Eglisau

Von trügerischen Fassaden und verräterischem Holz

Als Ueli Wagner und Christoph Hagedorn das historische Haus an der Obergass 53 kaufen und umbauen wollten, erwies sich die Bausubstanz des Kellers als älteste der Stadt.

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Die verkehrsgünstige Lage an der alten Heerstrasse zwischen Zürich und Schaffhausen und dem Schiffsweg nach Basel sorgte für frühe wirtschaftliche Blüte und veranlasste die Herren von Tengen Mitte des 13. Jahrhunderts zur Gründung von Eglisau. 1254 war die Stadt befestigt und die Stadttore erstellt – der Beginn einer wechselvollen Geschichte. Umrahmt von sonnigen Rebbergen, besticht das Rheinstädtchen noch heute durch mittelalter­lichen Charme; drei geschlossene Häuserzeilen prägen den liebevoll gepflegten historischen Kern.

Ringe für jedes Jahr

Die Jahreszahl 1882 über dem Eingang des zartblauen Hauses an der Obergass 53 führt in die ­Irre. «Hinter der im 19. Jahrhundert veränderten Fassade verbirgt sich die bislang älteste, jahrgenau datierte Bausubstanz in Eglisau», verrät ein Schild neben der Tür. Eine schmale Treppe führt hinauf zum rückwärtigen Kellerraum – dicke Decken­balken aus Eiche liegen auf der meterdicken ehemaligen Stadtmauer, in die ein Sitz für Wachpersonal eingelassen ist. Geschlagen wurde das Holz im Winterhalbjahr 1284/85. Die Reste einer Bohlenbalkendecke im ersten Obergeschoss wurden auf 1359 datiert.

Bekannt war dies noch nicht, als sich der Architekt Ueli Wagner 1984 gemeinsam mit Chris­toph Hage­dorn zum Kauf entschied. «Mit 200 000 Franken war es ein Schnäppchen», erinnert sich Wagner. In die sanfte Sanierung, grossenteils in Eigenregie durchgeführt, haben sie noch einiges mehr als die doppelte Summe investiert. Im Vorfeld liess das kantonale Denkmalamt eine Kernbohrung zum Zweck einer dendrochronologische Analyse durchführen, das Alter des verbauten Holzes wurde dabei anhand seiner Jahresringe bestimmt.

Primitiv, aber reizvoll

Im Laufe der Jahrhunderte wurden zwei Wohn- und drei Dach­geschosse aufgestockt. Die tragenden Balken senkten sich ab, so brach die Fassade ein und musste neu aufgebaut werden. Ab 1883 verrichteten ein Schmied und ein Schlosser seine Arbeit im hohen Erdgeschoss, die alten Antriebswellen unter der Decke sind noch erhalten. 1931 eröffnete Hans Kel­ler seine Werk­stätte für Motorräder und Velos am gleichen Ort, diese wurde bis 1979 von seinen beiden Söhnen betrieben, und die Wohnungen darüber teilten sie sich. «Die Ausstattung des Hauses war recht primitiv, es gab nur ein WC draus­sen auf der Terrasse, eine Dusche in der Waschküche, und bis auf die Zimmerofen war es unbeheizt», beschreibt Wagner den dama­ligen Zustand. Ihn reizte der Umgang mit der alten Substanz: «Es war spannend, dazu etwas Neues zu komponieren und zu sehen, wie beides sich ergänzt.»

Das in der ehemaligen Werkstatt eingerichtete Kinder-Wärkstedtli seiner Frau Margrit sei längst eine Institution, erzählt der 73-Jährige. Den jenseits der Stadtmauer auf dem aufgefüllten Stadtgraben angebauten Schopf hat er für sich als Atelier instandgesetzt. Mit Blick über die Dächer bewohnt das Ehepaar fünf Zimmer im zweiten Stock, eine der beiden erwachsenen Töchter den ausgebauten Raum im Dachgeschoss.

Kultur im Kellerraum

Nach dem Motto «Mauerwerk raus, Licht rein» sorgen Sichtbalken innen für Luft und Leichtigkeit, die dicken Aussenwände sichern angenehmes Wohnklima. Eine Treppe führt vom Balkon zur unteren Terrasse, welche auf dem Atelier aufliegt. Die zuge­hörige Wohnung hat Christoph Hage­dorn an eine Familie vermietet. Das innenliegende Cheminée mit grossem Rauchabzug wirkt in der kleinen Stube neben der Küche mächtig imposant.

Der historische Kellerraum ist kulturell interessierten Personen bekannt: Unter der Leitung von Christoph Hagedorn als Co-Präsident des Vereins Viva findet dort jeweils die «Erzählnacht» statt. «Früher haben wir da Kinderfeste gefeiert», weiss Wagner zu berichten. «Ein Nachbarsjunge, der zwischen kleinen Prinzessinnen mit dem Spielzeugschwert rumtobte, gab ihm den Namen Rittersaal.»

(zuonline.ch)

Erstellt: 01.08.2017, 15:14 Uhr

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