Bülach

«Wir müssen Sturköpfe bleiben»

Ist die Teilnahme am Klimastreik unverzichtbar oder nur ein Grund zum Schwänzen? In einem Gespräch zeigt die Gymiklasse 5a, dass das Interesse zu streiken da ist. Doch es gibt auch kritische Meinungen.

Lohnt es sich, für das Klima zu streiken? Welche Wirkung wird erzielt, wenn Gymnasiastinnen und Gymnasiasten für eine bessere Umwelt auf die Strasse gehen? Die Klasse 5a an der Kantonsschule Zürcher Unterland diskutierte über das Thema.

Lohnt es sich, für das Klima zu streiken? Welche Wirkung wird erzielt, wenn Gymnasiastinnen und Gymnasiasten für eine bessere Umwelt auf die Strasse gehen? Die Klasse 5a an der Kantonsschule Zürcher Unterland diskutierte über das Thema. Bild: Sibylle Meier

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Unlängst titelte der Zürcher Unterländer, dass sich KZU-Schülerinnen und -Schüler nicht mit dem Thema Klimastreiks auseinandersetzen würden. Danach sind Sie auf den ZU zugekommen. Weshalb?
Eva: Weil es nicht stimmt. Ich wäre sehr gerne an die Streiks gegangen, hatte aber keine Wahl, weil die Sanktionen noch unklar waren. An anderen Kantonsschulen war schon klar, dass sie gehen durften. Wir hatten von der Note 1 gehört, die eine Schulklasse im Kanton Waadt erhalten hatte – das hat uns abgeschreckt.

Leonie: Ausserdem habe ich gewusst, dass am Freitag und Samstag im Februar Klimastreik und -demo angesagt war. Ich habe aber die Mitteilung der Streik-Organisation erst so kurzfristig erhalten, dass die Mobilisierung nicht mehr möglich war. Wir haben nun aber angefangen, mehr darüber zu sprechen – und wir planen, am 15. März dabei zu sein.

Gab es mit der Schulleitung Gespräche über Sanktionen?
Eva: Ja, ich wollte dort für den letzten Streik ein Urlaubsgesuch einreichen. Unser Schulleiter hat mir aber keines bewilligt – mit der Begründung, dass Sanktionen zu einem Streik eben dazugehören würden, weil es sonst ja kein Streik mehr wäre. Ich glaube, im Moment verhandelt die Schule gerade, was mögliche Reaktionen ihrerseits sein könnten.

Was sind Ihre Meinungen zur neuen Klimabewegung?
Dana: Ich halte die Streiks grundsätzlich für eine gute Sache. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob sie politisch gross Einfluss nehmen können.

Vivienne: Doch, ich nehme schon an, dass sie eine Wirkung haben. Es ist cool und wichtig, dass der Fokus auch in den Medien darauf gelenkt wird und man endlich darüber spricht.

Camille: Ja, durch die mediale Begleitung müssen sich alle nochmals Gedanken über das Thema machen und sich darüber bewusst werden, was der Klimawandel bedeutet.

Eva: Ich verstehe deine Ansicht, Dana. Wir sollten trotzdem weitermachen und stur auf die Strasse gehen – wir Jungen besonders, weil das Thema uns am meisten betrifft. Wir müssen Sturköpfe bleiben.

Tobias: Aber es ist geradeso möglich, dass die Streiks missbraucht werden, etwa als Grund, um die Schule zu schwänzen.

Camille: Ich vermute auch, dass einige Parteien das Thema für sich einnehmen wollen, um ein gutes Bild von sich zu verbreiten. Als Greta nach Davos ans WEF reiste, habe ich das so erlebt.

Sind Demos und Streiks überhaupt die richtige Form, um die Klimaerwärmung aufzuhalten?
Leonie: Klar kann eine Person nichts allein verändern. Aber wenn eine anfängt, nur schon in ihrem Umfeld darüber zu sprechen, dann kann das etwas Grosses auslösen. Die letzte Demo hat alle Erwartungen übertroffen und gezeigt, wie viele Menschen sich damit beschäftigen.

Dana: Demonstrationen zeigen ein Bedürfnis der Bevölkerung auf, im Fall der Klimastreiks auf allen Kontinenten. Das setzt die Politik unter Druck, und die Geschichte hat gezeigt, dass das etwas bringt.

Anouk: Ja, auch wer sich bisher nicht für das Thema interessiert hat, muss sich jetzt damit auseinandersetzen.

Camille: Und trotzdem frage ich mich, wer in seinem Leben konkret etwas ändert, etwa aufs Fliegen zu verzichten oder seine Ernährung umzustellen...

Leonie: Aber dafür sind wir als Klasse doch ein gutes Beispiel! Wir haben mit zwei Vegis angefangen, heute ernähren sich vier von uns vegan und drei weitere vegetarisch.

Anna N.: Sicher, Leonie, der Verzicht auf Fleischkonsum hilft, aber nicht so viel wie der Verzicht aufs Fliegen. Das wäre meiner Meinung nach wichtiger.

Sie werfen gerade eine wichtige Frage auf: Liegt es tatsächlich an den einzelnen Menschen, ihr Verhalten zu ändern?
Eva: Klar hoffe ich, dass einzelne das tun, aber ich glaube auch, dass viele Streikenden nichts an ihrem Verhalten ändern. Aber wenn die Politik Gesetze erlässt und so alle zu einem nachhaltigen Verhalten auffordert, geschieht durch indirekten Druck dasselbe – einfach durch einen längeren Prozess.

Wie wird das Thema Klima bei Ihnen im Unterricht behandelt?
Anna B.: Im Geografie- und Biologie-Unterricht wurde es mehrmals angesprochen. Aber hauptsächlich ist es für uns über die Medien Thema.

Leonie: Vor allem im Geografie-Unterricht haben wir uns mit den Ursachen für den Klimawandel auseinandergesetzt. Ich fand das gut, da so auch die Uninteressierten gezwungen waren, sich mit diesem Thema zu beschäftigen Den Treibhauseffekt hatten wir jedoch sicher schon fünf Mal.

Dana: Ja, die Ursachen kennen hier alle. Und die machen vielen von uns Sorgen, weil sie effektiv eine Bedrohung darstellen.

Eva: Einige von uns aus dem Wirtschaftsprofil haben in einer Themenwoche das Thema Überfischung behandelt. Das hat mir auch die Augen geöffnet – gerade in Bezug darauf, dass bei Grosskonzernen der Profit über der Nachhaltigkeit steht.

Camille: Aber seien wir ehrlich: Wir lernen zwar die Gründe, aber uns sagt niemand, was wir konkret machen können! Der Klimawandel an sich ist immer wieder Thema, aber die konkreten Auswirkungen behandeln wir kaum.

Eva: Voll, uns wird zu wenig vor Augen geführt, dass wir die Konsequenzen tragen. Es handelt sich um einen Notstand, und das wird weggeschoben, als wäre es erst für unsere Ururenkel relevant.

Leonie: Ich habe den Eindruck, dass man uns teilweise nicht zutraut, mit den Gefühlen umgehen zu können, die diese Themen auslösen. Als wir ein Video über Tierschlachtungen angeschaut haben, wollte unsere Lehrperson die brutalen Szenen überspringen, aber wir wehrten uns. Wir wollten die Wahrheit sehen.

Was wünschen Sie sich?
Vivienne: Wir erhalten hier in der Schule viele Chancen, zu diskutieren. Aber wir könnten das auch in ungewöhnlichen Fächern tun – zum Beispiel in einer Fremdsprache, um den Sprachfluss zu verbessern.

Leonie: Gegen aussen sehe ich zwei Strategien, um das Thema voranzutreiben. Die clevere lautet, langsam und sensibel darüber zu sprechen. Eine allzu radikale Haltung schreckt viele Leute ab, und dann kommt es zu einer Trotzreaktion. Die erste Variante halte ich definitiv für die bessere – und da sind wir dran.

Erstellt: 10.03.2019, 17:14 Uhr

Camille:

«Ich vermute, dass einige Parteien das Thema Klima nur für sich einnehmen wollen, um ein gutes Bild von sich zu verbreiten.»

Eva:

«Wir Jungen sollten besonders auf das Thema achten und auf die Strasse gehen - uns betrifftdas Thema ja besonders.»

Anouk:

«Wer sich bis anhin nicht für das Thema Klima interessiert hat, muss sich jetzt nur schon wegen der Streiks damit befassen.»

Leonie:

«Wir haben damit angefangen, mehr über das Thema Klimawandel zu sprechen. Nun wollen wir am 15. März dabei sein.»

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