Bülach

Versteinerter Müll lagert auf dem Chilehügel

Roland Rüegg meisselt Vergängliches in Stein. Die Archäologen der Zukunft dürften ihm im dankbar sein. Am Freitag war die Vernissage seiner Ausstellung «Auf Lager».

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Mit einem Glas in der Hand und einem Dutzend Kunstverständiger im Schlepptau macht sich Roland Rüegg auf den Rundgang. Den ersten Halt legt das Grüppchen vor der Skulptur namens Büchsenbier ein. Hier stapeln sich leere Bierdosen aus Sandstein. Leo Morger, Präsident Kunsthalle(n) Toggenburg erklärt: «Roland Rüegg versucht, das Kurzlebige, das Wertlose, das was nicht im Focus steht, auf den Sockel zu heben. Seine Arbeiten zeichnen sich nicht durch Monumentalität aus, viel eher leben sie von der Irritation, die sie auslösen.» Er ist es auch, der durch die Ausstellung am Chilehügel führt und anstelle des Künstlers referiert. Dieser begleitet die Reise durch die versteinerten Wegwerfgegenstände, völlig entspannt mit einem Lächeln.

Sedimente unserer Zeit …

1964 in Wattwil geboren, lernt Roland Rüegg zunächst Elektromonteur und später Steinmetz. 1990 findet der Autodikakt zur zeitgenössischen Kunst. Zahlreiche Ausstellungen folgen und unter dem Motto «Ein Toggenburger in Berlin», reist er mit seinen gewichtigen Exponaten sogar bis nach Berlin. In der Ostschweiz strömen die Menschen zu seinen Vernissagen herbei.

«Es ist das, was nach einem Umzug auf den Müll fliegt.»Leo Morger, Präsident der Kunsthalle(n) Toggenburg.

Seine Objekte werden geschätzt und beachtet. «Hier im Unterland bin ich noch nicht so bekannt. Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert. Ich rechne noch mit mehr Besuchern im Laufe des Abends», sagt Rüegg. Dann verharrt er vor einer Skulptur «Elektroschrott». Hier stapeln sich ein Kopierer, ein Faxgerät, ein Bildschirm und ein Diaprojektor. Das Gebinde aus einem einzigen Block Marmor, wiegt rund 600 Kilo und ist für den Gegenwert eines Mittelklassewagens erhältlich. Um die acht Exponate hier mitten in Bülach zu platzieren, war ein Kran nötig.

… in Stein gemeisselt

Roland Rüegg will irritieren. Die Ausstellung zeigt schliesslich nichts «Schönes», sondern Wegwerfgegenstände der Gesellschaft. «Es ist das, was am Schluss bei einem Umzug auf den Müll fliegt», erläutert Leo Morger. Rüegg meisselt also genau diese Ablagerungen, diese Sedimente unserer Zeit in Stein in Sandstein oder Muschelkalk, also in Sedimente der Vergangenheit, und bewahrt sie so vor dem Vergessen. Denn suchte man nach Jahrtausenden nach den Überresten unserer Zivilisation, so fände man nichts. Kunststoff vergeht, Malerei verrottet, von Holzskulpturen ist auch nicht mehr viel übrig, und die Schweizer gelten weltweit als Vorbild fürs Recyceln von Dosen und Flaschen. Und so entreisst der Künstler Roland Rüegg Wiederverwertbares dem Vergessen, meisselt dem Kurzlebigen ein Denkmal und schafft Relikte für die Zukunft.

Die Ausstellung dauert noch bis im April 220. Parkplätze gibt es an der Marktgass 35.

Erstellt: 05.05.2019, 17:41 Uhr

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