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Corona-Tagebuch

Beobachtungen aus dem nicht mehr alltäglichen Alltag, kleine Anekdoten und Gedanken zum Leben in der Corona-Zeit. Martin Liebrich schreibt sie hier täglich nieder.

Martin Liebrich

LIVE TICKER BEENDET

Tag 24

Gerade habe ich einen leichten Frust. Sie wissen schon. Die Eitelkeit. Leider war nämlich kürzlich zu lesen, man solle in Videokonferenzen die Kamera eingeschaltet lassen, auch wenn es schwer fällt. Es wirke besser. Auch wenn es einen selbst irritiert.

Also lasse ich die Kamera eingeschaltet, während die anderen «ZU»-Mitarbeitenden zugeschaltet werden. Nachdem ich zwei Minuten lang ins ausgeschaltete Mikrofon geplappert und mich über das Schweigen aller anderen auf meine Fragen gewundert habe, macht mich das einzige verbliebene Bürogspänli auf mein Versehen aufmerksam.

Also fange ich nochmals an. Und versuche, mich durch das Abbild meiner selbst auf dem Bildschirm nicht ablenken zu lassen. Was aber schwierig ist, denn es irritiert tatsächlich. Sehen sie selbst:

tja...
tja...

Das Protokoll der Schwierigkeiten meines Denkens in diesem Moment:

- Ich sollte zum Coiffeur. Wie sieht das denn aus?

- Konzentrier Dich aufs Wesentliche, Mann!

- «Ist der Artikel für heute abend schon fertig?»

- Wo kriegt man so ein Rasiergerät wie sie es beim Coiffeur haben? Und wie schneide ich mir die Haare selbst?

- «Für morgen sieht es auch schon ziemlich gut aus»

- Der Kollege hat doch neulich gesagt, er mache während den Videokonferenzen Screenshots und stelle dann am Schluss ein «best of» zusammen...

- Hilfe!

- «Also dann, danke euch und einen schönen Abend!»

Die erfreuliche Nachricht: Dank des Headsets haben mich nun vermutlich erstmals alle verstanden. Akustisch.

Tag 23

Ungefähr jeden zweiten Tag wird irgendwo erklärt, wie all die Statistiken zu den Corona-Ausbrüchen in den verschiedenen Ländern zu lesen sind. Das Ziel der Zahlen ist immer das gleiche: vergleichen. Nur ist das eben nicht so einfach wie es klingt. Denn einerseits haben die Länder unterschiedliche Einwohnerzahlen, andererseits sind die ersten Fälle nicht überall gleichzeitig aufgetaucht. Und dann sind da noch Fragen wie die Anzahl gemachter und verfügbarer Tests und so weiter, welche die Messungen weiter verkomplizieren und den sauberen Vergleich fast verunmöglichen.

Absolute Zahlen zu zeigen und mit einer Kurve darzustellen – also einfach zu zeigen, wo wie viele Fälle wo aufgetreten sind, macht wenig Sinn. Denn wenn ein Land mehr Einwohner hat, gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Fälle. Die Zahlen pro Kopf wären aussagekräftiger. Aber die Kurven mit den absoluten Zahlen sehen besser aus für die kleine Schweiz. Denn, wenn ich es richtig mitbekommen habe, pro Kopf ist bei uns die Rate sehr hoch.

Die Tamedia setzt auch noch auf eine logarithmische Skala. Da brummt mir der Kopf schon beim Lesen des Titels. Zwar erkenne ich, was ausgesagt werden soll, und es wird freundlicherweise auch gleich noch erklärt. Aber ich muss zugeben: Das einzige, was ich am Logarithmus in der Mitteschule und danach verstanden habe, ist, dass er mein Erzfeind ist. Dieses Vieh hätte mir beinahe mein bildungsmässiges Genick gebrochen. Irgendwie mogelte ich mich dann aber doch noch durch die Mathe-Matur.

Dass mich der Logarithmus jetzt, in dieser Beinahe-Apokalypse des Corona-Ausbruchs wieder einholt, scheint mir symptomatisch. Das einzige, was mich mit ihm versöhnt, ist die abflachende Kurve, die er zeigt.

Tag 22

Was für ein Tag heute. Perfektes Wetter, kaum eine Wolke am Himmel. Und in den Bergen: ein Traum! Strahlende Sonne, genug Schnee. Das sehe ich in den Wetterbildern am Morgen im Fernsehen. Dass etwas nicht stimmt, wird aber auch bald sichtbar. Die Pisten sind nicht gemacht, die Lifte laufen nicht, und kein Mensch ist unterwegs.

Undenkbar wäre das vor einem Jahr gewesen. Jetzt ist es umgekehrt. Undenkbar ist das, was vor einem Jahr normal war.

Doch wie wird es in einem Jahr sein? Haben wir das Virus bis dann besiegt – vielleicht durch allgemeine Immunisierung, oder dank einer Impfung? Das wäre zu hoffen.

Aber da sind noch andere Fragen: wenn das Virus weg ist, welche Spuren hinterlässt es? Wie lange dauert es, bis die Wirtschaft wieder läuft und die Milliarden abbezahlt sind, mit denen nun absolut berechtigterweise geholfen wird? Und vor allem: wie lange bleibt das Virus in unseren Köpfen?

Social Distancing hat sich mittlerweile in unserem Verhalten verankert. Samt einem gewissen Misstrauen. Die Ansteckung lauert überall. Alle anderen sind eine potenzielle Gefahr, und jeder selbst könnte eine Gefahr für alle anderen sein. Bringen wir dieses Denken einfach mir nichts, Dir nichts wieder weg? Ab wann schütteln wir wieder Hände, gehen wieder ins Restaurant oder in einen Club, an einen Hockeymatch oder in einer Berghütte im Massenschlag übernachten? Ab wann fliegen wir wieder in die Ferien?

Auch das Handeln der Staaten hat sich verändert. Wenn es hart auf hart geht, ist sich scheinbar doch jeder selbst der Nächste. Grenzen zu, Medikamente nur noch für die eigene Bevölkerung. Basta. Im Grunde nachvollziehbar, aber es könnte einen lang anhaltenden, schalen Nachgeschmack haben.

Natürlich könnten wir in der Schweiz dann anfangen, wieder mehr selbst zu produzieren. Der Preis der Produkte würde aber durch die Decke schiessen. Wer hätte dann noch genug Geld, um zum Beispiel Medikamente zu kaufen?

Dass das System mit den internationalen Verknüpfungen fragil ist, war immer klar. Es gab aber auch immer Ausweichmöglichkeiten. Von einer Krise betroffen waren nie alle gleichzeitig. Vertrauen war immer da, und dank diesem funktionierte die Gesellschaft. Händeschütteln ist ursprünglich nichts anderes als ein Vertrauensbeweis: beide zeigen, dass sie keine Waffe in der Hand haben. Vertrauen ist auch die Basis von Handel, eines Hockeymatch-Besuchs oder einer Übernachtung im Massenschlag. Doch jetzt nagt das Virus am Vertrauen. Es wieder herzustellen und alles wieder in Schwung zu bringen und das eine oder andere sogar besser zu machen, wird unsere Aufgabe sein, und es wird das Denken der nächsten Generation prägen.

Die Sonne strahlt immer noch. Keine Wolke ist am Himmel. In den Bergen liegt viel Schnee, aber die Prioritäten liegen nicht auf schönen Schwüngen, sondern auf flachen Kurven.

Vielleicht können wir den Schnee in einem Jahr wieder geniessen. Das wäre ein sehr gutes Zeichen.

Tag 21

Seit drei Wochen sind die einschränkenden Massnahmen des Bundes in Kraft. Zeit für eine nicht vollständige und auch nicht vollständig ernst gemeinte Zwischenbilanz.

Was haben wir gelernt?

- Homeoffice kann sehr anstrengend sein

- Wir wissen, wie man sich die Hände richtig wäscht

- Lange Warteschlangen heissen nicht unbedingt lange Wartezeiten. 20 Personen vor einer Lokalität mit Tröpfchensystem ergeben eine Schlange von 40 Metern. Mitunter kommt man da sehr schnell vorwärts.

- Gemessen an der Nachfrage, ist Hefe ein Grundnahrungsmittel

- Hamster sprechen wahrscheinlich (und völlig zu Recht!) von Menschenkäufen

Wie hat sich unser Verhalten geändert?

- Wir freuen uns wie über einen Lottogewinn, wenn wir daheim noch eine Handseife finden

- Wir waschen unsere Hände schon, bevor wir die Toilette benützen

- Meine Geschlechtsgenossen waschen ihre Hände nun auch nach dem Benützen der Toilette

- Wir weichen allen aus, die wir irgendwo sehen

- Wir unterdrücken den Hust- und den Niesreiz. Pollen hin oder her

- Wir ellbögeln – und alle finden es gut

Fragen, die sich erledigt haben:

- «…und wo warst Du am Wochenende so?»

- «Gehen wir essen?»

- «Bist Du daheim?»

- «Solltest Du nicht langsam los, damit Du rechtzeitig in der Schule bist?»

Offene Fragen:

- Wo gibt es Toilettenpapier?

- Was machen wir mit all dem Toilettenpapier?

- Wer hat das Desinfektionsmittel geklaut?

- Wer schneidet meine Haare?

- Weshalb sind Sie nicht daheim?

Tag 20

«Blame Game» nennen die Angelsachsen die (gegenseitige) Schuldzuweisung. Wer «Blame Game» und «Corona» googelt, erhält Treffer zum Geplänkel zwischen China und den USA, aber auch zu Iran und Pakistan. Man schiebt sich gerne gegenseitig die Schuld am Ausbruch in die Schuhe. Weltpolitik eben. Wie sie nicht sein sollte.

Das Blame Game funktioniert aber auch im Kleinen bestens, gerade in der gegenwärtigen Situation. Denn es sind bevorzugt die anderen, die sich zum Beispiel nicht an die Abstandsregel halten. Die Spaziergänger, die Hündeler, die Alten im Zug, und das ist ja besonders unglaublich, denn gerade sie müssten doch vorsichtig sein, die Jungen, die sich sowieso nie an Regeln halten und es jetzt natürlich auch nicht tun, die Velofahrer, die nun aus allen Löchern zu kommen scheinen, die E-Biker, die Jogger. Und die Ausländer.

In sozialen Netzwerken haben die Anschuldigungen jedenfalls Hochkonjunktur. Am besten mit Bildbeweis, aufgenommen mit einem Monster-Zoom, der dafür sorgt, dass sich die tatsächlichen Abstände zwischen den Leuten nicht mehr erkennen lassen. Sondern viel kleiner erscheinen.

Vielleicht wäre auch da etwas mehr Solidarität angemessen. Oder anders gesagt: bevor man andere beschuldigt, lieber erst vor der eigenen Tür wischen.

Tag 19


Diese Tage sind verrückt. Zwar hat sich ein neuer Rhythmus eingependelt. Entweder arbeiten. Oder Kinder betreuen, werktags alleine mit Homeschooling, am Wochenende zu zweit und mit mehr Freizeit für alle.

Aber egal, was ist. Mit einem Auge und einem halben Gedanken ist man immer bei den Zahlen. Infizierte, Tote, Geheilte. Kurven, steil oder flach, Zahlen und Kurven aus anderen Ländern. Prognosen, Spekulationen, nachmittags eine Pressekonferenz, meistens aus Bern, neue Zahlen, neue Informationen, neue Prognosen, alte Ungewissheit. Die Wirtschaft, deren teilweiser Stillstand, die Sorgen der am stärksten Betroffenen. Zwischendurch ein Hauch Gewohntes, manchmal sogar etwas Aufregendes, Ungewohntes wie ein Take-Away-Essen. Ist gut fürs Gewerbe, das ja schwer Corona-geplagt ist. Und gut für die Moral.

Abends nochmals Analysen von Zahlen, ohne dass sie neu wären. Und die Frage, wann wieder einmal normal ist.

Es wird wohl ein Mararthon bis dahin. Zwar bin ich sicher, dass wir ihn schaffen. Aber gleichzeitig hoffe ich, das Runner‘s High kommt bald.

Tag 18

WC-Papier-Witze erfreuen sich nach den Hamsterkäufen zum Anfang der Notstandmassnahmen ja grosser Beliebtheit. Deshalb habe ich mich soeben gefragt, was sich eigentlich anstellen lässt mit den riesigen Mengen, die nun in den Kellern der Käufer lagern. Also google ich «basteln mit Klopapier». Tatsächlich gibt es eine ziemliche Anzahl von Ideen – die meisten davon allerdings für Konstruktionen aus Karton-Rollen und nicht aus Papier.

Aber immerhin: Aus Papier lassen sich zum Beispiel Osternestchen in Ei-Form kleistern, eine Idee aus dem Jahr 2018. Und auch eine Schale wird vorgeschlagen. Faszinierend auch die Origami-Faltereien. Ist aber wohl eher für Leute mit etwas mehr feinhandwerklichem Geschick.

Eine Inspiration fand ich dann auch noch: Offenbar lassen sich die Karton-Rollen ziemlich gut zu zerknautschten Gesichtern umformen. Könnte Spass machen. Jedenfalls werde ich das morgen einmal mit den Kindern ausprobieren. Vorausgesetzt, ich finde genug Karton-Rollen.

Tag 17

Am Freitag habe ich mich an dieser Stelle über Leute ausgelassen, die sich nicht ans Social Distancing halten. Drei Tage später muss ich sagen: Es ist aber auch nicht immer einfach, und manchmal wird es einem noch schwerer gemacht. Im Dorfladen zum Beispiel. Da steht nun mal einfach nicht so viel Platz zur Verfügung wie in einem Grossverteiler. Und dann kann es sein, dass man sich kurz einmal zu nahe kommt.

Es lassen sich zudem verschiedene Kundentypen beobachten. Da sind einmal die Regal-Blockierer. Diese wissen nicht, was sie eigentlich wollen. Um es herauszufinden, müssen sie das Angebot zwecks Inspiration erst einmal auf sich einwirken lassen. Soll es der Nussgipfel sein? Oder doch lieber der dänische Plunder? – Nein, es wird zwei Minuten später eine Studentenschnitte. Da habe ich keine Freude, denn ich muss genau so lange warten, bis das Regal wieder freigegeben ist und ich die Mandelbretzel schnappen kann, von der ich schon jetzt weiss, dass ich sie auch in drei Wochen wieder kaufen werde.

Einen weiteren Typen bilden die Zweisamkeits-Shopper. Ob sie alleine oder zu zweit hingehen, ist ja noch einerlei. Aber dann halten sie an der engsten Stelle, zum Beispiel beim Ausgang, einen gemütlichen Schwatz. Oder sie schlendern so durch den getrennten Ein-und Ausgang, dass sie den Weg vollständig blockieren.

Immerhin die Früchte-Prüfer sind ausser Mode gekommen. Jedenfalls habe ich schon länger niemanden mehr beim Abtasten des Reifegrades der einzelnen Früchte gesehen. Könnte aber auch am Sicherheitspersonal liegen, das ganz in der Nähe steht.

Wie dem auch sei: Manchmal braucht Social Distancing sehr viel Geduld...

Tag 16

«Ping!» – Der Sound eines eingehenden E-Mails. Wer wohl an mich denkt, so am Sonntagmittag? – Es ist eine Billig-Airline. «Schön, dass es die noch gibt», denke ich im ersten Moment. Denn dieser Tage freut man sich ja über alles, was noch ein wenig Normalität ausstrahlt und über jede Meldung, die nicht gerade nach Hiobsbotschaft aussieht. Insbesondere aus diesem Wirtschaftszweig.

Der Inhalt des Mails ist dann aber doch erstaunlich. Angeboten werden Flüge für 40 Euro. Inklusive aller Gebühren. Das könne jetzt gebucht werden. Anfang Monat waren die Preise für die Angebote sogar noch etwas tiefer gewesen, gemäss Angaben des Chief Commercial Officers, «um unsere Gäste in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen». Ich konnte nicht widerstehen und klickte auf die Angebote. Tatsächlich geht es noch billiger als im E-Mail angekündigt: Edinburgh ab Basel für 22 Franken, Amsterdam ab Basel für nicht einmal 19.

Für diesen Preis fährt man mit der SBB ab Bülach bis nach Zug und wieder heim. Sofern man ein Halbtax-Abo besitzt. Der Haken an der Sache: Die Flüge sollen im Mai stattfinden. Und da hege ich doch einige Zweifel. Es beginnt schon mit dem Transfer nach Basel, denn der Weg dahin führt ja nach Frankreich. Ob man da überhaupt hinkommt? Aber auch wer das Risiko einer gesperrten Grenze minimiert und erst im Februar bucht, kommt noch sehr günstig weg. Allerdings besteht auch da eine Ungewissheit. Nämlich, ob die Fluggesellschaft bis dann überhaupt durchhält, angesichts der Krise und der beinahe vollständig gegroundeten Flotte.

Gegebenenfalls wäre immerhin der finanzielle Verlust für den gebuchten und bezahlten Flug überschaubar. Doch bleibt die Frage, wer denn nun wen unterstützt: Die Fluggesellschaft ihre Gäste mit der Aussicht auf günstige Ferien? Oder die Gäste die Airline durch den finanziellen Vorschuss?

Tag 15

Der Umgang mit Corona ist von Land zu Land verschieden – am Anfang. Obwohl das Virus überall das gleiche ist und die Probleme, die es nach sich zieht, es ebenfalls sind: die Rhetorik der Wichtige in den Ländern könnte unterschiedlicher kaum sein. Vor allem, wenn sie erklären, warum Corona gerade in ihrem Land nicht so gefährlich ist. Das reicht von (sinngemäss) «bei uns ist es warm, da kommt das Virus nicht weit» über «es wird wie durch ein Wunder wieder verschwinden» bis zu «Schnaps trinken und arbeiten, dann wird niemand krank».

Die gesamte Entwicklung ist dagegen immer die gleiche. Die obigen Erklärungen sind nämlich bereits Schritt 2. Schritt 1 besteht aus der Verharmlosung des Problems. Das geht bestens, wenn es erst vereinzelte Fälle gibt im jeweiligen Land. Dann ist die Rede von einer besseren Grippe, von einer Hysterie, von einem Medienhype. Zugegeben: auch ich neigte zu dieser Ansicht, bevor er ernst wurde.

Schritt 3 ist die schnelle Verbreitung und die nachfolgende Überlastung der Spitäler. Irgendwo zwischen Schritt 2 und 3 folgen die drastischen Massnahmen. Überall. Bis hin zur Ausgangssperre. Dann stellt man fest, dass die in China eben doch nicht einfach überreagiert haben mit der Abriegelung ganzer Städte.

Ob diese Einsicht spät kommt oder zu spät, ob sich das Virus zum Beispiel in einer grossen Menschenmenge schon weit ausbreiten konnte oder nicht, ist letztlich wohl Glückssache.

Tag 14

Die Regeln de Social Distancing sollten eigentlich bekannt sein. Zwei Meter Abstand, nicht nur aus Anstand. Trotzdem erzählte mir ein Arbeitskollege gestern – via Chat – von seinem Einkauf und Leuten, die ihm ständig unangenehm nahe kamen. Im sicheren Büro sitzend, war nicht sicher, ob ich mir in der gleichen Situation Sorgen gemacht hätte. Unter normalen Umständen hätte ich zu einem leichten Bodycheck geraten. Aber, um beim Eishockey zu bleiben: Derzeit wäre wohl eher ein distanzierter Stockschlag angebracht.

Abends fuhr ich dann auf dem Velo nach Hause. In Kloten tauchte vor mir ein Rennvelofahrer auf – ich war aber schneller, holte ihn ein und setzte zum Überholen an. Kein leichtes Unterfangen, denn ich sollte ja zwei Meter Distanz halten. Zum Glück sind auch nicht so viele Autofahrer unterwegs, sodass ich tatsächlich einen kleinen Bogen um ihn herum machen konnte.

Doch was tat der Überholte anschliessend? Genau: Er hockte mir in den Windschatten. Windschatten fährt man so, dass das eigene Vorderrad nicht mehr als 20 Zentimeter vom Hinterrad des Vorderen entfernt ist. Das gibt auf gar keinen Fall zwei Meter Distanz. Und dann könnte es ja noch sein, dass ich einmal husten muss. Oder niesen, denn die Pollenbelastung war ja auch schon tiefer. Mein Hintermann wäre dann genau in meinen Dunst gerattert. Also fuhr ich scharf rechts ran und bremste. Danach hielt ich Abstand. In Bassersdorf zweigte der Rennvelofahrer dann ab.

Erstaunlich, wie schnell die Regeln des Social Distancing ein mulmiges Gefühl verursachen, sobald sie gebrochen werden. Sei es im Laden oder auf dem Velo.

Tag 13

Gestern, an meinem Papa-Tag, kochte ich zum Zmittag Curryreis.

Natürlich sind die neuen Regeln im Bezug auf mögliche Corona-Ansteckungen bei uns daheim schon länger ein Thema. Wir haben den Kindern erklärt, weshalb sie nicht mehr zu den Grosseltern dürfen, nicht mehr in die Schule oder in die Kita, nicht mehr mit allen anderen Kindern spielen können. Und dass der Bundesrat gesagt habe, was man jetzt alles nicht mehr dürfe und was man müsse.

Wahrscheinlich wissen sie nicht so genau, was ein Bundesrat ist. Aber das spielt auch keine Rolle, denn wenn sich Grosseltern, Eltern, Lehrerinnen und Kita-Betreuer an das halten, was er sagt, muss er wohl sehr wichtig sein.

Was hat das alles aber mit dem eingangs erwähnten Curryreis zu tun? Ganz einfach. Als ich vor dem Kochen erwähnte, ich müsse erst einmal das Rezept lesen, fragte der Vierjährige: «Hat das der Bundesrat gesagt?»

Tag 12

Wenn sich das Leben nur noch entweder daheim abspielt oder beim Einkaufen, wird der Lebensmittelladen zum Seismograph für Trends. Erst gab es kein Desinfektionsmittel mehr, dann war die Hefe ausverkauft, dann das WC-Papier, das Mehl, Salz, gewisse Büchsen, die Handseife und so weiter.

Gestern gab es wieder Hefe. Die Produktion, höre ich, sei hochgefahren worden. Nur: ist das auch nötig? Weil alle gehamstert haben, ist möglicherweise davon auszugehen, dass in den Haushalten des Landes grosse Mengen an Hefe vorrätig ist. Gab es bisher in der Schweiz angeblich einen Butterberg, muss neu ein Hefe-Gebirge entstanden sein. So oder so: wer einen Vorrat hat, kauft wohl nicht noch mehr davon. So wird sich weisen, ob die neue Hefe dann auch wirklich Käuferinnen und Käufer findet.

Auffällig war im fast menschenleeren Laden aber noch etwas anderes. Durch den Lautsprechercher wurde alle etwa 15 Minuten beteuert, dass es keinen Engpass an Lebensmitteln gebe, dass die Mitarbeitenden aber trotz eines grossen Efforts einfach nicht immer nachkommen mit dem Auffüllen der Regale. Und man möge doch bitte nicht hamstern.

Habe ich nicht. Nur einen halben Kühlschrank voll Joghurt gekauft. Bis in einer Woche sind die aber weg.

Tag 11

Was wurde vor der Einführung des Lehrplans 21 doch gestritten. Selbstorganisiertes Lernen zum Beispiel. Um ehrlich zu sein: selber fand ich das Konzept zumindest gewagt. Ich als Kind hätte wohl Mühe gehabt, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren und mich zu organisieren.

Jetzt allerdings ist die Umstellung Gold wert. Nämlich, weil es das Homeschooling enorm erleichtert. Die Kinder wissen offenbar meistens, was sie können, was zu tun ist und erledigen es dann. Wie Hausaufgaben, die einfach etwas länger dauern.

Natürlich kommt es vor, dass Fragen auftauchen – sonst wäre es ja kein Lernprozess. Da bin ich dann froh, nur eine Erstklässlerin im Haus zu haben und nicht eine Gymnasiastin kurz vor der Matura, die irgendwelche mathematisch hochtrabenden Aufgaben zu lösen hat. Da müsste ich selber zunächst in die Nachhilfe. Oder mich selbst organisieren.

Trotzdem frage ich mich nach einer Woche Schule daheim: geht es zügig genug voran, um mit dem Lehrplan Schritt halten zu können?

Beantworten muss ich diese Frage glücklicherweise nicht. Die Lehrpersonen wirken ja weiter – einfach nicht mehr so sichtbar. Sondern per Mail, via Downloads oder Telefon.

Tag 10

Heute fragte ich mich am Morgen, was wohl Taschendiebe dieser Tage machen. In den Zeiten von Social Distancing haben sie definitiv weniger Gelegenheit, etwas zu erwischen, das als unter normalen Umständen der Fall wäre. Dasselbe, dachte ich, müsste für Einbrecher gelten. Denn wenn alle potenziellen Einbruchopfer daheim bleiben müssen, wird es auch für jene schwierig, die in die Häuser einsteigen wollen. Immerhin etwas Gutes also bringt die gegenwärtige Lage mit sich. Dachte ich.

Doch kaum im Büro, wurde mein diesbezüglicher Optimismus gebremst. Wie vieles anderes auch, verlagert sich die Kriminalität einfach. Auch Betrüger sind vermehrt online tätig. Berichte dazu gab es in den vergangenen Tagen einige. Die häusliche Gewalt nimmt zu, wenn man zu nahe aufeinander sitzt – entsprechend verstärkt die Kantonspolizei ihren Zürich ihren Kampf auf diesem Gebiet, wie sie mitteilt. Und die Einbrecher? Die holen ihr Diebesgut nun einfach aus den leer stehenden Gewerberäumlichkeiten.

Heisst: die kriminelle Energie ist krisenresistent. Der Lichtblick: die Solidarität wächst mit der Krise – schauen wir, dass das so bleibt. Es hilft sicher auch gegen Kriminalität.

Tag 9

Bis jetzt war immer meine Präsenz auf der Redaktion gefragt. Gewisse Dinge lassen sich ganz einfach besser erledigen, wenn man kurz zusammen sprechen kann und nicht dauernd zum Telefon greifen muss. So sitzen wir in den Räumen des «Zürcher Unterländers» jeweils noch maximal zu dritt, ab nächster Woche noch zu zweit. Mit einem Abstand von fünf Metern.

Heute habe ich den Sonntagsdienst. Den leiste ich aber von daheim aus. Denn ob ich alleine in einem Raum zu Hause sitze oder alleine in einem Raum der Redaktion, macht für mich keinen grossen Unterschied. Ausser, dass ich keine Zeit für den Arbeitsweg benötige und etwas weniger Velofahren darf.

Erst einmal musste ich aber das Homeoffice aufbauen. Der Redaktionslaptop läuft ja und ist erprobt. Bloss will ich nicht einen ganzen Tag lang am Laptop-Bildschirm arbeiten. Darum nahm ich zuletzt Bildschirme nach Hause, holte aus dem Keller einen Festtisch, griff zu einem sonst unbenutzten Hocker – so improvisierte ich mein neues Büro. Als Überraschung haben die Kinder und meine Frau es mit Schokolade-Fröschen und Blumen dekoriert. Ein Novum: Blumen hatte ich noch nie in meinem Büro. Beides freute mich sehr – ich werde nun wohl den Raum für den Rest des Tages nicht mehr verlassen und mich an der Schokolade schadlos halten.

Die zweite Überraschung kam beim Wifi. Der Empfang ist dort, wo der Computer jetzt steht, nicht gerade spitze. Zwei andere Signale von zwei Nachbarn sind jedenfalls stärker. Keine Ahnung, was die für einen Booster benützen. Aber so oder so sollte mein Signal noch etwas besser sein. Kein Problem, dachte ich, denn wozu hat man schliesslich im ganzen Haus diverse Multimedia-Buchsen? Also den Verstärker umstöpseln und die Angelegenheit ist erledigt.

– Ja, Pfiiffeteckel! Wie ich nun weiss, läuft die Hälfte der Buchsen bei uns gar nicht. Wir kriegen dann wohl bald einmal Besuch von einem Elektriker.

Man muss in diesen Zeiten sagen: ist besser als gar kein Besuch.

Tag 8

So fühlt sich das neuerdings an: es gibt zwei Welten. Eine drinnen und eine draussen, so ähnlich wie in Hermann Hesses «Demian». Spätestens nach dem Inserat des Bundes, das heute auf sämtlichen Zeitungs-Frontseiten erschien, ist klar: die Welt drinnen ist sicher. Draussen lauert das Virus.

Drinnen zu bleiben, wurde heute durch das Wetter erleichtert. Der bissige Wind animiere jetzt nicht unbedingt zu grösseren Ausflügen. Vor einer Woche war das noch ganz anders gewesen. Da strömten die Leute in Scharen an schöne Orte, von zwei Meter Abstand halten konnte keine Rede sein. Soweit ich es beurteilen kann aufgrund der wenigen Personen, die ich heute aus sicherer Distanz habe spazieren sehen, ist die Disziplin diesbezüglich nun ungleich höher.

Was auch noch war heute: meine Frau hat versucht, telefonisch einen Swiss-Flug für einen Bekannte umzubuchen. Der Telefonhörer lag dann eine halbe Stunde herum und dudelte die Warteschleifen-Musik. Nach gut 34 Minuten ging es weiter. Und zwar mit einem «Tüt-tüt-tüt-tüt…» Klar: je weniger Flugzeuge in der Luft, desto mehr Passagiere am Telefon. Akustisch wahrgenommen habe ich heute nur einen einzigen Jet. Der gehört virentechnisch auch nicht in die Kategorie «sicherer Ort»

Tag 7

Jetzt gilt es wirklich ernst. Heute die letzte Warnung des Bundesrates - danach folgt die Ausgangssperre. Morgen, soviel steht fest, wird dieser auf den Titelseiten der Schweizer Zeitungen unübersehbar sein. Spätestens danach sollten alle wissen, was es geschlagen hat.

Schade, dass die Regeln von einigen offenbar nicht oder zu wenig befolgt werden und ein solcher Aufruf überhaupt nötig ist. Denn wenn eine Ausgangssperre kommt, trifft sie auch jene, die sich korrekt verhalten haben.

Dabei zeigt sich, dass die grosse Mehrheit sehr wohl das einhält, was nötig ist. Bei meinem Einkauf schritt ich heute etwas zu zügig auf jemanden zu. Die Frau machte gleich zwei Schritte rückwärts, sodass ich mich umgehend entschuldigte. Auch das System mit getrennten Ein- und Ausgängen wird begriffen, und wenn zu viele Leute im Laden sind, warten die anderen geduldig vor der Kasse. Zudem wurde im Laden meiner Wahl das Kartenlesegerät nach jedem Kunden und jeder Kundin desinfiziert.

Vor wenigen Tagen hätte man das noch für übertrieben gehalten. Aber eben:Man weiss jetzt, was es geschlagen hat.

Tag 6

Der Aufruf kam gestern über den Quartierchat: heute Donnerstag um 19 Uhr auf den Balkon stehen und applaudieren für all jene, welche die Grundversorgung im Land sicherstellen und dafür sorgen, dass wir alles haben, was wir unbedingt benötigen.

Selbstverständlich werde ich um 19 Uhr auf der Terrasse stehen und klatschen.

Mein Applaus gilt aber nicht nur jenen, die gerade Grosses vollbringen, sondern auch jenen, die jetzt gar nichts mehr vollbringen. Weil sie nichts mehr vollbringen dürfen. Meinem Coiffeur, der im Laden immer gute Stimmung verbreitet und mit allen per Du ist. Den Verkäuferinnen beim Metallhändler, die einen grüssen, wenn man das Geschäft betritt und immer das richtige Ersatzteil auftreiben können. Dem Kellner in der Pizzeria, der genau weiss, was ich möchte. Es ist immer die mit Prosciutto. Haben diese Leute und alle anderen Betroffenen nach der Krise ihre Jobs noch?

Sie müssen. Aber dafür wird es dann wohl mehr brauchen als Applaus. Die Solidarität muss auch finanziell spielen, und so wie ich das sehe, werden wir einen langen Atem benötigen, um die Folgen des gegenwärtigen, weitgehenden Stillstands zu stemmen. Das Klatschen sollte nicht enden, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden. Sondern frühestens dann, wenn wir sehen, dass wir die Krise gemeistert haben. Das heisst: Dass viele Menschenleben gerettet werden konnten. Und viele Existenzen.

Tag 5

Der fünfte Tag nach Inkrafttreten der verschärften Massnahmen war für mich wieder so etwas wie Tag 1. Nämlich der erste Tag ohne Schule ausserhalb der Ferien daheim mit den Kindern.

Der Höhepunkt des Morgens war, dass die Lehrerin meiner Tochter Schulstoff brachte. Jetzt wissen wir, was wir morgen und am Freitag so machen. Zwei Tage Planung. In der Corona-Zeit fällt das schon unter Langfrist.

Um das Material irgendwie sinnvoll zu bündeln, habe ich nun einen Stapel Kisten aufgestellt, angeschrieben mit den Wochentagen. Jeden Tag wird eine geöffnet, und heraus kommen die Hausaufgaben. Das werde ich meiner Tochter als Schul-Adventskalender verkaufen.

Neu organisiert werden muss natürlich auch der Wocheneinkauf. Da will ich die Kinder schlicht nicht mehr mitnehmen. Glücklicherweise gibt es Nachbarn, die auch Kinder und damit das gleiche Problem haben. So kann man sich abwechseln mit der Betreuung, um ein Zeitfenster zu öffnen. Heisst für mich: Unverzüglich ab in den Laden!

Also bis morgen...