Wallisellen

«Wir wollen eine Einzigartigkeit schaffen»

Seit diesem Jahr hat das Glattzentrum einen neuen Leiter. Rageth Clavadetscher erzählt, wieso er sich dank Spaghetti bolognese um den Posten bewarb, was das Brandenburger Tor mit dem Glatt zu tun hat und weshalb seine Heizung nach seinem letzten Einkauf noch mehr tropfte.

Rageth Clavadetscher sieht den Flughafen nicht als Konkurrenz für das Glatt, sondern als möglichen Partner: «Wir können nur gemeinsam Kunden gewinnen, zum Beispiel durch gemeinsames Standortmarketing.»

Rageth Clavadetscher sieht den Flughafen nicht als Konkurrenz für das Glatt, sondern als möglichen Partner: «Wir können nur gemeinsam Kunden gewinnen, zum Beispiel durch gemeinsames Standortmarketing.» Bild: David Küenzi

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Herr Clavadetscher, wird es in 20 Jahren noch Einkaufs­zentren geben oder werden wir alles im Internet bestellen?
Rageth Clavadetscher: Das Internet – ich schaue es nun aus Sicht des Glatt an – ist eine wahnsinnig dankbare Plattform für Informationen. Der Konsument ist bedeutend besser informiert als früher. Aber der Offlinebereich, also das Erlebnis, etwas einzukaufen und von einem menschlichen Wesen bedient zu werden, kann es nicht ersetzen. Das Internet macht einem keine Komplimente, im Internet kann man nach dem Einkauf nicht noch mit den Freunden einen Kaffee trinken gehen oder sich die Nägel machen lassen.

Dann sehen Sie das Internet nicht als Konkurrenz?
Unsere starken Partner im Glatt haben attraktive Onlineshops. Sie haben sich früh dieser Herausforderung gestellt. Es kann sein, dass es gewisse Umsatzrückgänge gibt aufgrund einer Verlagerung. Aber bei uns hat der Konsument die Beratung, diese ist eine unserer Kernkompetenzen. Bei uns geht es um das Erlebnis: Sie kommen rein, können Ihre Nägel machen lassen, zum Coiffeur gehen, einen kühlen Prosecco trinken und ein Canapé dazu essen. Sie sehen Menschen, Sie können sich präsentieren. Man will sich ja schliesslich auch zeigen, mit einem Kleidungsstück, das man gekauft hat. Dies tut man in der Stadt, in einer Disco, ältere Leute vielleicht eher in einem Shoppingcenter. Diese Form von Centern wird es weiterhin geben, da habe ich gar keine Angst. Ein Shoppingcenter muss durch Inszenierung, durch Events und verschiedene Formen von Ausstellungen auftrumpfen.

Wenn wir schon beim Thema Inszenierungen und Events sind: Was steht im Glatt diesbezüglich an in nächster Zeit?
Unser Auftrag ist es, eine Begehrlichkeit zu schaffen, eine Einzigartigkeit. Das macht man nicht mit herkömmlichen Ausstellungen, bei denen man Postautos oder Oldtimer zeigt. Das macht man mit Themen, zum Beispiel Länderthemen. Wir haben dies schon mit Brasilien und Holland gemacht, dieses Jahr ist unter dem Motto «Germany’s Next Shoppingdestination» Deutschland an der Reihe. Wir werden eine der grössten Nachbauten des Brandenburger Tores im Center haben sowie die Nachbildung des Hamburger Hafens und einen schönen bayrischen Garten. In Zusammenarbeit mit der Migros planen wir ausserdem, den grössten «Chrömerliladen» zu lancieren. Nächstes Jahr werden wir das Thema Italien unter dem Motto «Dolce Vita» aufgreifen.

Sie sind seit knapp drei ­Monaten Glatt-Chef. Wie ­ haben Sie sich eingelebt?
Das Glatt ist ein Mikrokosmos, eine eigene Welt. Nebst dem Kennenlernen des eigenen Teams habe ich zunächst die Begegnungen mit den Kunden gesucht und mich bei den über 80 Mietern vorgestellt. Danach kamen die Lieferanten und Partner an die Reihe. Nach drei Monaten kann ich sagen: Ich bin angekommen, der Mikrokosmos hat mich aufgenommen. Das Glatt war mir aber ohnehin nicht fremd, in meiner ehemaligen Tätigkeit habe ich mitgeholfen, einige Marken ins Center zu bringen.

Wollten Sie schon immer ­Glatt-Chef werden?
Ich muss kurz ausholen, um die Frage zu beantworten. Als ich etwa zwölf Jahre alt war, durfte ich mit einem TCS-Mitarbeiter aus meinem Wohnort Scherzingen im Thurgau nach Zürich zu Panneneinsätzen. Zum Mittagessen gingen wir ins Glatt, ich war vorher noch nie dort gewesen. Ich ass Spaghetti bolognese im Migros-Restaurant und erhielt als Lohn ein Lottolos über zehn Franken. Das war eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen, ich bin mir wie ein König vorgekommen. Als vor kurzem der «Mister Glatt» gesucht wurde, sagte ich meiner Frau: Das war so ein schönes Gefühl für mich damals, in diese Welt will ich wieder eintauchen.

Wie möchten Sie dem Glatt Ihren Stempel aufdrücken?
Ich glaube, wenn jemand versucht, einem gut funktionierenden Konzept seinen Stempel aufzudrücken, dann ist er falsch im Glatt. Das Glatt besteht nicht aus einem Centermanagement, das Glatt hat eine Interessengemeinschaft, die gemeinsam mit dem Centermanagement eine Marketingstrategie ausarbeitet und die Stossrichtung definiert.

Dann reden wir also von ­Stossrichtungen, die Sie ­mitbestimmen ...
Ich möchte unsere Events mit Social Media verknüpfen – das hat man bisher noch nicht gemacht. Das kann ich als mein Steckenpferd bezeichnen. Ich stelle mir vor, zum Beispiel die Entstehung eines Events zu zeigen. Dies verbreiten wir über unsere Facebook-Seite, die immerhin über 20 000 Freunde hat, oder auch über Instagram oder Pinterest. Wir sind dran, diese Social-Media-Strategie auszubauen. Auch wollen wir unsere Internetseite auf Englisch übersetzen. Zudem möchten wir vermehrt Anrufe in englischer Sprache beantworten. Denn uns besuchen viele Touristen und viele von ihnen wollen sich vor ihrer Reise informieren.

Welche anderen Neuerungen, zum Beispiel bei den Geschäften, können die Glatt-Kunden unter Ihnen als Chef erwarten?
Mein Wunsch ist, einen Bereich Day Spa zu eröffnen, in dem man sich zum Beispiel eine Pediküre machen lassen kann. Wir haben ein Bedürfnis dafür festgestellt. Meine Traumvorstellung ist eine Kundin, die in Glatt-Flipflops einkaufen geht, währendem der Nagellack auf ihren Nägeln trocknet. Ich würde auch die Glatt-Flipflops zur Verfügung stellen. (schmunzelt) Ich wünsche mir auch, dass wir eine Art Valet Parking anbieten können. Der Kunde gibt sein Auto ab, das während dieser Zeit parkiert und auf Wunsch gewaschen wird. Ich wünsche mir auch einen Garderobenservice, damit man die Jacke und das Gepäck abgeben kann und dann frei fürs Shoppen ist. Mir würde auch ein italienischer Barbiere im Glatt gut gefallen.

Gibt es bestimmte Marken, die Sie ins Glatt holen möchten?
Wir suchen natürlich immer die Einzigartigkeit, Marken, die es in der Schweiz noch nicht oft gibt. Wenn ein Mieterwechsel ansteht, schwebt mir zum Beispiel eine Plattform für verschiedene, einzigartige Schweizer Modedesigner vor – dies im Sinne einer «Marke Swissness».

Wie schätzen Sie die Aus­wirkungen der Frankenstärke und des Einkaufstourismus auf das Glatt ein?
Mit der Herausforderung der Preisdifferenz hat man jetzt ein Jahr lang gespielt. Wir stellen in Gesprächen mit den Geschäftsführern fest, dass man an Terrain gewinnen kann, wenn Preis und Leistung stimmen. Wir müssen uns auf unsere hohe Servicequalität besinnen. Die Welle ist vorbei, in der es nur ums Sparen ging. Die Kunden wollen zurück zum schönen Einkaufserlebnis und schätzen den Servicevorteil wieder.

Die steigende Zahl der Aus­fuhrscheine sagt aber etwas anderes, der Einkaufstourismus boomt wie nie. Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung?
Das Wachstum von Ausfuhrscheinen darf man nicht wegdenken, aber wir haben nach wie vor eine stabile Einkommensstruktur in der Schweiz. Es gibt viele Menschen, die sich zurückbesinnen, vielleicht gewisse Artikel günstiger einkaufen in Deutschland oder sporadisch Artikel des täglichen Bedarfs holen. Wir beobachten aber zum Beispiel einen Trend zu biologischen Lebensmitteln, hier spielt der Preis keine Rolle. Auch die Bereiche Beauty, Essen und Lifestyle funktionieren nicht über den Preis.

Ist dies nun so zu verstehen, dass Sie sich keine Sorgen machen bezüglich des Einkaufstourismus? Sagen Sie, wir sind gut aufgestellt und das reicht?
Man macht sich natürlich schon Sorgen. Wir versuchen aber etwas Positives daraus zu machen. Wenn wir eine hohe Servicequalität und ein schönes Shoppingerlebnis schaffen, gewinnen wir auch wieder.

Ihre Konkurrenz in der Region wird grösser – der Flughafen ist Ihnen von den Umsatzzahlen her dicht auf der Ferse. Ausserdem plant er, seine Flächen im Shoppingbereich um das Doppelte zu erweitern. Was ­bedeutet dies für das Glatt?
Der Flughafen hat ein attraktives Angebot und grosse Vorteile wegen seiner Öffnungszeiten. Der Glatt-Kunde wird aber wegen eines einzelnen zusätzlichen Geschäfts nicht in den Flughafen abwandern. Hier sind wir mit unseren vielen Gratisparkplätzen im Vorteil. Auf den Flughafen werden aber auch Herausforderungen zukommen. Heutzutage ist es schwierig, nicht eta­blier­te Verkaufsflächen zu vermieten. Aber klar, der Flughafen wird das Glatt irgendwann mal überholen bei den Umsätzen. Das Glatt hat nicht mehr Fläche. Das Glatt braucht aber auch nicht mehr Fläche. Wir brauchen vielleicht eine gewisse Innovation in den Geschäften. Wir machen uns da auf der Ertragsseite keine grossen Sorgen.

Inwiefern hat es einen Einfluss auf Ihre Arbeit, dass der ehemalige Glatt-Chef Stefan Gross nun für den Commercial-Bereich des Flughafens arbeitet?
Ich habe es eingangs gesagt, ein Center funktioniert nicht dank einem Centermanager, sondern dank der Mieter. Ein Centermanager kann lediglich für seine Partner zusätzliche Frequenz durch Events oder Ausstellungen generieren. Ein Centermanager, der nun beim Flughafen arbeitet, kann keinen Schaden anrichten. Das Glatt ist schliesslich auch eine Institution. Wir können ­ohnehin nur gemeinsam Kunden gewinnen.

Das hört sich so an, als könnten Sie sich gemeinsame Projekte mit dem Flughafen vorstellen ...
Es ist möglich, dass man in gewissen Bereichen eine Kooperation suchen wird. Gemeinsames Standortmarketing könnte zum Beispiel sinnvoll sein. Ich glaube, man darf sich nicht als Konkurrenz betrachten, man muss sich als Partner sehen, um den Standort Flughafenregion, den Standort Zürich oder auch den Standort Schweiz nach vorne zu bringen. Ich sehe Herrn Gross und mich nicht als Konkurrenten, eher als Sparingpartner.

Was haben Sie sich zuletzt ­gekauft im Center?
Eine Rohrzange, um unsere Heizung zu Hause abzudichten. Das Ergebnis war, dass sie nach meiner Reparatur noch mehr getropft hat. (schmunzelt)

Neigt man dazu, sich öfter als nötig Dinge zu kaufen, wenn man so viele Läden um sich hat?
Wenn bei uns der Reiz nicht da wäre zum Einkaufen, dann würden wir unseren Job falsch machen. Ich kaufe tatsächlich mehr, seit ich hier arbeite. Die Versuchung ist gross. Ich muss aber auch auf das Haushaltsbudget achten, da legt besonders meine Frau Wert darauf. Ich brauche nun mehr Argumente, um zu erklären, weshalb ich etwas gekauft habe.

Ihre Frau hat Sie also schon mal gefragt, ob der Einkauf ­nötig war?
Ich habe vor kurzem meinen beiden Töchtern Sneakers gekauft. Meine Frau fand aber, dass sie schon genügend Sneakers hätten. Auch kam es schon mal vor, dass ich einen feinen Rohschinken nach Hause gebracht und damit das Abendessenprogramm meiner Frau durcheinandergebracht habe.

Was machen Sie, wenn Sie mal nicht im Glatt sind?
Ich würde gerne wieder in Wallisellen schwimmen gehen – das habe ich früher sehr oft getan. Am liebsten würde ich einen Schwimmcircle aufbauen, dann hätte ich keine Ausrede zum Nichtgehen. Ausserdem versuche ich mich als Gärtner, wir haben ein kleines Häuschen mit zwei Gärtchen. Meine grösste Leidenschaft aber ist das Kochen. Für mich ist es das Schönste, an einer Tavolata für 10 bis 15 Leute zu kochen. Es macht mir natürlich auch Spass, für einen solchen Abend einzukaufen. ()

Erstellt: 19.03.2016, 00:36 Uhr

Zur Person

Rageth Clavadetscher ist in Haiti geboren, seine Eltern ar­bei­te­ten dort für eine Entwicklungshilfeorganisation. Als er zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Scherzingen in der Gemeinde Münsterlingen TG. Er machte eine Verkäuferlehre in Zürich, absolvierte eine kaufmännische Weiterbildung und schloss später das Nachdiplomstudium KMU an der Hochschule St. Gallen ab. Der 44-Jährige war Country Manager der S. Oliver Vertriebs AG mit Sitz in Wallisellen und von Esprit Switzerland, CEO der Bollag-Guggenheim Retail sowie Verkaufsleiter von Schild. Seit Anfang Januar ist Clavadetscher Leiter des Glattzentrums. Er ist gleichzeitig Mitglied der Geschäfts­leitung der Liegenschaften-Betrieb AG, einer 100-prozentigen Migros-Tochter. Clavadetscher ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Zürich. (ilö)

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