Rafz

Spargeln mit der Sonne kühlen

Die Gebrüder Jucker sind ihrem grossen Ziel der Selbstversorgung einen Schritt näher gekommen: Mit einer innovativen Anlage produzieren sie nun auch die Energie auf dem eigenen Hof.

Die Solaranlage soll den Hof unabhängig vom öffentlichen Stromnetz machen.

Die Solaranlage soll den Hof unabhängig vom öffentlichen Stromnetz machen. Bild: Sibylle Meier

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit es so warm ist, spriessen die Spargeln prächtig. Auf dem Spargelhof der Jucker Farm in Rafz werden die zarten Stängel momentan zu Tausenden gestochen, gewaschen und verpackt. Damit sie frisch bleiben, müssen sie kurz nach dem Pflücken auf 2 Grad Celsius heruntergekühlt werden. Dies benötigt viel Energie. «In dieser Saison brauchen wir am meisten Strom», sagt Mitinhaber Martin Jucker. Auch diesen stellt der Betrieb neuerdings neben diversen Lebensmitteln selber her.

Seit letztem Monat liefert eine 1200 Quadratmeter grosse Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach fast die gesamte Energie für den Hof. Ein ausgeklügeltes System, das Medien und Behörden am Dienstag präsentiert wurde, sorgt dafür, dass die Energie mehrheitlich an Ort und Stelle genutzt werden kann: Die Abwärme der Kühlanlagen heizt das Wohnhaus und überschüssiger Strom wird in einer grossen Batterie gespeichert, damit auch bei Dunkelheit oder Bewölkung noch genügend Elektrizität vorhanden ist.

Wobei die Solaranlage dank sogenannter Dünnschicht-Technologie auch bei schwacher Strahlung immer noch recht produktiv ist. Dieser Fotovoltaik-Typ ist zwar teurer als die gängigen Silizium-Zellen, wie Dominik Müller von der Basler Solarenergie-Firma Solvatec erklärt, aber sie benötige in der Herstellung nur halb so viel graue Energie.

Betrieb zahlt nur für Strom

Während Solvatec für die Fotovoltaik zuständig war, wurde die gesamte Anlage von der Firma Energie 360º konzipiert und gebaut. «Je nach Standort und Kunde suchen wir nach individuellen, kreativen Lösungen», erklärte Geschäftsleitungsmitglied Romeo Deplazes. Die Anlage wurde auch von der Firma finanziert und gehört ihr. Der Landwirtschaftsbetrieb verpflichtet sich, für 15 Jahre den Strom zu beziehen und bezahlt lediglich dafür. Und dieser sei nicht einmal teurer als jener vom Netz, freut sich Martin Jucker.

Fast autonom

Ausschlaggebend für die Erneuerung des Energiesystems war die mangelnde Erschliessung des abgelegenen Grundstücks. Neue Kühlanlagen für die Lagerung von Spargeln, Heidelbeeren und Kürbissen steigerten den Strombedarf. Doch die bestehende Leitung war zu wenig leistungsfähig. Statt in einen neuen Anschluss zu investieren, suchten die Gebrüder Jucker nach nachhaltigen Lösungen.

Ziel war, unabhängig von fossilen Brennstoffen und soweit wie möglich auch vom lokalen Stromnetz zu werden. Zudem brauche man so weder Notstromanlage noch Dieselvorräte, um für allfällige Stromausfälle gerüstet zu sein, sagt Martin Jucker. «Wir erhalten für unsere Produkte keine Beiträge und sind nun auch in der Energieversorgung autonom.»

Ganz stimmt dies jedoch noch nicht: Die bestehende Stromleitung wird genutzt, um überschüssigen Sonnenstrom ins öffentliche Netz einzuspeisen. An einem sonnigen Tag wie gestern produzierte die Anlage mehr als die Kühlhäuser benötigen und die Batterie hinter dem Haus speichern kann. Möglicherweise muss dagegen an trüben Wintertagen etwas Strom aus dem Netz beigezogen werden.

Platz für mehr Solarzellen

Wie gut Ertrag und Verbrauch zusammenpassen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Der Betrieb der Anlage wird nun stetig analysiert und optimiert. Sollte sich zeigen, dass der Hof mehr Energie benötigt, könnten auf den Dächern der danebenstehenden Scheune und des Wohnhauses sowie an der nach Süden gerichteten Fassade des Hauptgebäudes weitere Solarpanels montiert werden.

Zusätzlich zu seinem Elektroauto will Martin Jucker nämlich künftig auch Lieferwagen mit eigenem Solarstrom auftanken sowie bald auch die Felder mit einem E-Traktor bestellen. Die Fahrzeuge fungieren als weitere Speicher: Sie können dann aufgeladen werden, wenn gerade viel Strom vorhanden ist. Ebenso die Kühlhäuser: Da die Temperaturen relativ lange konstant bleiben, passen auch sie ihren Strombedarf ein Stück weit der Verfügbarkeit an. «Es heisst immer, dass erneuerbare Energien das Stromnetz destabilisieren, weil sie unregelmässig anfallen», sagte Jucker. «Doch wenn man es richtig macht, ist es genau umgekehrt.»

Auch Gemeindepräsident Jürg Sigrist freute sich am Dienstag über den innovativen Betrieb: «Das passt bestens zu Rafz, das seit 2010 das Energiestadt-Label besitzt.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 24.04.2018, 17:48 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.