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Geschäfte in der Corona-KriseChinesische Thermokameras als «Schweizer Produkt» verkauft

Um Corona-Infektionen zu erkennen, kauft die tschechische Regierung Wärmebildkameras bei einer Luzerner Firma, die mit «Schweizer Qualität» wirbt. Wesentliche Teil der Geräte kommen jedoch aus China.

Spital «Na Bulovce» in Prag. Um Corona-Infektionen zu erkennen, sollen hier und bei anderen Krankenhäusern in Tschechien Wärmebildkameras installiert werden.
Spital «Na Bulovce» in Prag. Um Corona-Infektionen zu erkennen, sollen hier und bei anderen Krankenhäusern in Tschechien Wärmebildkameras installiert werden.
Foto: Martin Divisek (Keystone) 

«Wir sind ein innovatives Unternehmen, das exzellente Produktqualität aus der Schweiz garantiert.» So steht es auf der Homepage der Luzerner Firma Avestech GmbH, die sich selbst als «europäischer Marktführer im Sicherheitsbereich» beschreibt. Auf diese Auskunft verliess sich offenbar das tschechische Gesundheitsministerium, als es bei den Schweizern gross einkaufte: 500 Wärmebildkameras, für rund 5000 Franken pro Stück. Sie sollen an den Eingängen von Spitälern montiert werden, um erhöhte Temperatur bei Personal oder Besuchern anzuzeigen – was ein starker Hinweis auf eine Corona-Infektion wäre.

Die gesamte, 2,5 Millionen Franken teure Lieferung würde «aus der Schweiz» kommen, berichtete der Fernsehsender TV Nova. Das war allerdings nur teilweise richtig. Bald nachdem Tschechiens Gesundheitsminister Adam Vojtech die Anschaffung der «Schweizer Kameras» verkündete, enthüllten tschechische Medien, dass die Geräte von einer chinesischen Firma hergestellt wurden.

Corona-Kameras werden zur politischen Affäre

«Schweizer Thermokameras für tschechische Spitäler kommen aus China» – so titelte die Online-Zeitung Denik N. Da half dann auch wenig, dass Minister Vojtech auf Twitter betonte, dass die Kameras ja bei einer Schweizer Firma «und nicht bei einer chinesischen» bestellt wurden: Das Geschäft mit den angeblich Schweizer Wärmebildkameras ist in Tschechien zur politischen Affäre geworden. Denn der Gesundheitsminister hatte den Auftrag an die Luzerner Avestech GmbH auch damit begründet, dass er eben nicht in China bestellen wolle.

Tschechiens Gesundheitsminister Adam Vojtech bestellte Kameras, die angeblich aus der Schweiz kommen. Nun wird ihm von Opposition und Medien vorgeworfen, er habe nicht die Wahrheit gesagt.
Tschechiens Gesundheitsminister Adam Vojtech bestellte Kameras, die angeblich aus der Schweiz kommen. Nun wird ihm von Opposition und Medien vorgeworfen, er habe nicht die Wahrheit gesagt.
Foto: Roman Vondrous (Keystone)

Oppositionspolitiker werfen Vojtech nun vor, er habe nicht die Wahrheit gesagt und zudem die Erzeugnisse heimischer Unternehmen ignoriert. Eine tschechische Firma, die ebenfalls Wärmebildkameras herstellt, klagt, dass sie erst informiert worden sei, als die Schweizer Firma den Zuschlag schon erhalten hatte. Dabei seien tschechischen Produkte um 20 Prozent billiger.

Wer steckt nun hinter der Luzerner Firma?

Gegründet wurde Avestech 2013, die Firmenadresse ist eine Villa aus dem 18. Jahrhundert, die auch auf der Firmen-Homepage abgebildet ist. An derselben Luzerner Adresse sitzt die internationale Treuhandfirma «Moore Stephens». Ein Partner von «Moore Luzern» ist auch als Zeichnungsberechtigter bei Avestech eingetragen. Fragen zu der umstrittenen Kameralieferung oder anderen Geschäftstätigkeiten will der Schweizer nicht beantworten.

Slowakischer Firmenbesitzer klagt über eine «Negativkampagne»

Alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Avestech ist der Slowake Patrik Uhliarik. Im Interview mit «Denik N» bestätigt Uhliarik seine Funkionen. Es gebe aber im gesamten Unternehmen Personen, «die weit, weit über mir stehen». Das Schweizer Recht ermögliche es solchen Miteigentümern, anonym zu bleiben.

Die Fragen dieser Zeitung beantwortet der Geschäftsführer per Mail und schreibt von einer «Negativkampagne», die in Tschechien gegen seine Firma geführt werde und «die uns sehr schadet». Jene Medien, die nun gegen seine Firma schreiben, seien in der Hand der tschechischen Opposition.

Die Frage, ob denn die von Avestech verkauften Kameras aus China stammten, beantwortet der Geschäftsführer vage: Gehäuse für solche Wärmebildkameras würden nur von zwei Firmen weltweit hergestellt, keine davon sei europäisch. Auch die Sensoren würden nur in den USA oder in China hergestellt. Allerdings stelle Avestech nicht nur Kameras, sondern ein ganzes System zur Verfügung.

Wann ein industrielles Produkt als «Swiss made» vermarktet werden darf, ist gesetzlich geregelt: Dafür müssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen. Avestech-Geschäftsführer Uhliarik schätzt, dass sich die Kosten des nach Tschechien verkauften Kamera-Pakets zu je 50 Prozent auf die Schweiz und auf China verteilen.

Dennoch beharrt er darauf, dass die Systeme, die nun in tschechischen Spitälern installiert werden, aus der Schweiz geliefert und mit Schweizer Hilfe installiert werden. Das System von Avestech sei «das Beste, das derzeit am Markt erhältlich ist», und zudem das «meistverkaufte in der Schweiz». Auf Nachfragen, ob er Schweizer Kunden nennen könne und ob seine Firma Mitarbeiter und eigene Produktionsräume habe, reagiert Uhliarik dann ziemlich unwirsch. Das sei diskriminierend: Solche Fragen würden ihm gestellt, weil er kein Schweizer sei.

16 Kommentare
    Markus Rohner

    iPhones werden auch in China produziert. Das scheint niemanden zu stören.