Bülach

Versuchs-Tsunami in Kiesgrube

Impulswellen können verheerende Folgen haben. Die ETH führt im September in der Kiesgrube Widstud Feldversuche durch, um das Verhalten solcher Wassermassen zu analysieren. Die Bevölkerung wird davon kaum was mitbekommen.

So ähnlich wird der künstliche See in Bülach aussehen. Statt in ein Becken werden die rund 5000 Kubikmeter Wasser aber in einen Aushub in der Kies­grube Widstud gefüllt. Über eine Rampe (links) wird ein Stahlschlitten in den See befördert, worauf sogenannte Impulswellen entstehen.

So ähnlich wird der künstliche See in Bülach aussehen. Statt in ein Becken werden die rund 5000 Kubikmeter Wasser aber in einen Aushub in der Kies­grube Widstud gefüllt. Über eine Rampe (links) wird ein Stahlschlitten in den See befördert, worauf sogenannte Impulswellen entstehen. Bild: A. Schlumpf, VAW

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Infolge des Klimawandels und des Gletscherrückgangs werden in den Schweizer Alpen immer mehr hochalpine Täler eisfrei, und es bilden sich teilweise neue Seen. Zudem lassen sich frei gewordene Täler für Stauanlagen nutzen. Dass solche Stauseen nicht ganz ungefährlich sind, zeigt ein Blick zurück ins Jahr 1963. Damals wurde der Vajont-Damm (I) nach einem massiven Erdrutsch überflutet. Die Welle zerstörte auf ihrem Weg in Richtung Tal mehrere Gemeinden. 2000 Menschen kamen bei der Tragödie ums Leben.

In der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren einige Impulswellen in natürlichen Seen beobachtet. Diese haben glück­licherweise keine Schäden an­gerichtet. Lukas Schmocker von der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) der ETH Zürich sagt: «Beispielsweise lösten Felsstürze am Bürgenstock in Nidwalden 1960 und 2007 Impulswellen aus. Ähnliche Befürchtungen bestanden zudem für Seen, die sich im Bereich des Grindelwaldgletschers in Bern gebildet haben.» Dort sei deshalb ein Entlastungsstollen gebaut worden.

Verhalten von künstlich erzeugten Wellen prüfen

Um tödliche Katastrophen in Zukunft zu verhindern, führen Forscher der ETH nun Feldversuche in Bülach durch. Das Ziel: Die Vorhersagegenauigkeit aktueller Bemessungsansätze für die erwartete Wellenhöhe verbessern. «Die aktuellen Berechnungen ­basieren auf Modellversuchen in kleineren Massstäben», sagt Schmocker. Diese sollen nun ­anhand der grossmassstäblichen Versuche in der Kiesgrube Wid­stud überprüft werden.

Im untersten Bereich der Kiesgrube entsteht ein temporäres Becken. An der Westflanke wird zudem eine Rampe aus Stahl installiert. Über diese wird ein Stahlschlitten, bestückt mit Wassertanks, in den See befördert. Dies erzeugt gemäss Modellannahmen Wellen, die zwischen einem und eineinhalb Meter hoch sind. Mittels Messinstrumenten werden die Wellenhöhe und die Ausbreitungsgeschwindigkeit aufgezeichnet.

Wenn die notwendige Baubewilligung erteilt wird, soll der Bau des Sees im Juli starten, die Versuche im September.

Kein Einfluss auf die Bevölkerung

Lukas Schmocker erwartet, dass die neuen Erkenntnisse im Januar 2019 bereitliegen. «Wir wollen die Auswertungen als Berechnungstool veröffentlichen und den Ingenieurbüros und Kantonen zugänglich machen.» Der im Rahmen des Schweizer Kompetenzzentrums für Energieforschung und Strombereitstellung durchgeführte Naturversuch kostet etwa 100 000 Franken und wird durch Innosuisse und die Kraftwerke Oberhasli finanziert.

Die Bülacher müssen sich keine Sorgen machen. Lärm werden die Versuche nicht verursachen. «Beim Eintauchen wird es einen kurzen ‹Splash› geben, der wird aber nicht allzu laut sein», meint Schmocker. Die Versuche würden zudem im unteren Bereich der etwa 25 Meter tiefen Kies­grube stattfinden. «Dadurch wird der Lärm zusätzlich gedämpft.» Die Marterlochstrasse ist dann während zweier Wochen nur einspurig befahrbar. Sollte die Strasse aber bei Stau oder wegen eines Unfalls als Umfahrungsstrasse benötigt werden, wird der Versuch abgebrochen und die Strasse freigeräumt.

Das Trinkwasser, welches via Hydrant in die Grube gefüllt wird, soll nach den Versuchen im Untergrund versickern. Laut Thomas Hänggli vom Amt für ­Abfall, Wasser, Energie und Luft wird das Grundwasser dabei nicht tangiert. Sowohl die Stahlrutsche als auch das Becken, welches für den See modelliert wurde, werden rückgebaut.

Das Projektgebiet befindet sich am geplanten Standort der neuen kantonalen Jagdschiessanlage. Die Versuche der ETH dürften aber zu keinen negativen Beeinträchtigungen der nachmaligen Nutzung führen.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 14.04.2018, 09:32 Uhr

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