Bezirksgericht Bülach

Sex ohne Kondom ist noch keine Straftat

Weil er ohne das Wissen seiner Partnerin das Kondom abgestreift haben soll, musste sich ein Student vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Dieses sprach ihn vom Vorwurf der Schändung frei – «leider», wie der Vorsitzende betonte.

Entledigt sich ein Partner beim Geschlechtsverkehr heimlich des Kondoms, spricht man von Stealthing. Wie belastend das für das Opfer sein kann, zeigte sich am Mittwoch am Bezirksgericht Bülach.

Entledigt sich ein Partner beim Geschlechtsverkehr heimlich des Kondoms, spricht man von Stealthing. Wie belastend das für das Opfer sein kann, zeigte sich am Mittwoch am Bezirksgericht Bülach. Bild: Symbolbild/Keystone

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Vereinbart ist einvernehmlicher Sex – geschützt. Und dann zieht er plötzlich das Kondom ab, ohne ihr Wissen. Dieser von einem Partner ausgehende ungeschützte Verkehr wird als Stealthing bezeichnet, abgeleitet vom englischen stealth, was List oder Heimlichtuerei bedeutet.

Für diese gefährliche Praxis hatte sich am Mittwoch ein 20-Jähriger am Bezirksgericht Bülach zu verantworten. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn der Schändung. Der Student machte dagegen geltend, er habe davon ausgehen können, die Frau sei einverstanden gewesen, dass er im Verlauf des Geschlechtsverkehrs auch ohne Kondom in sie eingedrungen sei. Diese bestritt das vehement.

«Wir würden das Gesetz überdehnen»

Das Gericht sprach den jungen Mann frei. Aber nicht etwa, weil es ihm glaubte. «Das Gericht ist der Auffassung, dass die Geschichte, so wie sie die Frau erzählt, zu 100 Prozent stimmt», betonte der Vorsitzende. Von Schändung spreche man, wenn jemand eine urteilsunfähige oder zum Widerstand unfähige Person zum Beischlaf, zu einer beischlafähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung missbrauche, obwohl er um ihren Zustand weiss.

«Leider geht es im entsprechenden Paragrafen nicht um die Missachtung weiterer Spielregeln», bedauerte der Richter. Und in der Schweiz könne eine Strafe nur wegen einer Tat verhängt werden, die das Gesetz ausdrücklich unter Strafe stellt. «Wenn das Gericht Sie für die Sache mit dem Kondom verurteilen würde, würden wir das Gesetz überdehnen – und das wäre irgendwann eine Gefahr für den Rechtsstaat», erklärte er in der Urteilsbegründung.

Bis heute fehlt ein Bundesgerichtsurteil zum Stealthing. «Wenn diese Lücke erkannt ist, braucht es anschliessend einen Entscheid des Parlaments, welcher das Gesetz ändert», so der Vorsitzende des Bezirksgerichts.

Für das Kantonsgericht Waadt war es Schändung

Stealthing ist in der Schweiz in der Tat juristisches Neuland. Vor zwei Jahren verurteilte das Strafgericht in Lausanne erstmals einen Mann wegen Vergewaltigung, weil er das Kondom ohne Wissen und gegen den Willen der Frau entfernt hatte. Das Kantonsgericht Waadt bestätigte die Gefängnisstrafe von zwölf Monaten bedingt, qualifizierte das Delikt jedoch als Schändung.

Wegen Stealthing beim Geschlechtsverkehr mit einem Callgirl musste sich vor rund einem Monat auch ein Mann vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Er wurde vom Vorwurf der Schändung freigesprochen. Die Fälle sorgten für mediale Aufmerksamkeit und machten ein gefährliches Phänomen zum öffentlichen Thema, das offensichtlich in einschlägigen Foren als Trend gehandelt wird.

Gefährlich und verletzend für die Opfer

Dem Opfer werde auf zwei Arten unrecht angetan, sagt Daniela Enzler vom Dachverband sexuelle Gesundheit Schweiz. «Zum einen wird die Person ohne Einwilligung einem erhöhten Risiko ausgesetzt, ungewollt schwanger zu werden oder sich mit einer sexuell übertragbaren Infektion anzustecken.» Zum anderen liege eine mutwillige Täuschung vor. «Dieser Vertrauensmissbrauch bringt auch psychologische Aspekte mit sich.»

Werde jemand Opfer von Stealthing, sei es wichtig, die Grenzverletzung gegenüber dem Sexualpartner sofort klar zum Ausdruck zu bringen, sofern dies möglich ist. Dann empfehle sich ein sofortiger Beratungstermin bei einem Arzt oder bei einer Fachstelle für sexuelle Gesundheit, um die Risiken einer unerwünschten Schwangerschaft und eine mögliche Ansteckung sexuell übertragbarer Infektionen zu klären.

Bei Fachstellen erhielten die Betroffenen eine kostenlose psychosoziale Beratung. Rät Sie den Opfern in jedem Fall zu einer Anzeige? «Das hängt stark von der betroffenen Person ab und davon, wie sie die Situation erlebt hat», antwortet Enzler. Man empfehle, das Thema ebenfalls in der Beratung anzusprechen. Falls sich jemand für eine Anzeige entscheide, werde diese Person an die richtige Stelle vermittelt.

Der Zürcher Kantonspolizei ist das Phänomen Stealthing bekannt, wie Florian Frei vom Mediendienst sagt. «Wir erhalten sporadisch Kenntnis von solchen Fällen. Dann müssen wir Ermittlungen aufnehmen, weil es sich um ein Offizialdelikt handelt.» Eine Zunahme sei in jüngster Zeit jedoch nicht feststellbar, sagt Frei. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 13.02.2019, 21:14 Uhr

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