Öffentlicher Verkehr

Wann verkaufen Apple & Uber die ersten Schweizer ÖV-Tickets?

Tausende Tickets für Zug und Bus werden heute täglich mit Apps gelöst. Die rasante Digitalisierung bedroht nebst den Schaltern auch die Automaten.

Die klassischen Billettautomaten an den Bahnhöfen dürften in ein paar Jahren ausgedient haben.

Die klassischen Billettautomaten an den Bahnhöfen dürften in ein paar Jahren ausgedient haben. Bild: Urs Jaudas

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«Der bediente Ticketverkauf am Schalter verliert rasant an Bedeutung.» Es sind deutliche Worte, die der Zürcher Verkehrsverbund zum klassischen Billettverkauf findet.

Und Mediensprecher Caspar Frey untermauert die Aussage mit Zahlen: Nur noch jedes 14. Billett – also rund sieben Prozent – wird am Bahnschalter verkauft, das ist nochmals ein Fünftel weniger als im letzten Jahr. Der Umsatz an den ZVV-Billettschaltern hat sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert.

In seiner Strategie für die Jahre 2022 bis 2025, die der ZVV vergangene Woche publiziert hat, heisst es, dass man «trotz weiterer Redimensionierung an einer Grundversorgung mit bedienter Marktpräsenz unter Berücksichtigung betriebswirtschaftlicher Aspekte» festhalten will.

Konkret bedeutet das: Durchschnittlich sollen mindestens 90 Prozent der Zürcher Bevölkerung innert maximal 20 Minuten zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr eine bediente Service- und Beratungsstelle – sprich Bahnhöfe– erreichen können.

Mehrere Schalter bedroht

Nimmt man diesen 20-Minuten-Grundsatz zur Hand, wären gleich mehrere Bahnhöfe in der Region bedroht: So gibt es in Wallisellen, Dietlikon, im Glattzentrum, in Kloten und am Flughafen auf kleinem Raum noch zahlreiche bediente Bahnschalter.

«Das bediente Vertriebsstellennetz der SBB wird jährlich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien überprüft.»

ZVV-Mediensprecher Caspar Frey betont jedoch: Der Richtwert ziele nicht darauf ab, Schliessungen von Haltestellen zu begünstigen. Man wolle mit dem Grundsatz sicherstellen, dass im ganzen Kanton trotz des wirtschaftlichen Drucks weiterhin eine persönliche Beratung möglich bleibe. Die Zuständigkeit der genannten Haltestellen liege aber bei den SBB.

Die SBB selber wollen die Bahnhofliste nicht kommentieren. Sprecher Oliver Dischoe sagt dazu nur: «Das bediente Vertriebsstellennetz der SBB wird jährlich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien überprüft.» Als Grund nennen die SBB, wie übrigens auch der ZVV, dass Bund und Kantone den haushälterischen Umgang mit den Kosten erwarten würden. Viele Teile des öffentlichen Verkehrs sind nämlich subventioniert.

Auch Billettautomat teuer

In der ÖV-Branche geht es jedoch nicht nur dem Schalter an den Kragen. Auch der klassische Ticketautomat dürfte bald ausgedient haben. Zwar werden nach wie vor rund die Hälfte aller Billette über den Automaten verkauft – vor zehn Jahren waren es aber noch 70 Prozent. Doch die Ticketautomaten sind teuer im Unterhalt: Papierrollen müssen nachgefüllt werden, die Infrastruktur zum Bezahlen mit Bargeld ist komplex.

Die Transportunternehmen und Tarifverbünde arbeiten deshalb an einem «papierlosen Ticketautomaten», wie die nationale Tariforganisation CH-direct bestätigt. An der Konzeption ist auch der ZVV beteiligt. Das Billett soll dereinst auf den Swiss Pass geladen werden. Erste Markttests sollen Anfang 2020 stattfinden. Bezahlmöglichkeiten und Sortiment der Automaten seien noch offen.

Ein besonderer Knackpunkt dürfte die Kundenakzeptanz sein. Denn anders als auf einem Papierticket ist beim Swiss Pass für den Kunden nicht sichtbar, ob er wirklich das richtige Ticket gekauft hat. Auch die Frage, ob dann alle ÖV-Nutzer eine Swiss-Pass-Plastikkarte benötigen, dürfte noch Anlass zu Diskussionen geben.

Ein neuer Billettautomat soll den Swiss Pass noch wichtiger machen. Bild: Keystone

Öffnung für Drittanbieter

36 Prozent der ZVV-Tickets werden heute bereits über Apps gelöst. Auch in diesem Markt bleibt wohl kein Stein auf dem anderen. Politisch umstritten ist die Frage, ob auch branchenfremde Drittanbieter Tickets für denöffentlichen Verkehr verkaufen dürfen. Der ZVV nennt mit dem Automobilclub TCS, Local.ch oder Apple in seiner Strategie gar konkrete Namen.

Auf Nachfrage gibt sich die Branche jedoch zu Details wortkarg – kein Wunder: Derzeit läuft beim Bund die Auswertung einer Vernehmlassung zum Thema. Das Bundesamt für Verkehr trifft zudem Abklärungen mit der Branche selbst und Dritten. Sabine Krähenbühl von CH-direct sagt dazu: «Die Branche stellt sich nicht gegen den Verkauf von Fahrausweisen von Dritten, möchte aber sicherstellen, dass beispielsweise die Branchenstandards bezüglich Qualität und Datenschutz verbindlich eingehalten werden.»

Was will Google?

Klar ist: Die internationalen Player stehen in den Startlöchern. Etwa der Taxivermittler Uber. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, man wolle «Menschen verschiedene Mobilitätsoptionen in einer App anbieten». Mediensprecherin Luisa Elster ergänzt plakativ: «Egal ob mit Autos, Fahrrädern oder öffentlichen Verkehrsmitteln, die Uber-App soll dazu beitragen, dass Menschen ihr eigenes Auto durch ihr Mobiltelefon ersetzen können.» Dafür seien Kooperationen mit öffentlichen Verkehrsanbietern zentral, «und wir sind stets offen für Gespräche und mögliche Partnerschaften», heisst es bei Uber. Das gelte auch für die Schweiz. In der US-Stadt Denver verkauft Uber bereits ÖV-Tickets, in Frankreich soll der Taxidienst umgekehrt in die App der Staatsbahnen integriert werden. Konkrete Pläne habe man hierzulande «noch keine» bekannt zu geben.

Uber ist interessiert, auch ÖV-Tickets zu verkaufen. Bild: Nathalie Guinand

Apple teilt trotz konkreter Namensnennung in der ZVV-Strategie mit, zum Thema Ticketverkauf habe man «aktuell nichts zu vermelden». Google liess eine Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet.

Klar ist: Die ÖV-Branche steht vor grossen Herausforderungen im Betrieb. Und das spüren die Kunden: Über Dutzende Apps (siehe Artikel zum Thema) können sie heute schon Tickets kaufen. Für CH-direct kein Problem. Mediensprecherin Krähenbühl sagt: «Die ÖV-Branche bekennt sich zu einem Wettbewerb im Vertrieb, welcher ermöglicht, dass sich die kundenfreundlichsten Lösungen durchsetzen werden.»

Erstellt: 16.07.2019, 17:06 Uhr

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