Wallisellen

«Wir spielen nicht die Helden»

Zehn Jahre hat er das Kommando der «Kobras» geleitet. Jetzt tritt Beat Sallenbach als Stützpunktfeuerwehrkommandant von Wallisellen ab. Bei jährlich über 100 Einsätzen gabs manchen Toten zu bergen. Das geht an die Nieren.

Der alte und der neue Feuerwehrkommandant: Beat Sallenbach (links) und Michael Huwel.

Der alte und der neue Feuerwehrkommandant: Beat Sallenbach (links) und Michael Huwel. Bild: Sibylle Meier

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Irgendwann ist gut. Nicht dass Beat Sallenbach nicht mehr könnte oder nicht mehr dürfte, nein. Für ihn stimme es jetzt einfach, meint er. Lange war er an der Spitze der Walliseller Feuerwehr. «Zehn Jahre als Stützpunktkommandant sind genug», sagt der 50-Jährige. Munter schwingt er sich die Treppe im Innern des modernen roten Komplexes am Rand der Industriezone hoch. Sein Büro liegt schräg über der Einstellhalle des Walliseller Depots, wo 14 grell lackierte Blaulichtfahrzeuge stets für den nächsten Einsatz parat stehen.

«Zwei Jahre dürfte ich noch weitermachen», erzählt er, oben angekommen. So steht es in den kommunalen Reglementen. Aber als oberster Kadermann einer Stützpunktfeuerwehr hat niemand im Kanton mehr Dienstjahre auf dem Buckel als der sportliche Familienvater aus Wallisellen. «Es gibt noch einen, der gleich lang in dieser Position ist wie ich», wendet er ein. Bei kleinen Ortsfeuerwehren kommt es vor, dass Kommandanten gelegentlich viel länger im Amt sind. In Wallisellen gibt es jedoch keinen Vorgänger, der bisher länger durchgehalten hat als er. Stützpunktkommandanten wie Sallenbach übergeben im Schnitt nach rund sechs Jahren ihr Amt an neue Kräfte. «Es ist ein Verschleissjob», sagt er, der das Kommando Kobra nun also bald abgibt. Die Schlange ist so etwas wie das Maskottchen dieser Stützpunktfeuerwehr; zäh, wendig und unerschrocken.

Von Effretikon bis zum Gubrist

Die Feuerwehr Wallisellen ist ein wichtiger Stützpunkt, der weit über die Gemeindegrenzen hinaus nicht nur Feuer bekämpft, sondern auch zu Unfällen und Bergungseinsätzen ausrückt. Das Kommando Kobra ist zuständig für die Autobahnen sowie SBB-Linien und einen Teil der Glattalbahnstrecke. Allein der zugewiesene Autobahnabschnitt erstreckt sich von Effretikon und dem Hegnauer S auf der einen Seite bis zum Schöneich- und Gubristtunnel auf der anderen Seite über den ganzen Nordring.

Sallenbachs Equipe verfügt über 14 Fahrzeuge, darunter auch ein Gefährt mit Drehleiter. Und es gibt eine spezielle Pionier- und eine Strassenrettungsgruppe. Weil die kleineren Ortsfeuerwehren der Umgebung nicht über eigene Drehleitergruppen verfügen, wird bei Bedarf sofort diejenige des Stützpunkts aufgeboten. «Mein erster Einsatz als Kommandant führte mich gleich an einen Unfall auf der A 1 bei Effretikon mit zwei Toten», erinnert sich Sallenbach. «So was ist nie einfach.» Sallenbach wirkt indes überhaupt nicht bedrückt oder gezeichnet, im Gegenteil.

Beim Treffen in seinem Büro kurz vor dem Abschied als Kommandant strotzt er vor Energie. «Ich weiss nicht, ob ich wirklich robuster bin als andere», meint er und denkt nach. «Keiner von uns schläft besonders gut nach solchen Einsätzen mit Toten – auch ich nicht.» Er habe dann meistens auch eine oder zwei schlechte Nächte. «Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.» Es gebe «strube» Fälle mit Bildern, die im Gedächtnis haften blieben. So hat er einiges gesehen in seinen total 20 Jahren als Feuerwehrmann: Grossbrände wie jener am Zürcher HB im vergangenen August, Arbeitsunfälle, gekippte Tanklastwagen, Personenunfälle auf Bahngleisen, Karambolagen mit Lastwagen und zerdrückte Autos sowie tödliche Tramunfälle.

Der Umgang mit Todesfällen

«Ich hatte sicherlich zwei Dutzend Tote gesehen bei all meinen Einsätzen», erzählt Sallenbach. Er habe aber einen Weg gefunden, mit schlimmen Bildern fertig zu werden. «Es ist wie ein Fotoalbum», vergleicht er. Die Bilder seien nun einmal da, verdrängen bringe nicht viel. «Es geht darum, dass du selber entscheiden kannst, wann du die Bilder anschauen willst.» Gelinge dies, habe man auch die Kontrolle über die Emotionen eher im Griff. Immer dabei in schweren Fällen sind auch die Careteams mitSeelsorgern und Psychologen. Auch später können diese jederzeit von jedem Mitglied des Kommandos persönlich und privat kontaktiert werden. «Das Angebot ist sehr gut und wird auch benutzt.» Nur schon gute Einsatz­endbesprechungen würden bei der Verarbeitung helfen. «Niemand geht bei uns nach Hause, bevor nicht alle zurück im Depot sind, bei so schweren Einsätzen», erklärt der Chef.

«Wir spielen nicht die Helden» lautet eine Maxime des Kommandanten, «und wir machen auch keine Helden.» Hierzulande laufe das anders als in den USA, wo sich die «Firefighters» gerne als Helden darstellten. Dort klettere man auf brennende Häuser und versuche Feuer von oben zu löschen, was gegen die hiesige Grundregel verstösst, dass das Feuer nicht überstiegen werden darf. «Ich würde auch sonst nicht auf so ein amerikanisches Hausdach klettern», scherzt der Walliseller. Schlechter als im Ausland sei in der Schweiz vor allem eines: «Eine Rettungsgasse bilden funktioniert bei uns meistens nicht.» Der Zeitverlust deswegen sei ärgerlich. Unters Thema Zeit gewinnen fällt auch die Wahl der richtigen Notrufnummer. Falls man wirklich die Feuerwehr benötige, solle man doch gleich die 118 wählen, rät der Kommandant.

Der gelernte Landwirt und selbstständige Gartenbauunternehmer Beat Sallenbach trat als 30-Jähriger der Feuerwehr bei. Dank umsichtiger Personalpolitik und einer aktiven Mitgliederanwerbung hat er es zuletzt geschafft, dass Personalnot in Wallisellen kein Thema ist. «Mit 93 Mitgliedern liegen wir aktuell deutlich über dem Mindestbestand von 80», sagt er nicht ohne Stolz. Rund 10 Prozent der Stützpunktfeuerwehr sind Frauen. Und damit der Nachwuchs aus der Jugendfeuerwehr dabei bleibt, setzte Sallenbach wenn nötig alle Hebel in Bewegung. Er hat einen direkten Draht zu Immobilienfirmen vor Ort gefunden, um bei der Wohnraumsuche seiner Leute passende und bezahlbare Angebote früh mitzubekommen. «So konnten wir schon über ein Dutzend Leute in unseren Reihen halten, die sonst weggezogen wären.»

Noch fehlen 22 Viertausender

Neuer Kommandant in Wallisellen wird nun Michael Huwel, den Sallenbach zusammen mit anderen möglichen Nachfolgern aufgebaut hat. Er selber will sich künftig seinem Gartenbaugeschäft sowie dem zweiten Standbein widmen, das ihm weiterhin Kontakte zu Feuerwehren bringen wird – Carbonleitern. Zusammen mit einem Partner hat der abtretende Kommandant halb so schweres Gerät entwickelt, wie bisher in Gebrauch ist. «Wir haben schon in die ganze Schweiz verkauft.» Auch die Berufsfeuerwehr Zürich setzt inzwischen auf Carbonleitern des Wallisellers.

Etwas Abstand zur Feuerwehr findet Sallenbach ganz oben auf den höchsten Alpengipfeln. Von den 48 Schweizer 4000ern hat er schon 26 bestiegen. «Da dürfte jetzt hoffentlich bald noch der eine oder andere Gipfel hinzukommen.»

Erstellt: 24.11.2018, 11:09 Uhr

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