat einem Vorstoss des SVP-Vertreters Gregor Rutz bereits zugestimmt, der Tempo-30 aus akustischen Gründen auf Hauptverkehrsachsen nicht mehr zulassen will. Der Beschluss des Ständerats ist noch ausstehend. Gemäss Bundesamt für Umwelt ist Verkehr, der mit Tempo 30 statt 50 rollt, nur noch halb so laut.

Erstellt: 02.04.2019, 18:09 Uhr

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