Glattfelden

Unter der faden Oberfläche war ein kulturhistorischer Schatz versteckt

Lange hielt das Klingelehaus seinen historischen Wert hinter schlichter Fassade versteckt. Als museales Herzstück des Gottfried-Keller-Zentrums erstrahlt der Fachwerkbau von 1526 erneut in altem Glanz.

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«Im äussersten Winkel des Landes, in einem grünen Wiesentale, welches von den Krümmungen eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen umgeben war» – so beschrieb Gottfried Keller (1819– 1890) in seinem Roman «Dergrüne Heinrich» die Gemeinde Glattfelden. Dem schmucken Bauerndorf, aus dem seine Eltern stammten, fühlte sich der Dichter zeitlebens eng verbunden.

In Zürich geboren und aufgewachsen, verbrachte der junge Keller seine Ferien beim Onkel am Glattkanal. «Als Gedenkstätte wäre das Geburtshaus seiner Mutter erste Wahl gewesen, hätte man es 1956 nicht ersatzlos abgerissen», sagt Konrad Erni, Präsident der 1979 gegründeten Stiftung Gottfried-Keller-Zentrum Glattfelden. Die Politische Gemeinde und die Reformierte Kirchgemeinde stellten schliesslich Gebäude mitten im Dorf neben der Kirche sowie einen finanziellen Beitrag für deren Renovation bereit: Ein mutwillig gelegter Brand zerstörte im April 1982 jedoch das aus dem 18. Jahrhundert stammende Bauernhaus. Von den Flammen unberührt blieb das benachbarte Klingelehaus, ein zweigeschossiges, unauffälliges Wohngebäude. «Jakob Klingele führte darin bis 1957 eine Wagnerei, später wohnten hier Arbeiter der stillgelegten Spinnerei», weiss Erni zu erzählen.

Wertvolles unter dem Putz

Vor dem Wiederaufbau der Gebäude des geplanten Gottfried-Keller-Zentrums wurde der unversehrte, aber in wenig ansehnlichem Zustand befindliche Altbau erstmalig eingehend unter­sucht – und entpuppte sich als altertümlicher Fachwerkbau von kulturhistorischer Wichtigkeit. War der Aussenputz entfernt, erschien darunter ein nahezu intaktes typisches, doch seltenes Fachwerkgerüst des 16. Jahrhunderts, nur durch nachträgliche Fenster und Türöffnungen beschädigt.

Im Innern wies das Klingelehaus die ärmliche Wohnausstattung des 19. Jahrhunderts auf, doch die Raumaufteilung war weitgehend original. In der Eckstube im Obergeschoss fand sich eine gut erhaltene Bohlenbalkendecke in spätgotischer Art mit Wappen und der Jahreszahl 1526 – die dendrochronologische Altersbestimmung bestätigt den Zeitraum 1522 bis 1528 als Fälldatum des Eichenholzes.

Statt das Haus im unscheinbaren Gewand des 19. Jahrhunderts zu belassen, trafen Architekt und Denkmalpflege die Entscheidung, den ursprünglichen Zustand nach süddeutschen Vergleichsbeispielen zu rekonstruieren. Herrschte in vielen baulichen Details auch Unsicherheit, nahm man stilistische Improvisationen in Kauf und ging das denkmalpflegerische Wagnis ein.

Viel Rauch, kein Wasser

Im Zuge der Renovation wurde am ursprünglich strohgedeckten Dachstuhl der Krüppelwalm wiederhergestellt und das Fachwerk der Giebelwände mit Brettern verschalt. Beim Anstrich des anfänglich wohl naturbelassenen Fachwerks wählte man jenes Grau, wie man es noch in den Fassadenteilen der Bohlenwand fand, und hob es damit von den ortsüblichen roten Riegelhäusern ab. Die auf ungewohntes Mass verkleinerten Fenster wurden mangels Kenntnis mit Butzenscheiben versehen, welche wohl erst später üblich waren. «Dem Haus stehen sie gut, auch wenn sie ebenso wenig warm halten wie früher», meint dazu Konrad Erni.

Auch im Innern legte man die vom Putz verdeckten tragenden Balken frei, ersetzte sie, wo nötig. Der Tonplattenboden wurde neu mit darunterliegender Bodenheizung verlegt, wie es ein Museumsbetrieb verlangt. «Einen Wasseranschluss haben wir bis heute nicht, dafür gab es früher den Brunnen vor der Tür.»

Im Obergeschoss blieben ein imposanter Rauchfang aus dem 18. Jahrhundert sowie graue Täfelungen des 19. Jahrhundertserhalten. «Achten Sie einmal auf die unterschiedlichen Raumhöhen», rät Erni. «Ein eingezogener Zwischenboden diente einst als wärmender Rauchabzug.» Eindrücklich sind auch die russgeschwärzten Balken der Dachstuhlkonstruktion.

Als Museum neu genutzt

Das Gottfried-Keller-Zentrum wurde 1985 eröffnet und sein Herzstück, das Klingelehaus, der Öffentlichkeit als Baudenkmal dauerhaft zugänglich gemacht. In seinen Räumen ist eine umfassende Ausstellung über Leben und Werk des Dichters untergebracht, die gotische Stube lockt als öffentlicher Leseraum, in dem als Dauerleihgabe ein prachtvoller Kachelofen aus dem Schloss Kefikon glänzt, daneben steht ein Medienraum zur Verfügung, der Dachstock dient als Galerie.

Geöffnet ist das Museum jedes ­erste Wochenende im Monat, Samstag und Sonntag von 14 bis 16 Uhr. Führungen für Gruppen sind jederzeit möglich. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.01.2018, 09:25 Uhr

Serie

Die ältesten Gebäude im Unterland

Dieser Artikel über das Klingelehaus in Glattfelden ist Teil 9 der Serie, in welcher der ZU die ältesten Gebäude in Unterländer Gemeinden vorstellt. (red)

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