Aviatik

Wie Pioniere und Tüftler den Schweizer Himmel eroberten

In dieser Woche vor 100 Jahren wurde in der Schweiz der erste Linienflug durchgeführt. Der Embracher Hans Weder beschreibt die Anfänge und Entwicklung dieser Ära in einem 400-seitigen Werk.

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Von der Schweiz aus in die Ferne zu verreisen, ist ein Kinderspiel. Hunderte Flüge pro Tag verbinden den Flughafen Zürich mit zahlreichen Destinationen rund um den Globus. Wer will, kann jetzt ein Ticket kaufen und nur wenige Stunden später in einer klimatisierten, düsenbetriebenen Maschine einen Prosecco trinken, während das Bordunterhaltungssystem den neusten Blockbuster zeigt und die Zeit überbrückt, bis man in New York landet.

Vor 100 Jahren war das alles ganz anders. Damals, am 1. Mai 1919, begann in der Schweiz die Ära des Linienflugverkehrs, mit einem Postflug von Zürich nach Lausanne, mit Zwischenstopp in Bern. Durchgeführt wurde der Flug auf einer Häfeli DH-3, einem zweisitzigen Militärdoppeldecker. Dem Flug voraus gingen drei abenteuerliche Jahrzehnte. Erfinder und Bastler in der Schweiz und auf der ganzen Welt bauten verschiedenste Flugkonstruktionen und versuchten in teils waghalsigen Experimenten, den Himmel zu erobern.

Grosse und kleine Archive durchgepflügt

«Zwischen 1910 und 1939 gab es in der Schweiz einen ausgeprägten Pioniergeist», erklärt der Embracher Hans Weder. Weder, der bis zu seiner Pensionierung vor sieben Jahren 29 Jahre bei der Swissair gearbeitet hatte, hat das über 400 Seiten starke Buch «Startbereit – Die Entstehung des Linienflugverkehrs in der Schweiz 1919–1939» geschrieben.

«Ein wenig von dem Pioniergeist von damals würde uns heute guttun.»Hans Weder, Autor

«Ein eigentliches Werk über dieses Thema gab es bisher nicht», erklärt Weder. Während drei Jahren hat er in der ganzen Schweiz in grösseren Universitäten und Bibliotheken, vor allem aber auch in vielen kleinen Archiven und bei privaten Sammlern Hunderte Dokumente zusammengetragen.

Fliegen ohne Wetterdienst

Überrascht habe ihn dabei, unter welch widrigen Umständen die Fliegerei in der Schweiz entstanden sei. «1919 gab es praktisch keine Flugplätze. Man ging einfach auf eine Wiese und versuchte, seine selbst gebaute Maschine zu starten. Es gab keine Flugsicherung, keinen Wetterdienst, es gab noch nicht einmal ein Luftamt.» Dieses wurde erst 1920 etabliert. «Und auch das hat mich fasziniert. Davor haben diese Pioniere und Tüftler einfach drauflos gebastelt. Mit der Einführung des Luftamts wurden dann plötzlich Normen eingeführt, Regelungen aufgestellt, Kontrollen durchgeführt.»

«Man ging einfach auf eine Wiese und versuchte, seine selbst gebaute Maschine zu starten.»Hans Weder, Autor

Weders Buch gibt unter anderem darüber Auskunft, wie Robert Gsell, der 1920 in das Eidgenössische Luftamt berufen worden war, damit haderte, dass sich die waghalsigen und finanziell unter Druck stehenden Flugpioniere nicht gern dreinreden liessen. «Schimpft niemand, so ist der Beamte faul gewesen. Schimpft nur einer, dann war er parteiisch. Sind aber alle wütend auf ihn, dann war er fleissig, sachlich und gerecht», hielt Gsell einst trocken fest.

Solche Anekdoten gibt es zahlreiche in Weders Buch. Es enthält mehr als 600 Fotos und Dokumente und beleuchtet einen der interessantesten, aber auch wenig diskutierten Abschnitte der Schweizer Luftfahrt. «Ein wenig von dem Pioniergeist von damals würde uns heute guttun», fasst Weder seine Erkenntnisse aus der Arbeit an dem Buch zusammen.

Mehr Informationen zum Buch unter www.ch-luftfahrt.ch. ISBN:978-3-033-07182-7.

Erstellt: 04.05.2019, 11:33 Uhr

Hans Weder hat drei Jahre an dem Buch gearbeitet.

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