Wallisellen

Zeitzeugen trotzen den Turbulenzen der Vergangenheit

Dem 1534 erbauten Ackerbauernhaus drohte der Abriss. Im Zuge einer Totalsanierung ging viel alte Bausubstanz verloren, doch blieb die eindrucksvolle Holzkonstruktion erhalten. Seit 1984 wird die «Kaserne» als Wohnraum und Ort für kulturelle Anlässe genutzt.

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Entlang der Opfikonerstrasse befand sich einst der Hauptbestand der dörflichen Siedlung Wallisellens. Als ältestes Gebäude der heute rund 15'000 Einwohner zählenden Gemeinde kennzeichnete die «Kaserne» vor dem 19. Jahrhundert den westlichen Dorfausgang. Das grossvolumige Ackerbauernhaus gehört zu den ältesten der rund 60 noch erhaltenen Mehrreihenständerbauten im Kanton. Gemäss dendrochronologischer Altersbestimmung wurde das verbaute Fichtenholz im Winterhalbjahr 1533/34 geschlagen.

Seit 1978 vollends im Gemeindebesitz, wird das Haus im kommunalen Inventar schützenswerter Objekte als einer der wichtigsten Zeugen bäuerlicher Baukultur und der Ortsgeschichte gewürdigt. Die Herkunft des Übernamens Kaserne erklärt Albert Grimm in seinem Buch «Das Kulturerbe der Gemeinde Wallisellens», welches im Dezember erscheint: «Zur Zeit der französischen Besatzung der Schweiz in den Jahren 1799 bis 1803 lagerten auch in Wallisellen über 7000 fremde Soldaten. Da wird das Haus als Massenunterkunft gedient haben», vermutet der 83-jährige Leiter des Ortsmuseums und Walliseller Dorfchronist.

«Ursprünglich wollte man die Kaserne abreissen. Ein Neubau war bereits geplant», erinnert er sich. Im zweiten Anlauf genehmigte die Gemeindeversammlung im März 1983 einen Kredit über 1,7 Millionen Franken für die Totalsanierung des baufälligen Hauses, welche mit einer umfassenden Untersuchung und Dokumentation durch die kantonale Denkmalpflege verbunden war.

Erst zwei, dann fünf Familien

Als Vielzweckbauernhaus konzipiert, war der vierreihige Bohlenständerbau mit weit ausladendem Walmdach dreigegliedert in Scheune, Tenn und einen doppelten Wohnteil mit zentraler, gemeinsam genutzter Küche. Die russgeschwärzten Balken im Dachstuhl erinnern an das nach oben offene Rauchhaus – die Teerimprägnierung des Gebälks war gleichzeitig der beste Schutz gegen Fäulnis und Holzschädlinge.

Lebten ursprünglich zwei Familien in dem für damalige Verhältnisse grosszügigen Wohnteil, führte wohl Geldmangel schon bald zu einer Aufsplitterung des einst stattlichen Hofes. 1763 teilten sich fünf Familien die Liegenschaft – die gesamthaft 30 Bewohner bildeten beinahe einen Zehntel der damaligen Walliseller Bevölkerung. Auch dies kann Ursprung des Namens Kaserne sein.

Doch nicht nur das Haus bot den Familien immer weniger Platz, damit einhergehend verringerte sich der Anteil an Äckern, Wiesen, Gärten und dörflichen Gemeingütern, weshalb manche neben der Landwirtschaft ein Handwerk ausüben oder Heimarbeit vom aufkommenden Textilgewerbe übernehmen mussten.

Wurden zur Teilung des Gebäudes zunächst Bohlenwände errichtet, genügten einfache Bretterwände für spätere Verschiebungen. Im Zuge bedeutender Umbauarbeiten in den Jahren 1877/78 hat sich schliesslich auch das Äussere des Gebäudes erheblich verändert: Fast alle Aussenwände wurden erneuert und weiss verputzt, nur an der Südfassade blieb ein Rest der alten Bohlenständerwand mit Fälladen über den Fenstern erhalten.

Fast nichts mehr Original

1983/84 erfolgte die durchgreifende Gesamtsanierung der Kaserne. Das über die Jahrhunderte windschief gewordene Ständergerüst wurde wieder ins Lot gerückt, wobei mehr als ursprünglich angenommen von der alten Bausubstanz ersetzt werden musste. Lediglich die Hochstüde sowie weitere tragende Konstruktionselemente blieben erhalten. «Innen sieht man noch schön die alten Balken, aussen ist fast nichts mehr Original», bedauert Grimm die Situation. Die Bohlenausfachungen der Fassade präsentieren sich heute weitgehend als Rekonstruktion, auch das charakteristische mittig angeordnete zweiflügelige Tenntor liegt in erneuerter Substanz vor. Als bemerkenswert nennt das kommunale Inventar eine kleine, zweistöckige Wohnbauerweiterung, welche vermutlich aus dem Jahre 1686 stammt.

Mit dem Bezug der drei ansprechend renovierten Wohnungen kehrte im Oktober 1984 wieder Leben in die Kaserne ein. Seitdem dient der grosse Tennteil als Ort für kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen, welcher auch von Privat gemietet werden kann – aufgrund der ringhörigen Wände jedoch nur für Anlässe bis 22 Uhr. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 21.11.2017, 14:28 Uhr

Dieser Artikel über das ehemalige Bauernhaus «Zur Kaserne» in Wallisellen ist Teil 7 der Serie, in welcher der ZU die ältesten Gebäude in Unterländer ­Gemeinden vorstellt. (red)

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