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Plünderungen und SchüsseChicago schottet seine Innenstadt ab

Hunderte Menschen hatten sich im Einkaufsviertel der drittgrössten Stadt der USA an Plünderungen beteiligt. Die Behörden weisen sich gegenseitig die Schuld daran zu – und die lokale Black-Lives-Matter-Organisation giesst Öl ins Feuer.

Plünderern den Weg abgeschnitten: Die Brücken über den Chicago River wurden in der Nacht auf gestern hochgezogen. Foto: Ashlee Rezin Garcia (Chicago Sun-Times, AP, Keystone)
Plünderern den Weg abgeschnitten: Die Brücken über den Chicago River wurden in der Nacht auf gestern hochgezogen. Foto: Ashlee Rezin Garcia (Chicago Sun-Times, AP, Keystone)

Es war ein Schritt mit Symbolkraft, ein Schritt der Verzweiflung auch: In der Nacht auf Dienstag gingen in Chicago wieder die Zugbrücken über dem Fluss hoch, der das Geschäftsviertel vom Rest der Metropole trennt. Auf diese Weise wollte die Stadtregierung verhindern, dass es dort abermals zu Plünderungen und Ausschreitungen kommen würde, zu Schusswechseln und Gewalt – so wie in der Nacht auf Montag.

Mehr als 100 Menschen waren verhaftet worden, nachdem sie Geschäfte leer geräumt und beschädigt hatten. 13 Polizisten wurden verletzt. Es waren die schwersten Unruhen seit Ende Mai, und in der Stadt geht die Angst um, dass es damit nicht vorbei ist. «Chicago ist total in Aufruhr», sagte der Stadtrat Anthony Beale. «Die Bürgermeisterin hat die Kontrolle über die Lage verloren.»

Was genau zu den jüngsten Plünderungen führte, an denen sich Hunderte von Menschen beteiligten, war zunächst nicht ganz klar. Der Polizeichef von Chicago, David Brown, machte dafür einen Aufruf in den sozialen Medien verantwortlich, sich in der Nacht im Geschäftsbezirk zu versammeln. Zugleich machte am Sonntag eine Twitter-Nachricht die Runde, in der es hiess, die Polizei habe in einem Quartier einen 15-Jährigen erschossen.

Das war eine Falschmeldung, doch einen Schusswechsel hatte es tatsächlich gegeben: Im Viertel Englewood schossen Polizisten auf einen 20-jährigen Mann, der nach der Darstellung der Polizei seinerseits auf Beamte gefeuert und danach die Flucht ergriffen hatte. Er wurde dabei verletzt.

Bürgermeisterin und Staatsanwältin geben sich gegenseitig die Schuld

Was sich allerdings nach Mitternacht an der «Magnificent Mile» genannten Einkaufsmeile zutrug, hatte mit politischen Protesten gegen Polizeigewalt nicht viel zu tun. Auf Videos in den sozialen Medien war zu sehen, wie Plünderer die Fenster von Dutzenden von Läden einschlugen und Schmuck, Turnschuhe und Computer davontrugen. An verschiedenen Orten kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen mit Hunderten von Polizisten, die in die Innenstadt geeilt waren.

Discounter ausgeräumt: Plünderer liessen nur noch Verpackungsmaterial zurück. Foto:AP, Keystone
Discounter ausgeräumt: Plünderer liessen nur noch Verpackungsmaterial zurück. Foto:AP, Keystone

Die Behörden gaben am Tag nach den Ausschreitungen ein Bild der Ratlosigkeit ab. Die Bürgermeisterin und die Stadträte, der Polizeichef und die Staatsanwältin deckten sich gegenseitig mit Schuldzuweisungen ein. Die demokratische Bürgermeisterin Lori Lightfoot sprach von «richtig kriminellem Verhalten», das sich zugetragen habe: «Das war ein Angriff auf unsere Stadt.»

Lightfoot kritisierte die Justiz in einer Pressekonferenz dafür, bei den ersten Plünderungen vor einigen Wochen keine strafrechtlichen Schritte gegen die Täter eingeleitet zu haben. Damit habe sie diese ermutigt. Die Plünderer hätten geglaubt, dass ihr Tun keine Konsequenzen habe.

Die zuständige Staatsanwältin Kim Foxx berief daraufhin eine eigene Pressekonferenz ein, in der sie die Vorwürfe der Bürgermeisterin zurückwies. Ihre Behörde habe immer zwischen friedlichen Demonstranten und Plünderern unterschieden.

«Chicago ist gerade wie ein Pulverfass»

Allerdings machen diesen Unterschied nicht einmal die Aktivisten der lokalen Black-Lives-Matter-Organisation. Sie veröffentlichten eine Stellungnahme, in der sie sich von den Plünderungen nicht gerade distanzierten. «Wenn Demonstranten Luxusgeschäfte angreifen, die den Vermögenden gehören und die Vermögende bedienen, dann ist das nicht ‹unsere› Stadt», heisst es darin.

Im Zug der Pandemie hätten zu viele Menschen – besonders Schwarze – ihre Jobs, ihre Häuser und ihr Leben verloren, «während die Stadt nichts getan und die Elite von Chicago profitiert hat». Es werde so lange zu weiteren Unruhen kommen, bis sich die Stadt mit allen Mitteln um die Sicherheit und um das Wohlergehen der eigenen Einwohner kümmere, so die Aktivisten weiter.

So ähnlich sehen das in der Stadt auch andere. «Chicago ist instabil. Es ist gerade wie ein Pulverfass», sagte der katholische Priester Michael Pfleger der Zeitung «Chicago Sun-Times». «Die Leute sind so frustriert, so hoffnungslos, so wütend, und es braucht nicht viel. Du zündest ein Streichholz an und wirfst es auf ein Feuer, und alles geht in die Luft.»

In Wirtschaftskreisen der Metropole wächst angesichts dieser Aussicht der Frust. Nach den jüngsten Zerstörungen überlegten sich viele Geschäftsinhaber, ob sie in Chicago überhaupt noch eine Zukunft hätten, sagte Rob Karr, der Vorsitzende der Illinois Retail Merchants Association.

Geschäfte, die nach den ersten Plünderungen viel Geld investiert hätten, um ihre Filialen wieder zu öffnen, zögerten damit, nochmals von vorne zu beginnen: «Das Vertrauen ist dahin.» Die Einwohner von Downtown lebten «in Angst und Schrecken», sagte der für die Gegend zuständige Stadtrat Brian Hopkins. «Ihr Gefühl der Sicherheit ist weg. Sie glauben, sie könnten nicht mehr vor die Haustür, ohne ihr Leben zu riskieren.»

78 Kommentare
    Andreas Bollner

    Zwischen den Zeilen lassen sich die Klagen lesen, wonach die Schwrzen als erste die Jobs verloren und arbeitslos wurden. Dieses Phänomen hat weniger mit der Hautfarbe zu tun als vielmehr mit der Qualifikation bzw. Zuverlässigkeit der Angestellten. Man kombiniere nun...