Rafz

«Wenn ich keinen Nachfolger finde, gibt es ein Problem»

Alfons Sutter ist seit 20 Jahren als Hausarzt in Rafz tätig. Ende 2018 lässt er sich pensionieren. Einen Nachfolger hat er bisher nicht gefunden. Im Interview erzählt er, was den Beruf als Hausarzt so vielseitig macht und welche Probleme auf die Region zukommen.

Alfons Sutter war 20 Jahre als Hausarzt in Rafz tätig. Nun findet er keinen Nachfolger, was für die Patienten schwere Folgen haben könnte.

Alfons Sutter war 20 Jahre als Hausarzt in Rafz tätig. Nun findet er keinen Nachfolger, was für die Patienten schwere Folgen haben könnte. Bild: Balz Murer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Alfons Sutter, wie haben Sie es 20 Jahre lang im Rafzerfeld ausgehalten?
Das Rafzerfeld ist eine schöne Gegend wo es sich gut leben lässt. Ich als «Bergler» habe mich schnell an die Hügel gewöhnt. Den Rhein werde ich vermissen, den dicken Nebel weniger.

Zwei Jahrzehnte lang in der gleichen Praxis zu arbeiten ist aber eine sehr lange Zeit.
Für einen Hausarzt ist diese Konstanz wichtig, um die Patienten und ihre Familien besser kennenzulernen. Das Hintergrundwissen hilft in schwierigen Situationen. Langweilig wird es nicht, jeder Tag ist anders. Das macht unseren Beruf so spannend. Auch in anderen Tätigkeitsbereichen arbeitet man über Jahrzehnte im gleichen Betrieb und ist trotzdem zufrieden.

Sie haben Kriegsgefangene im Ausland, Drogen- und Aidspatienten behandelt. Wieso sind Sie 1997 ausgerechnet nach Rafz gekommen?
Wegen des Sturzes des Diktators Mobutu im damaligen Zaire mussten wir evakuiert werden. Zufällig war für drei Monate eine Stellvertretung in Rafz zu übernehmen, die sich dann verlängert hatte. Ich musste irgend einmal sesshaft werden.

Haben Sie diese Umstellung gut gemeistert?
Ja, nicht allzu schlecht. Meine früheren Einsätze waren auch meist auf einige Monate beschränkt gewesen. Daneben hat die Sesshaftigkeit auch Vorteile. Sicher sind die Kranken in Rafz nicht mit den Patienten im Libanon, im Kongo oder im Sune Egge, einer Einrichtung für Menschen aus dem Suchtmilieu von Pfarrer Sieber in Zürich, zu vergleichen. Trotzdem bleiben schöne Erinnerungen und auch hier ist das Gefühl, manchmal gute Arbeit zu leisten sehr angenehm.

Gibt es im Rafzerfeld zu wenig Hausärzte?
Ja sicher, einer bis zwei mehr wäre heute sicher nötig. In einigen Jahren wird es nochmals zwei bis drei Allgemeinpraktiker brauchen, da mehrere von uns auf das Pensionsalter zusteuern.

Wieso gestaltet sich die Suche nach neuen Ärzten so schwierig?
Es werden zu wenig Ärzte ausgebildet. Heute sind es 800 pro Jahr. Als ich vor 30 Jahren angefangen hatte, waren es 700. In der Schweiz bräuchte es jährlich aber 1200 Ärzte, damit es genügend Fachkräfte in diesem Bereich gibt. Zudem bleibt der Ersatz aus unseren Nachbarländern zunehmend aus.

»Auch die beste elektronische  Krankengeschichte ersetzt nicht den persönlichen Kontakt.»Alfons Sutter
Hausarzt in Rafz

Worauf ist das zurückzuführen?
Es gibt in der Schweiz keine einheitliche Gesundheitspolitik. Jeder Kanton schaut für sich selber. Man redet über neue Ausbildungsplätze, aber bis es die gibt, sind die Hausärzte wahrscheinlich ausgestorben. Der Numerus clausus, der übrigens erst vor 15 Jahren eingeführt wurde, verhindert, dass viele geeignete Kandidaten überhaupt Medizin studieren können.

Braucht es überhaupt noch Hausärzte?
Wo sollen die Patienten denn sonst hinwenden? Die Spitäler bieten keine Alternative. Dort sind die Notfallaufnahmen schon heute überlastet. Zudem wären die Kosten viel zu hoch. Ich denke aber auch an die älteren Leute, die nicht mehr mobil sind. Wenn sich Arzt und Patient kennen, geht vieles leichter, und auch die beste elektronische Krankengeschichte ersetzt nicht den persönlichen Kontakt.

Wie suchen Sie Ihren Nachfolger für die Praxis in Rafz?
Vor zwei Jahren habe ich meine Praxis vergrössert, so dass bis zu drei Ärzte gleichzeitig arbeiten können. Damit wollte ich das Problem der Einzelpraxis lösen. Daneben habe ich angefangen Inserate aufzugeben, und später habe ich Consulting Firmen eingeschaltet. Bisher haben beide Aktionen nicht den gewünschten Erfolg gebracht.

Wie viele ernsthafte Bewerbungen gab es insgesamt?
Bis jetzt sind zwei ernsthafte Bewerbungen eingegangen, doch beide haben nicht zu einem Erfolg geführt. Das Problem für die Interessenten ist wohl der Wirkungskreis in der Provinz.

Was passiert, wenn Sie bis Ende 2018 niemanden für die Weiterführung der Praxis finden?
Dann gibt es definitiv ein Problem. Alle Ärzte im Rafzerfeld nehmen auch heute schon kaum mehr neue Patienten. Wohin sich die Menschen dann wenden könnten, ist schwierig zu sagen. Vielleicht müssen sie nach Schaffhausen oder weiter weg im Zürcher Unterland. Keine schöne Aussichten. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 23.10.2017, 17:14 Uhr

Artikel zum Thema

Dem Unterland droht ein Mangel an Hausärzten

Medizin Viele Hausärzte im Unterland steuern auf das Pensionsalter zu. Sie haben grosse Mühe, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Der Grund: Den Medizinstudenten ist der Aufwand zu gross und der Lohn zu tief. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!