Wie im Kämmerlein das Fest beeinflusst wird

Es ist das Mysterium des Nationalsports: das Einteilungskampfgericht. Nach teils hitzigen Diskussionen entscheidet das Gremium, wer gegen wen kämpft.

Wer trifft auf wen? Bei der Einteilung der Paarungen gibt es hundert ungeschriebene Gesetze, die immer wieder gebrochen werden. Fotos: Raphael Moser

Wer trifft auf wen? Bei der Einteilung der Paarungen gibt es hundert ungeschriebene Gesetze, die immer wieder gebrochen werden. Fotos: Raphael Moser

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Der eine spricht und der andere hört nicht zu. Ein Dritter verwirft die Hände und sein Gegenüber murmelt irgendetwas. Der Mann oben am Tisch, die Stirn in Falten gelegt, wird laut. Ein weiterer versucht, sich Gehör zu verschaffen. Es ist ein Durcheinander, vier, fünf Herren sprechen gleichzeitig, übertönen sich.

Willkommen beim Schwingen! Nicht im Sägemehl, sondern im Einteilungskampfgericht. Wo nicht die Muskeln über Sein oder Nichtsein entscheiden, sondern das verbale Durchsetzungs­vermögen. Es ist das Komitee, welches so viel Macht besitzt, über das der Laie aber kaum ­etwas weiss. Dem der Schwingsport zu einem gewissen Grad seine Attraktivität verdankt, das aber auch mit dem Verdacht leben muss, es werde gemauschelt.

Los gehts mit Federer - Nadal

Beim Schwingen wird nichts ausgelost. Es gibt kein Tableau mit K.-o.-System, auch nach zwei, drei Niederlagen muss keiner heim. Jede einzelne Paarung wird vorgeschlagen. Am «Eidgenössischen» in Zug wird dies Samuel Feller tun, der Technische Leiter des Schwingerverbands – im Kampfgericht sitzen zudem je der Vertreter Berns, der Inner-, Nordost-, Nordwest- und der Südwestschweiz. Für gewöhnlich ist das Gremium ein paar Hundert Meter von der Arena entfernt unter­gebracht. In einem kargen Raum, kein Schnickschnack, nichts. Man will weitgehend unter sich sein, es gilt höchste Geheimhaltungsstufe. Am Bernisch-Kantonalen Schwingfest vor anderthalb Wochen in Münsingen wird dieser Zeitung ausnahmsweise eine mehrstündige Audienz gewährt, mit der Aufforderung, keine exakten Wortlaute zu veröffentlichen.

Man will weitgehend unter sich sein, es gilt höchste Geheimhaltungsstufe.

Beim Teilverbandsfest schlüpft Teamchef Peter Schmutz in Fellers Rolle, um ihn herum sitzen die Vorsitzenden aus dem Oberland, Emmental, Mittelland, Oberaargau, Seeland, Berner Jura. Bald wird klar: Jeder schaut zu seinen Schäfchen. Will heissen: Die eigenen Schwinger sollen angenehme Gegner erhalten. Dabei gilt es clever vorzugehen, das Bevorzugen eines Athleten wird zumeist erkannt. Und nicht toleriert.

Das Prozedere ist schwer verständlich – und noch komplizierter auszuführen. Es gibt hundert ungeschriebene Gesetze, die immer wieder gebrochen werden. Zwei Grundsätze sind zu befolgen: Die Besten müssen gegeneinander antreten. Und es sollen möglichst lange nicht zwei Akteure aus dem gleichen Teilverband sein. In Zug treffen bereits im ersten Gang die Königsanwärter aufeinander, «im Schwingen geht es mit Federer gegen Nadal los», meint Feller und lacht über den verwegenen Vergleich. Zum Auftakt werden in der Regel ­eidgenössische Kranzschwinger miteinander eingeteilt, die Gewinner eines Teilverbandskranzes, die weniger renommierten Kranzschwinger sowie jene, die nichts gewonnen haben. Während des Festes schwingen der Rangliste entsprechend die Spitze, das Mittelfeld und die Hinterbänkler unter sich, der Abstand zwischen zwei Gegnern darf nicht zu gross sein, als maximale Differenz gelten 1.25 Punkte.

Zuweilen wird darauf geachtet, dass ein 150-Kilo-Brocken nicht auf eine halbe Portion trifft, dass ein Zweimeterriese nicht auf einen anderthalb Köpfe ­kleineren Konkurrenten hinabschauen muss. Keiner soll wegen zu vieler starker Gegner zu weit nach hinten rutschen, keiner aufgrund bescheidener Widersacher nach vorne preschen. Nicht ­immer geht der Plan auf; 2013 in Burgdorf wurde dem Innerschweizer Martin Koch der Berner Marsch geblasen, als «Belohnung» für den Sensationssieg über Kilian Wenger musste er gegen Christian Stucki und Matthias Sempach antreten – und kam nicht einmal in die Kränze. Am Emmentalischen Schwingfest 2017 flog der selbst Szenekennern unbekannte Adrian Schenk unter dem Radar, aber bis in den Schlussgang. Mit keinem namhaften Gegner hatte er es zu tun gehabt, aber von vielen Gestellten der Konkurrenz profitiert.

Totale Fairness? Unmöglich!

Wobei es ein Ding der Unmöglichkeit ist, sämtliche Schwinger gleich zu behandeln. Der Beste soll gewinnen, die stärksten 15 Prozent den Kranz bekommen – doch gerade bei der Vergabe des Eichenlaubs spielt die Einteilung nicht selten das Zünglein an der Waage. Reaktionen von Athleten bleiben denn auch nicht aus. Es gibt sie in Münsingen, meistens wird hinter dem Rücken gestänkert, über sieben Ecken das ­Unverständnis geäussert, nicht immer anständig. Heil ist die Schwingerwelt längst nicht mehr.


Video: Mathias Sempach zeigt die wichtigsten Schwünge


Doch wie um Himmels willen sollen die Männer in der Einteilung bei derart vielen Kämpfern (in Zug sind es 276) den Überblick behalten? Er nehme das Fest teils nicht richtig wahr, meint Feller, er spricht von einem enormen Stress, «im Schnitt muss ich pro Minute drei Paarungen bestimmen». Das Geschehen im Sägemehl wird via Laptop verfolgt, auch in Münsingen läuft die SRF-Übertragung. In der Arena hat Schmutz seine Heinzelmännchen postiert, sie ruft er an, wenn er Informationen braucht, welche die Einteilung beeinflussen könnten. Das A und O sei die Vorbereitung. «Man muss jeden Schwinger kennen.» Weshalb er über Monate hinweg Sonntag für Sonntag auf Schwingplätzen weilt.

Doch bei allen Fachkenntnissen ist auch Schmutz verloren ohne die A5-Blätter, die auf dem Tisch aufgereiht sind. Es sind die Notenblätter von sämtlichen Teilnehmern; Name, Herkunft, bisherige Kontrahenten sowie Punktzahl sind darauf festgehalten. Ganz links die der besten, am rechten Rand jene der schwächsten Schwinger, die unterschiedlichen Farben stehen für die verschiedenen Teilverbände. Es ist die einzige Orientierungshilfe, fehlen sie, sind Schmutz und Konsorten aufgeschmissen.

Je weiter vorne in der Rangliste sich die Schwinger befinden, desto intensiver wird gefeilscht.

Der zweite Gang in Münsingen läuft noch, als erste Begegnungen des dritten bereits eingeteilt werden. Weshalb der Beobachter den ­Eindruck erhält, es werde nach der Maxime «Handgelenk mal Pi» vorgegangen. Weil es in der Arena keine Pausen geben soll, werden laufend Duelle kommuniziert, Schmutz muss antizipieren, welche Notenblätter er noch kriegen wird. Über Begegnungen im Bereich «ferner haben geschwungen» gibt es kaum Unstimmigkeiten, je weiter vorne in der Rangliste sich die Schwinger befinden, desto intensiver wird gefeilscht. Vielleicht in zwei von zehn Fällen lasse er sich umstimmen, sagt Schmutz, «und auch nur, wenn die Argumente überzeugen». Sind die Begegnungen gebildet, werden die Notenblätter ineinandergefaltet und abtransportiert. Das Verfahren ­gemahnt an Praktiken aus dem letzten Jahrtausend.

Der 15-km-Lauf des Helfers

Ins Schwitzen geraten nicht nur die Schwinger. Samuel Feller sagt, er sei dabei gewesen, als gestandene Männer an den Anschlag gekommen seien. Wie es rotierte in deren Köpfen, wie sie eine Viertelstunde lang Abstand brauchten und gar nichts mehr von all dem wissen wollten. «Es liegt eine mentale Herausforderung vor uns», sagt der 46-Jährige. Nicht zuletzt, weil die gewaltigen Dimensionen des Eidgenössischen mit erhöhtem Druck einhergehen – 56500 Zuschauer werden es besser wissen.

Zwei Einteilungssekretäre stehen Feller in Zug zur Seite – nicht Mädchen, Männer für ­alles. Weiter gibt es die Läufer, welche die Blätter mit den Paarungen zu den Kampfrichtern bringen. Der Kurierdienst ist nicht ohne: Ein Volunteer trug einst einen Schrittzähler bei sich, am Ende des ­Tages hatten sich 15 Kilometer angesammelt. Das Geschehen im Sägemehl dürfte das Einteilungskampfgericht beeinflussen, wobei die Männer mittendrin sind, aber irgendwie doch nicht dabei. In Münsingen verbleiben Schmutz und seine Mitstreiter im kargen Raum, erst während des letzten Gangs haben sie Zeit, ins Stadion zu gehen.

Einwände rigoros abgeblockt

Weil die Berner am Teilverbandsfest unter sich sind, geht es in den Diskussionen weniger ­gehässig zu und her als anderswo. Vor dem Mittag liegen einige Athleten weit vorne, weil sie gegen keinen Eidgenossen antreten mussten. Schmutz blockt nun Einwände rigoros ab. «Du musst Autorität ausstrahlen, auch mal zeigen, dass es keinen Spielraum gibt.» Wer dazu neigt, nachtragend zu sein, wird es in der Einteilung nicht lange aushalten. Sportliches und Privates gilt es strikt zu trennen, am Abend reichen sich alle die Hand.

In Zug jedoch könnte es hitzig zu und her gehen, so wie vor zwei Jahren am Unspunnen-Schwinget, als äusserst hart diskutiert wurde, Feller ein Mitglied des Gremiums gar für kurze Zeit vor die Tür stellte. Sollten die Beteiligten zu keiner Einigung gelangen und sich in die Haare geraten, wird er auf Artikel 18 des Regulativs hinweisen. «Dort steht: Ich entscheide.»

Erstellt: 22.08.2019, 08:34 Uhr

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