Winterthur/Region

Reicher Speckgürtel, armes Tösstal

Wo in der Region verdient man viel, und wo ­wohnen die Schlechtverdiener? Wir haben die Zahlen ­zusammengestellt und bei den Gemeinden nachgefragt.

Lesebeispiel: In Winterthur liegt das mittlere steuerbare Einkommen mehr als 10 Prozent unter dem Durchschnitt aller Regions­gemeinden (schlecht verdienende Einwohner). In Hettlingen dagegen liegt das mittlere Einkommen mehr als 15 Prozent über dem Durchschnitt (gut verdienende Einwohner).

Lesebeispiel: In Winterthur liegt das mittlere steuerbare Einkommen mehr als 10 Prozent unter dem Durchschnitt aller Regions­gemeinden (schlecht verdienende Einwohner). In Hettlingen dagegen liegt das mittlere Einkommen mehr als 15 Prozent über dem Durchschnitt (gut verdienende Einwohner).

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Lufingen geht es gut. Nirgendwo in der Region verdienen die Einwohner so viel Geld wie in dem kleinen Unterländer Dorf. Mit 64'200 Franken liegt das mittlere steuerbare Einkommen genau einen Viertel über dem Durchschnitt ­aller Regionsgemeinden. Das hängt mit dem tiefen Steuerfuss von 89 Prozent zu­sammen, der für Grossverdiener attraktiv ist. «Aber nicht nur», meint Gemeindepräsident Jürg Badertscher (Partei: liberales ­Lufingen). Er sagt: «Bei uns sind in den letzten Jahren sehr viele Leute zugezogen. Die meisten haben Wohneigentum gekauft, und das setzt natürlich gewisse Einkommensverhältnisse voraus.» Weiter profitiere die Gemeinde davon, dass man wenig Fluglärm habe und trotzdem nahe an Kloten, Zürich und Winterthur sei.

Brütten: jeder Vierte versteuert über 100'000 Franken

Für den vorliegenden Vergleich wurden die Steuerdaten des kantonalen Statistikamts ausgewertet (Zahlen von 2012). Ins­gesamt zeigt sich das Bild des ­bekannten Speckgürtels reicher Gemeinden im Norden und Westen Winterthurs. Hinter Lufingen auf Rang 2 und 3 plat­zieren sich Brütten (mittleres Einkommen 24 Prozent über dem Durchschnitt) und Hettlingen (20 Prozent).

Betrachtet man die Spitzen­verdienste, schwingt Brütten ganz obenaus: Mehr als jeder vierte Einwohner versteuert hier über 100 000 Franken. Gemeindepräsident Rudolf Bosshart (FDP) verweist auf die überdurchschnittlich vielen Einfamilienhäuser in seiner Gemeinde. Als superreich will er diese jedoch nicht ansehen. Die Pro-Kopf-Steuerkraft habe sich dem kantonalen Mittel angenähert, sagt er. Vor allem nehme Brütten bei den Firmen fast keine Steuern ein.

«Wirtschaftlich am Rand von Zürich»

Auf der anderen Seite der Tabelle steht Turbenthal. In der Tösstalgemeinde mit einem Steuerfuss von 122 Prozent liegt das mittlere Einkommen über 20 000 Franken unter dem Spitzenwert von Lufingen. Gleichfalls sehr ­wenig verdient man in den Nachbar­gemeinden Bauma und Zell. Winterthur fällt vom Durchschnitt der Gemeinden ­weniger stark ab (11 Prozent) als diese Ortschaften im Tösstal (15 bis 17 Prozent).

«Wir liegen wirtschaftlich am Rand von Zürich», sagt der Turbenthaler Gemeindepräsident Georg Brunner (FDP). Der eher günstige Wohnraum führe zum Zuzug von Personen, «die sich das Wohnen andernorts nicht leisten können». Zudem gebe es im Ort relativ viele Familien, die hohe Steuer­abzüge machen können, und wenige Doppelverdienerpaare. Turbenthal muss jedoch nicht darben, denn die Gemeinde erhält Geld aus dem Finanzausgleich (siehe Kasten).

Winterthur verliert etwas an Boden

Die Einkommen sind zuletzt fast überall gestiegen. Seit 2002 nahm der Mittelwert in 57 von 59 Gemeinden zu, im Durchschnitt um 3800 Franken (8 Prozent). In Winterthur wuchs das mittlere Einkommen nur um 1500 Franken, also weniger als halb so viel wie im Durchschnitt. Noch klar schlechter ist die Entwicklung in Embrach und Waltalingen, wo es Rückgänge von 700 Franken gab.

Allerdings will man in Embrach, gleich neben dem reichen Lufingen gelegen, nicht von ei­nem Negativtrend reden. Die Lage sei stabil, sagt Finanzsekretär Bruno Feldmann. Im Ort wohnten halt viele aus der Mittelschicht: «Es gibt mehr Mietwohnungen als in Lufingen und weniger hochpreisige Neubauten.»

Am stärksten gestiegen sind die Werte in Dättlikon, ebenfalls eine Nachbar­gemeinde von Embrach. Innert zehn Jahren nahm hier das mittlere Einkommen um stolze 12 000 Franken zu (dahinter liegt Laufen-Uhwiesen im nördlichen Weinland mit fast 10 000 Franken). Dättlikons Gemeindepräsident Jürg Allenspach (parteilos) begründet den Aufstieg mit dem «Lufingen-Effekt»: Es wurde viel gebaut, allem voran Einfamilienhäuser. Und: «Wir sind einfach eine schöne und attraktive Gemeinde.»

Erstellt: 27.10.2015, 18:54 Uhr

Lesebeispiel: In Winterthur beträgt das mittlere steuerbare Einkommen 45 600 Franken (Median). Ein Viertel der Einwohner versteuert weniger als 23 200 Franken (25%-Quantil, Schlechtverdiener), ein Viertel versteuert mehr als 68 800 Franken (75%-Quantil, Gutverdiener). In Zürich ist die Kluft zwischen Schlecht- und Gutverdienern grösser als in Winterthur (tieferer 25%-Quantil-Wert, höherer 75%-Quantil-Wert).

(Zum Vergrössern der Grafik bitte auf das Bild klicken)

Finanzausgleich

Keine Gemeinde im Kanton muss darben

Die armen Gemeinden werden reicher gemacht durch den kantonalen Finanzausgleich. Das geht so: Der Finanzausgleich definiert zwei Grenzen bei der Pro-Kopf-Steuerkraft – eine «Armutsgrenze» (95 Prozent des kantonalen Durchschnitts) und eine «Reichtumsgrenze» (110 Prozent des Durchschnitts). Unterschreitet eine Gemeinde die «Armutsgrenze», wird dieses Defizit ausgeglichen, das heisst, sie erhält so viel Geld von den reichen Gemeinden und vom Kanton, dass sie mindestens genau diese Grenze erreicht. Umgekehrt müssen Gemeinden, die die «Reichtumsgrenze» überschreiten, Geld abliefern – allerdings nicht alles überschüssige Geld, sondern nur 70 Prozent davon.

Dieser sogenannte Ressourcenausgleich hat Vor- und Nachteile. Die Bezuschussung armer Gemeinden verhindert, dass Orte mit Standortnachteilen, die sie kaum beeinflussen können, allzu stark unter ihren tiefen Steuereinnahmen leiden. Die festgelegte «Armutsgrenze» beschränkt indessen auch den Bereich des «freien Marktes»: Eine Gemeinde mit sehr tiefer Steuerkraft hat kaum Interesse daran, gute Steuerzahler anzulocken, denn nimmt sie mehr Steuern ein, erhält sie weniger Geld aus dem Finanzausgleich – für die Gemeinde fast ein Nullsummenspiel. Die Stadt Winterthur beispielsweise profitiert finanziell nicht davon, wenn Gut­verdiener zuziehen – mit einer Pro-Kopf-Steuerkraft von nur
81 Prozent des Durchschnitts liegt sie viel zu weit unterhalb der «Armutsgrenze».

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