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Analyse zur Kriminalität in LateinamerikaCorona senkt die Mordrate

Wegen der teilweise strengen Lockdowns werden in Lateinamerika deutlich weniger Menschen ermordet. In einigen Ländern sank die Gewaltkriminalität aber schon vor der Pandemie.

Die Aufforderung «Bleib zu Hause» – wie hier im mexikanischen Guadalajara – hat gewirkt.
Die Aufforderung «Bleib zu Hause» – wie hier im mexikanischen Guadalajara – hat gewirkt.
Ulises Ruiz (AFP)

Die Corona-Krise hat Lateinamerikas Wirtschaftsleistung um 8 Prozent einbrechen lassen, mehr als jemals zuvor in den letzten 100 Jahren. Millionen, die der Armut entkommen waren, versinken wieder im Elend.

Litten in Lateinamerika vor dem Ausbruch der Pandemie 3,5 Millionen Menschen unter Ernährungsunsicherheit, ist der Wert laut dem Welternährungsprogramm im vergangenen Jahr auf 17 Millionen geradezu explodiert. Der für die Region zuständige Direktor der UNO-Institution befürchtete deshalb im Dezember, auch Kriminalität und Gewalt würden stark zunehmen.

Geschehen ist bisher das Gegenteil. Selbst wenn es zynisch klingt, hat das Coronavirus in der gewalttätigsten Region der Welt auch etwas Gutes bewirkt: Die Mordrate – also die Anzahl Tötungsdelikte pro 100’000 Einwohner – ist 2020 in fast allen Ländern gesunken, in einigen sogar drastisch.

Auch Kriminelle fürchten Covid

Ausnahmen sind Mexiko, in dem sich die Mordrate trotz des nach wie vor wütenden Drogenkrieges immerhin zum ersten Mal seit langem stabilisiert hat. Und Brasilien, wo sie nach einem deutlichen Rückgang in den vergangenen Jahren wieder angestiegen ist. Besonders stark ist der Rückgang hingegen in den zentralamerikanischen Ländern und in Venezuela.

Der Grund für die Abnahme der Tötungsdelikte sind die Lockdowns, die fast überall in Lateinamerika – mit Ausnahme von Brasilien – schon während der ersten Welle der Pandemie besonders streng waren. Und es auch jetzt in der zweiten Welle wieder sind.

Sind wegen einer Ausgangssperre deutlich weniger Leute unterwegs, gibt es weniger Gelegenheiten zu Raubüberfällen – wehrt sich das Opfer, enden diese in Lateinamerika häufig tödlich. Entvölkerte Strassen lassen sich von den Ordnungskräften leichter kontrollieren, während es für Verbrecher schwieriger ist, von Besitzern geschlossener Geschäfte und Restaurants Schutzgeld zu erpressen.

Selbst Kriminelle bleiben aus Angst, sich anzustecken, zu Hause, was die Wahrscheinlichkeit mindert, dass verfeindete Gruppierungen aneinandergeraten. In einigen lateinamerikanischen Elendsvierteln hat die organisierte Kriminalität unter Androhung der Todesstrafe sogar Lockdowns durchgesetzt, die strenger waren als die vom Staat verordneten.

Angestiegen ist hingegen das Ausmass häuslicher Gewalt. Ausserdem befürchten Sicherheitsexperten, die von den Lockdowns angerichteten wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen könnten die Mordrate zeitverzögert wieder ansteigen lassen.

Neben der insgesamt positiven Entwicklung gibt es in einzelnen Ländern auch Rückschläge. So sind in Venezuela mittlerweile bei jedem zweiten Tötungsdelikt Angehörige der Sicherheitskräfte die mutmasslichen Täter, während in Kolumbien noch immer viele Gewerkschafter, Umweltschützer und Aktivisten lokaler NGOs umgebracht werden.

Das Ebola Lateinamerikas

Trotz des Rückgangs der Mordrate ist die Gewaltkriminalität in Lateinamerika nach wie vor desaströs. Bei einer Mordrate von mehr als 10 Fällen auf 100’000 Einwohner spricht die UNO-Weltgesundheitsorganisation von «epidemischer Gewalt». Der lateinamerikanische Durchschnittswert ist etwa doppelt so hoch, und selbst in Ländern wie Uruguay oder Costa Rica, die als sicher gelten, liegt er um 10.

Selbst in Chile ist die Mordrate zehnmal höher als in der Schweiz.

Die vergleichsweise tiefe Mordrate Chiles (knapp 4) ist immer noch zehnmal höher als jener in der Schweiz. Chile, Argentinien und Nicaragua sind die einzigen lateinamerikanischen Länder, deren Mordrate tiefer liegt als jene der USA (5 Fälle auf 100’000 Einwohner im Jahre 2019). Die ehemalige costa-ricanische Präsidentin Laura Chinchilla bezeichnete Gewalt einst als «das Ebola Lateinamerikas».

Überraschend positiv ist vor diesem düsteren Hintergrund die Entwicklung in Zentralamerika, und dies unabhängig von Corona und Lockdown. In Honduras, El Salvador und Guatemala, noch vor kurzem die mörderischsten Länder der Welt, fällt die Mordrate seit einigen Jahren deutlich.

In El Salvador ist die Mordrate um unglaubliche 80 Prozent gesunken.

In El Salvador ist sie seit 2015 um unglaubliche 80 Prozent gesunken, und auch in Honduras und Guatemala hat sich die Lage verbessert. Allerdings ist der Rückgang bei männlichen Opfern viel ausgeprägter als bei weiblichen.

Von internationaler Bedeutung sind die rückläufigen Mordraten in Zentralamerika insofern, als Migrantinnen und Migranten ihre Asylgesuche in den USA häufig mit der Bandengewalt in ihren Ländern begründen. Das trifft in vielen Fällen sicherlich noch immer zu, hat aber aus Sicht der US-Behörden weniger Gewicht als früher.

Umstritten bleibt, worauf die erfreuliche Tendenz zurückzuführen ist. Die Regierungen behaupten, es gebe weniger Morde, weil Polizei und Militär härter und effizienter gegen die Kriminellen durchgriffen.

Die Opposition sowie zahlreiche Experten von Universitäten und Denkfabriken weisen auf andere Faktoren hin – etwa darauf, dass die Regierung von El Salvador mit den kriminellen Jugendbanden eine Art Stillhalteabkommen geschlossen habe. Oder darauf, dass in Honduras das härtere Vorgehen der Polizei von intelligent konzipierten Sozialprogrammen begleitet ist. Oder dass in bestimmten Gebieten Zentralamerikas ein einzelnes Kartell die Herrschaft übernommen habe und es darum seltener zu Bandenkriegen komme.

Der Rückgang werde auch dadurch begünstigt, dass sich die Menschen in vielen Gebieten nach Einbruch der Dunkelheit kaum mehr auf die Strasse getrauten – und dies schon vor der Corona-Pandemie. Meist spielen die von Regierung und Opposition genannten Gründe zusammen, je nach Land in unterschiedlichem Ausmass.

Mehr Kriminalität trotz florierender Wirtschaft

Interessant ist folgendes Phänomen: Als Lateinamerika in den Nullerjahren dank hoher Rohstoffpreise einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte und Millionen der Armut entkamen, blieben die Mordraten in den meisten Ländern unverändert oder stiegen sogar an. Die Korrelation zwischen wirtschaftlicher Hausse und Gewaltkriminalität ist also umgekehrt, als man es erwarten würde.

Bei einer derart ausgeprägt ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen, wie sie in Lateinamerika herrscht, kann wachsender Reichtum die Kriminalität auch anheizen: Es steigt bei einem Teil der Ausgeschlossenen die Bereitschaft, sich bei der alten und neuen Mittel- und Oberschicht gewaltsam zu holen, was zu holen ist.

4 Kommentare
    H.Winterling

    Steigt dafür die Suizidrate...?