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Angst vor IlliquiditätClariant will Dividende der Aktionäre einbehalten

Die Aktionäre des Spezialchemiekonzerns sollen leer ausgehen. Denn Clariant bangt um sein Kreditrating.

Hariolf Kottmann führt Clariant im Moment als Verwaltungsratspräsident wie auch als CEO. Die letztes Jahr gestartete Suche nach einer neuen Führung verzögert sich wegen der Corona-Krise.
Hariolf Kottmann führt Clariant im Moment als Verwaltungsratspräsident wie auch als CEO. Die letztes Jahr gestartete Suche nach einer neuen Führung verzögert sich wegen der Corona-Krise.
Foto: Pino Covino

Die Krise macht Auftrags- und Geldfluss unberechenbar, was für Clariant riskant werden könnte. Der Verwaltungsrat des Spezialchemiekonzerns aus Muttenz ist deswegen über die Bücher gegangen und will die vorgesehene Dividende von 0.55 Franken je Aktie an seine Aktionäre für 2019 einbehalten; an der Börse stürzte die Aktie ab. Die Generalversammlung soll im Gegenzug genehmigen, dass eine Sonderdividende ausgeschüttet wird.

Die aber wird nur gezahlt, wenn der Verkauf der Division Masterbatches (Zusatzstoffkonzentrate) an Polyone so wie geplant über die Bühne geht. Dann soll insgesamt eine Milliarde Franken an die Aktionäre gehen. Platzt der Verkauf, ist der Cashbestand von Clariant also nicht gefährdet, da dann kein Geld an die Aktionäre abfliesst.

Dabei ist der Verkauf des Geschäftsteils an die US-Spezialchemiefirma Polyone auf Kurs, wie ein Clariant-Sprecher auf Anfrage betont. «Wir arbeiten mit Polyone konstruktiv am Vollzug der Transaktion von Masterbatches», so Jochen Dubiel. Auch die Prüfung durch die Wettbewerbsbehörden gehe voran. Der Verkauf solle im laufenden Quartal oder spätestens im dritten Quartal abgeschlossen werden. Polyone will 1,56 Milliarden Franken für die Einheit Masterbatches zahlen, so wurde es im Herbst vereinbart. Nach Abzug der Sonderdividende bliebe so noch gut eine halbe Milliarde bei Clariant.

Saudis könnten Clariant übernehmen

Der Konzern will sich dennoch bei den Barmitteln auf die sichere Seite begeben, denn Kreditanalysten haben einen kritischen Blick auf die Firma geworfen. Die Agentur Moody’s bewertet Clariant als nicht mehr anlagewürdig und hatte letzte Woche ihren Ausblick auch noch gesenkt. Die Zürcher Kantonalbank nahm ihren Ausblick ebenso zurück, bewertet die Firma jedoch noch auf Investment Grade. Für die Anleihegläubiger seien die Kapitalrückführung und damit zusammenhängend die Schwächung des Kreditprofils entscheidend, begründete ZKB-Kreditanalyst Adrian Knoblauch seine Herabstufung Anfang dieser Woche.

Spannend ist die gegensätzliche Einschätzung der Spezialisten: Anders als Kreditanalysten sind Aktienanalysten optimistisch für den Konzern. «Clariant ist gut aufgestellt, der Konzern konnte im ersten Quartal trotz Krise höhere Preise durchsetzen und seine Marge beinahe halten», sagt ZKB-Aktienanalyst Philipp Gamper. Er rät zum Kauf der Aktie. So auch Vontobel. Dies aber aus einem anderen Grund: Clariant sei ein Übernahmekandidat, schreibt Analyst Daniel Buchta. Nach den Verkäufen von Masterbatches wie auch von Pigments – hier ist Clariant im Moment dabei, erste Interessenten zu sichten – dürfte die saudische Sabic den Konzern ganz übernehmen. Sabic war bei Clariant mit einem Anteil von rund 25 Prozent eingestiegen und hat ihn mittlerweile auf 31,5 Prozent ausgebaut.

Clariant hat in jüngster Zeit häufige Strategiewechsel vollzogen, was an gescheiterten Fusionsplänen und der Abwehr von feindlichen Übernahmeversuchen lag. Nun nimmt der Spezialchemiekonzern Kurs auf eine «neue Clariant». Sie soll nur noch aus drei höhermargigen Bereichen bestehen: Care Chemicals, Catalysis und Natural Resources. Verkauft werden sollen Masterbatches sowie Pigments (Farbstoffe, unter anderem für die Autoindustrie).