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Corona-Tagebuch

Beobachtungen aus dem nicht mehr alltäglichen Alltag, kleine Anekdoten und Gedanken zum Leben in der Corona-Zeit. Martin Liebrich schreibt sie hier täglich nieder.

LIVE TICKER BEENDET

Tag 73

Die Eishockeyfans in Nordamerika und die Fans des nordamerikanischen Eishockeys überall auf der Welt haben auf diese Nachricht gewartet: jetzt steht fest, wie es in der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL weitergehen soll. Dort ruht der Spielbetrieb wegen des Virus.

Anfang Juli wird der Trainingsbetrieb wieder aufgenommen. Danach fangen die Playoffs an, vermutlich etwa Mitte bis Ende Juli, auf jeden Fall im Hochsommer. So genau steht das noch nicht fest.

Fest steht hingegen, dass es so genannte Hub-Citys geben soll, also Städte, in denen mehrere Teams gleichzeitig stationiert sind und spielen. So wird die Reisetätigkeit eingeschränkt. Welche Städte zum Hamdkuss kommen, ist auch noch offen. Im Rennen ist unter anderem Las Vegas. Heisst: Mitten in der Wüste könnte im Hochsommer Eishockey gespielt werden. Gut: Könnte sogar den Viren zu heiss werden.

Der Sieger der Saison 2019/2020 wird wohl im Spätsommer oder im frühen Herbst feststehen.

Auch das zeigt, wie stark in diesen Zeiten alles durcheinander geraten ist. Eishockey wird den Sommer hindurch gespielt. Die Sommerolympiade fällt aus. Die Fussball-WM ist dann im Winter 2022.

oh… Moment! Das hat ja gar nichts mit Corona zu tun…

Tag 72

Heute habe ich im Homeoffice gearbeitet. Ungefähr zum zweiten Mal seit Beginn des Lockdown an einem Werktag. Und eigentlich geht es ja prima: alle Systeme stehen uneingeschränkt zur Verfügung, die Arbeitskollegen, die oft ohnehin auch nicht im Büro sind, lassen sich auf den gewohnten Kanälen erreichen. Oder was heute galt: liessen sich erreichen. Bis kurz nach 11 Uhr. Dann war fertig. Internet weg.

Wenn das passiert, führt der erste Weg in den Keller, Router neu starten. Nützte aber nichts. Ein erster Fluch.

Also Plan B: mittels Handy einen Hotspot errichten, denn das mobile Netz funktioniere noch. Wie ich später herausfinden sollte, war ich heute beim richtigen Anbieter. Die Panne war auf einem anderen Mobilnetz.

Nur fand mein Computer dann mein Smartphone nicht. Er zeigte etwa 15 Netze an, dem Namen nach auch einen mobilen Hotspot aus der Nachbarschaft. Aber meiner? – Nix die Bohne. Auch nicht nach einem Neustart.

Mehr Fluchen.

Nach 20 Minuten warf ich ein Kabel an die Wand.

Nach 25 Minuten fand der Computer den Hotspot. Keine Ahnung, weshalb, denn ich hatte nichts anders gemacht als zuvor. Immerhin: danach lief es.

Fazit: es ist egal, weshalb, solange die Dinge funktionieren.

Tag 72

Heute früh fuhr ich in Kloten mal wieder am Puck-Kreisel vorbei. Da packte mich doch ein bisschen Wehmut. Die Leserschaft des «Zürcher Unterländers» erinnert sich wahrscheinlich: Um den Kreiselschmuck hatte sich eine einzigartige Posse entsponnen. Beim kantonalen Tiefbauamt war man nämlich der Ansicht, es handle sich um kommerzielle Werbung für eine Aktiengesellschaft, weil auf dem überdimensionierten Puck das Logo des EHC Kloten prangt. Und das sei eben verboten.

In Kloten wird der EHC aber eher als Stadtheiligtum gesehen – völlig zu Recht, wie ich meine. Und natürlich als Verein, der viel für die Nachwuchsförderung macht, für den Ruf der Stadt, der Region, und so weiter. Aber eben nicht als AG, die einen Gewinn erwirtschaftet. Denn tatsächlich, auch wenn die Profimannschaft als AG organisiert ist: einen Gewinn kann man dort lange suchen.

Es folgte ein Hin und Her, das fast so episch ist wie die Clubgeschichte, bis letztlich feststand: «Das Logo auf dem Puck darf bleiben».

Ja, so war das vor einem Jahr. Und ja, wir hatten damals schon auch noch ein paar andere Probleme. Aber nein, solche wie momentan waren es nicht. Heute wäre man schon froh, wenn Eishockey überhaupt noch irgendwo gespielt würde. Und das ist noch eines der kleineren Probleme.

Jedenfalls war vor einem Jahr das Logo auf dem Puck verboten, nun ist es der ganze Sport. Unter anderem.

Das einzig erfreuliche: Der Puck wird auch noch stehen, wenn ihm wieder nachgejagt werden darf.

Tag 71

Das Wort der Stunde – oder vielmehr: der vergangenen Monate – lautet «Solidarität». Sie wird gefordert zur Bewältigung der Krise, und zwar auf mehreren Ebenen. Auf der zwischenmenschlichen, indem wir Abstand halten und darauf verzichten, Ansammlungen zu bilden. Auf der finanziellen, indem Vermögende oder gut Verdienende mehr von ihrem Geld abgeben sollen, damit der aufgelaufene Schuldenberg abgetragen werden kann. Auf der internationalen, indem ein Umdenken gefordert wird zugunsten der Armen, die von der Krise oft extrem betroffen sind.

In den Forderungen nach Solidarität liegt aber auch eine gewisse Gefahr. Sie könnten kontraproduktiv sein. Das liegt in der Natur der Sache: Damit jemand solidarisch ist, muss diese Person in jedem Fall auf etwas verzichten. Sei es auf ein Stück Freiheit, auf Geld, auf Gewohnheiten oder schlicht auf eine gewisse Bequemlichkeit. Und genau hier gerät die Sache ins Stocken.

Die Solidarität könnte zu einem Schwarzpeter-Spiel werden, in dem alle versuchen, den Nachteil den anderen unterzujubeln. Oder das Wort «Solidarität», im eingangs beschriebenen finanziellen Zusammenhang oft von politisch linken Kreisen zitiert, könnte von politisch rechten Kreisen zu einem Schimpfwort umgebaut werden. So ähnlich ist es ja auch mit dem «Gutmenschen» gelaufen, oder mit den «Netten». Beides wäre der Sache abträglich.

Die Schwierigkeit wird darin liegen, einen Mittelweg zu finden aus Abstrichen, die viele zu machen haben, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verträglichkeit. Weil es um fast unvorstellbare Dimensionen geht, finanziell und gesellschaftlich, wird dies besonders heikel werden. Denn wer auch immer bezahlen soll – egal, ob Nationalbank, Staat, Kanton, Gemeinde, Versicherung: am Ende sind wir es, die das finanzieren.

Das heisst: Die Solidarität muss letztlich spielen. Sonst drohen starke Verwerfungen in der Gesellschaft.

Tag 70

Knapp vier Wochen, nachdem die Coiffeure wieder offen sind, liess ich einen davon an meine Corona-Wolle. Jetzt passe ich wieder in den Spiegel. In der Vorbereitung des Coiffeurbesuchs habe ich aber, man kann es nicht schönreden, versagt. Zwar liegt daheim ein Pack Schutzmasken bereit. Doch auf dem Weg fiel mir ein, dass ich keine eingesteckt hatte. Also noch kurz in die Migros.

Nur war dort bei den Masken eine lange Warteschlange, die mich hätte zu spät kommen lassen. Zum Glück gibt es nebenan noch eine Drogerie, in die ich mich postwendend begab. Leider wurde ich auch postwendend wieder herausgebeten. Es sind nur zwei Kunden aufs Mal erlaubt. Ich sah nur eine Person, wurde dann aber von einer Verkäuferin auf die andere aufmerksam gemacht. Ich müsse kurz warten.

Das hätte ich, wäre nicht mein Termin in zwei Minuten fällig gewesen. So betrat ich den Coiffeursalon atemungeschützt und fragte, ob das ein Problem sei. Es war keins. Sie hatten Masken. Nach fünf Minuten fiel mir dann auf, dass ich das Ding wohl falsch aufgesetzt hatte. Bei allen anderen war sie aussen blau, ich trug die blaue Seite aber innen und die weisse aussen. Nun denn – geschützt hat sie wohl trotzdem.

Für den Coiffeur übrigens ist die Maske auch eine Herausforderung. Nicht nur die eigene, die, wie er erklärte, zu einem Ausschlag führen kann, sondern auch die am Kunden. Sicher drei Mal habe er schon die Schnur durchschnitten, die den Schutz an den Ohren festhält. Heute aber nicht. Da lief alles bestens. Nach dem Schnitt entledigte ich mich der Maske mit einer gewissen Erleichterung.

Und nahm mir fest vor, beim nächsten Mal meine eigene zu bringen.

Tag 69

Seit einigen Tagen geistert die Meldung in den Medien herum: Corona verleihe dem Velo Schub. Und die Hoffnung der Velo-Enthusiasten wäre, dass dadurch mehr Radwege gebaut werden. Nötig wär es, kann ich sagen.

Denn heute fuhr ich nicht von meinem Wohnort ins Büro, sondern vom Bodensee, wo Bekannte ein Häuschen haben, in dem wir übernachten durften. Also zog sich der Arbeitsweg etwas in die Länge, so drei Stunden plante ich ein. Den genauen Weg kannte ich nicht, aber Google weiss da ja Bescheid. Also Route eingestellt und losgefahren.

Zickzack statt direkt durchs Veloland.
Zickzack statt direkt durchs Veloland.
(ml)

Nur: Leider hält sich Google bei der Planung gern an die Radwege, oder vielmehr: an das, was als Veloroute gekennzeichnet ist. Und das ist meistens etwas, das zwar schöne Landschaften bietet, aber keinesfalls schnell ist. Genau genommen empfiehlt es sich nicht, auf so einer Route schneller als 15 km/h zu fahren. Denn sonst ist die Gefahr zu gross, dass Wegweiser übersehen werden. Sie sind in dezentem dunkelrot gehalten und nicht etwa besonders gross, und auch nicht besonders auffällig platziert. Sehr gut für gemütliche Touren, aber untauglich für Fahrten mit etwas höherem Tempo.

Das Resultat: Seit bald 40 Jahren verfahre ich mich nonstop, wenn ich den Radrouten zu folgen versuche. Unabhängig vom Land, übrigens. Ich sehe mich noch in diesem schwedischen Wald stehen, in dem der «Radweg» einfach endete. Das war im Sommer 1996.

Auf den Schweizer Routen gibt es andere Gags: Sie werden oft über Naturstrassen gezogen. Da drehe ich lieber gleich wieder um.

Das geht auch schneller...
Das geht auch schneller...
(ml)

Also habe ich meine eigene Taktik entwickelt. Erst schauen, wo die Autobahn verläuft. Und dann wenn möglich eine geteerte Route finden, die möglichst genau daran entlangführt. Denn die Autobahnen werden auch in der Schweiz ziemlich direkt gebaut, schliesslich soll man ja möglichst schnell von A nach B gelangen.

Genau so sollte auch das Radwegnetz aufgebaut sein, wollte man den Zweiradverkehr fördern und so die Corona-Ansteckungsgefahr im öffentlichen Verkehr mindern: direkt. Für Pendlerinnen und Pendler machen Aussichten auf schöne Landschaften nämlich keinen Sinn, wenn sie dadurch täglich eine Viertelstunde verlieren.

Im Büro war ich heute übrigens rechtzeitig. Die Umwege waren einkalkuliert…

Tag 68

Der Unterschied ist nicht zu übersehen. Waren vor vier Wochen praktisch keine Leute unterwegs, vor zwei Wochen einige mehr und vor einer Woche nochmals klar mehr, sind es jetzt gleichsam Massen. Und wenn keine Museen offen sind, keine Zoos und keine Bergbahnen, bleibt gar nichts anderes übrig als die bekannten Ausflugsziele. Dort wird es jetzt eng.

Sinnvoller wäre jedoch, diese Tourismusmagneten zu meiden und sich stattdessen etwas abseits zu bewegen. Dort ist man nämlich oft allein. Weil diese abgelegeneren Orte aber unbekannt sind, kommt auch niemand auf die Idee, dort überhaupt hinzugehen. Die Gewohnheit, das Altbekannte zu besuchen, tut das ihre.

Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Rückschritt und Altbekannte in der Zeit der neuen Probleme nicht rächt. In spätestens zwei Wochen werden wir mehr wissen – mit den Ansteckungszahlen.

Tag 67

Ende Februar besuchte meine Tochter die Skischule. Das war gerade noch möglich – wenig später war alles zu, und die Bergbahnen mussten den Betrieb sehr schnell einstellen.

Selber erinnere ich mich an die eigenartige Stimmung, in der wir in den Skiferien waren – in Davos, sonst bekannt für den «Zauberberg», fühlte es sich eher an wie im «Tod in Venedig» (minus die ganze erotische Komponente, die mir in diesem Werk ohnehin immer suspekt war): Man wusste, dass da etwas kommt und dass es immer näher kommt, aber es war noch nicht so klar, was es ist. Und nach Hause zu gehen, fiel uns nicht ein. Zu schön das Wetter, zu viel Spass im Schnee.

Warum ich das heute schreibe? – Es war der Geburtstag meiner Tochter. Die Skischischule gratulierte per E-Mail: «Alles Gute zu Geburtstag von der Skipiste!»

Ja… schön wär‘s.

Tag 66

Die Gesellschaft, die Regeln, die Gewohnheiten. Sie sind gewachsen. Über Jahre, teilweise Jahrhunderte. Hände schütteln zum Beispiel. Das haben wir nie gross hinterfragt – uns wurde beigebracht, dass man das eben macht. Und darum machten wir es eben. Aus Anstand.

Andere Dinge haben sich gescheite Leute lange und gründlich überlegt, die Planung wurde darauf ausgerichtet. Zum Beispiel im Verkehr. Da ging es vor allem darum, dem steigenden Mobilitätsbedürfnis Rechnung zu tragen und möglich viele Leute in möglichst kurzer Zeit von A nach B zu bringen. Am einfachsten geht das selbstredend, wenn möglichst viele Personen auf engem Raum stehen. Oder sitzen. Im Zug drängten sich Steh- statt Sitzplätze auf, im Flugzeug eine engere Bestuhlung und so weiter. Gute Ideen. Unter normalen Umständen.

Aber normal ist gut zwei Monate her. Jetzt wäre Abstand gut. Aber was wird sein, wenn es wieder normal wird?

Es geht weiter wie bisher, glaube ich. Das war nach Krisen in der Vergangenheit immer so. Nach 9/11 wurde irgendwann mehr geflogen als zuvor. Nach der Finanzkrise kletterten die Börsenkurse höher als zuvor. Und so weiter. Und vermutlich wird auch bald wieder als unanständig gelten, wer nicht Hände schüttelt.

Die alten Gewohnheiten und Regeln sind tief verwurzelt.

Tag 65

Schwarze Löcher, wenn ich das richtig verstanden habe, verzerren so ziemlich alles. Das heisst: verstanden habe ich es eigentlich nicht, zumindest nicht logisch. Aber jedenfalls könne dort sogar die Zeit aus den Fugen geraten, weil die Kräfte so gewaltig sind. Was schwer vorstellbar ist.

Mit der Coronakrise verhält es sich ähnlich. Sie verzerrt die Dimensionen. Gesprochene Geldmengen werden grösser, der Aktionsradius der Menschen wird kleiner. Was eine Menge ist, variiert. Eine Menge Geld ist nun plötzlich eine Zahl mit mindestens zehn Nullen. Also mindestens zehn Milliarden, gemessen in Franken. Eine illegal grosse Menge Menschen ist es, wenn es mehr als fünf sind.

Heute kam aus Bern die Nachricht, Kundgebungen seien erlaubt, wenn nicht mehr als fünf Personen mit je mindestens zwei Meter Anstand daran teilnehmen. Aber wenn zwei Mal fünf Personen mit je mindestens zwei Meter Abstand an zwei verschiedenen Enden einer Stadt zur gleichen Zeit für das gleiche Anliegen demonstrieren, ist das illegal. Weil es dann total zehn Personen sind.

Das finde ich gut. Es gibt nun endlich etwas aus dem Alltag, das ich logisch genauso wenig nachvollziehen kann wie ein schwarzes Loch.

Tag 64

Es gibt sie noch, die Distanz-Ignoranten. Stellte ich heute fest, weil daheim die Früchte ausgegangen sind. Deshalb radelte ich schnell an die nahe Tankstelle – für den kleinen Überbrückungseinkauf. Und als ich am bezahlen war, sah ich aus dem Augenwinkel, wie hinter mir jemand aufschloss, als hätte es nie ein Corona-Virus gegeben, keinen Lockdown, keinen Berset, keinen Koch. Und vor allem, als gäbe es keine aufgeklebten Linien am Boden. Der Kontrollblick zeigte: zwischen 20- bis 30-jährig, locker gekleidet. Offenbar zu locker drauf, Lockdown-Lockerung hin oder her.

Spontan überlegte ich mir, welche Möglichkeiten es gäbe, solche Aufschliesser auf Distanz zu halten.

Mir fielen ein:

  1. die Schiedsrichterpfeife: Sobald jemand näher als gefühlte zwei Meter steht, wird in Referee-Manie getrillert und wild gestikuliert. Bis die 2 Meter erfüllt sind. Spassfaktor: hoch. Coolness-Faktor: mittelprächtig.
  2. und in Anlehnung an 1.: Rasierschaum. Hat sich auf dem Fussballrasen bestens bewährt, damit die Mauer bei Freistössen die Distanz zum Schützen hält. Der Schaum löst sich nach einer gewissen Zeit wieder auf. Allerdings: Welchen Sinn macht Schaum, wenn die Abstandslinien im Laden bereits eingezeichnet sind? Und ausserdem könnte Schaum auf glatten Böden in Läden ziemlich gefährlich werden. Spassfaktor: hoch. Coolness-Faktor: speist sich aus dem Überraschungseffekt, wird aber durch mögliche Rutschgefahr völlig vernichtet.
  3. ein Messband mitführen: wäre sicher effektiv. Und genau. Die gibt es sogar elektronisch, was schneller wäre, mehr Eindruck machen würde und das lästige Ausfalten oder Ausrollen ersparen würde. Spassfaktor: in der elektronischen Version sehr hoch. Coolness-Faktor: siehe Spassfaktor.
  4. eine elektronische Distanzwarnung: eine Kurzrecherche ergab keine schlüssigen Ergebnisse, ob es ein Gerät gibt, das konstant die Distanz misst und bei Unterschreiten von zwei Metern einen Warnton ausstösst. Obwohl: In Autos wird sowas ja serienmässig verbaut. Ein Nachteil wäre, dass auch vor Hindernissen und dergleichen gewarnt würde. Der Ton könnte auf Dauer nervig sein, wenn er bei jeder Annäherung an eine Wand, an einen Tisch oder an die eigenen Familienmitglieder erklingen würde. Spassfaktor: höchstens anfänglich. Coolness-Faktor: sehr hoch, wenn man das Gerät aus einem Schrottauto ausbaut und vernünftig zum laufen bringt.
  5. ein Distanzhalter-Gestell oder -Hut: Da sind andere bereits drauf gekommen. Hüte mit weit auslandender Krempe oder ein Gestell, das man sich umschnallt und das auf jede Seite zwei Meter herausragt, wurden bereits designt. Spassfaktor: endet, wenn man nicht mehr durch die Tür zum Tankstellenshop passt. Coolness-Faktor: hoch, wenn man sich gern zum Deppen macht.
  6. etwas sagen: könnte man natürlich auch. Spassfaktor: ähm… nein. Coolness-Faktor: Flughöhe Oberlehrer.

Fazit: Ich brauche ein elektronisches Messband.

Tag 63

Nicht, dass ich es zur Gewohnheit werden lassen möchte. Aber wie bereits vor einer Woche war ich auch heute wieder in der Landi. Wir brauchten noch Gartenerde, Kies und Sand.

Die Abstandslinien im Laden sind noch gleich. Die Nümmerli beim Eingang, die entscheiden, ob man rein darf oder nicht, sind dagegen weg. Vielleicht ein Schritt zurück zur Normalität. Positiv denken.

Doch genau als ich im Laden und am Laden des Einkaufswagens mit hunderten Kilo Erde war, erhielt ich eine Push-Mitteilung aufs Telefon und auf die Uhr. Fast 100 Neuansteckungen seit gestern. Fast doppelt so viele wie Tags zuvor. Ich zuckte zusammen. Die Frage kam auf, ob es sich schon um die Auswirkungen der Lockerung handle – zu früh, um das zu beurteilen, hiess es. Jedenfalls wich ich zwei Schritte zurück, um Abstand zu halten zu den anderen Einkaufenden.

Daheim diskutierten wir, was nun wohl zu tun sei, wenn die Zahlen wieder derart schnell zu steigen beginnen. Erst einmal abwarten, ob es sich nicht um irgendeine statistische Unebenheit handelt. Die Diskussion erledigte sich dann, als der Nächste Push kam: Entwarnung, die Zahl war falsch. Und in Wahrheit nur halb so hoch.

Wir atmeten auf.

Tag 62

Heute haben wir es gewagt. Und gingen Badminton spielen. Denn in unmittelbarer Nähe der «ZU»-Räumlichkeiten steht eine Tennis-, Squash- und Badmintonhalle, und die Duelle über Mittag sind unterdessen zu einer lieb gewordenen Tradition geworden. Wenn auch zu einer äusserst anstrengenden.

Natürlich war heute alles ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Garderobe war geschlossen, wir mussten uns also im Büro umziehen. Beim Eintritt in die Halle musste mein Gegner, Michi Caplazi vom Online-Team, noch versichern, das Schutzkonzept gelesen zu haben. Dort steht unter anderem drin, die Halle müsse 5 Minuten vor dem Ende der reservierten Spielzeit verlassen werden. Wir hatten für eine Stunde gebucht. Auch mussten wir unsere Namen und Telefonnummern angeben.

Danach ging das Duell los – und nach wochenlangem, Lockdown-bedingtem Pausieren fühlte ich mich noch ein wenig eingerostet. Am Ende war aber alles wie immer. Ich verlor denkbar knapp (27:25) im vierten Satz und nach einem epischen Duell, aber ich verlor.

Badminton-Tagebuch
Zum ersten Mal seit 10 Wochen in der Halle. Aerosole hin oder her.

Zum Glück mussten wir nicht noch in einen Entscheidungssatz, denn die Zeit auf dem Court haben wir auch so überzogen. Das war aber nicht weiter schlimm, da nach uns niemand kam, wie wir bereits im Voraus abgeklärt hatten. Die Distanzregeln haben wir eingehalten.

Zum Schluss noch die Frage nach dem Duschen. Das ging nicht, da wir im Büro keine Duschmöglichkeiten haben. Eine Katzenwäsche war aber auch ok, für den Notfall.

Tag 61

Meine Zähne haben leider die unangenehme Eigenart, dass ab und zu ein Stück davon absplittert. Zu viel Cola in jüngeren Jahren. Haben sie mir nicht verziehen.

Neulich war es wieder einmal soweit, also buchte ich einen Zahnarzttermin für heute um die Mittagszeit, in Zürich.

Das alles wird ja auch erst durch die Umstände erwähnenswert. Denn nach Zürich würde ich gegenwärtig eher nicht fahren – viel zu viele Menschen. Aber interessant war es allemal. Ein Jogger kam mir mit Schutzmaske entgegen, andere hielten sich etwas weniger an die Regeln. Gruppen von Schülern mit mehr als fünf, aber weniger als zwei Metern Distanz dazwischen, sind keine Seltenheit.

Interessant war es auch in der Zahnarztpraxis. Die Schutzmaske ist dort ja eine Art Arbeitsuniform, ausser dass sie nun auch schon von allem am Empfang getragen werden. Das Prozedere bei der Anmeldung erinnerte mich ein wenig an die Einreiseformalitäten bei einem Trip in die Vereinigten Staaten. Es galt erst einmal, ein Formular auszufüllen und zu bestätigen, dass man nicht erkältet ist, keine Gliederschmerzen hat, keinen persönlichen Kontakt mit einer nahestehenden Corona-infizierten Person hatte, und etwa fünf weitere Sachen. Am Schluss sollte einfach überall «nein» stehen. Und das sollte dann der Wahrheit entsprechen.

Dann wurde die Körpertemperatur gemessen. «Tief», prophezeite ich, denn ich kam direkt vom Velo, und draussen war es recht kühl. «35,6», sagte die Assistentin. Ich durfte ins Wartezimmer. Und war erleichtert, dass die Temperaturen nicht gerade hochsommerlich sind. Bei 37 Grad werde ich wohl ein Problem haben. Oder früh genug anreisen müssen, dass sich die Stirn vor der Messung ein wenig abkühlen kann.

Der Rest war eigentlich wie immer. Ausser, dass ich dem Zahnarzt am Ende zuwinkte, statt ihm die Hand zu geben. Am Empfang verabschiedete ich mich durch die Plexiglasscheibe.

Tag 60

Als es losging mit dem Lockdown, war zwar klar, was das in Bezug auf unsere Mobilität bedeutet. Nämlich Null. Also daheim bleiben, wenn es irgendwie geht.

Unklar war und ist aber, was der Lockdown sonst mit uns macht. Rückblickend lässt sich sagen, dass die ersten Wochen geprägt waren von einem Schock, und der Schock liess die Menschen zusammenrücken.

Diese Schockreaktion scheint nun aber vorüber zu sein. Oder sogar ins Gegenteil zu drehen. Denn jetzt kommen die Corona-Skeptiker, genährt durch Halbwahrheiten aus dem Internet. Halbwahrheiten lehnen sich an eine Wahrheit an, aber weil der Mantel aus Unwahrheiten besteht, sind sie eben auch Halblügen.

Ein Fakt, oder vielleicht auch nur ein angeblicher Fakt, wird so dargestellt, dass am Schluss eine angebliche Lüge besteht. Zu Beispiel: In England werden alle Toten, die mit Corona infiziert waren, als Corona-Tote ausgewiesen. Es ist aber nicht klar, dass sie tatsächlich an Covid-19 gestorben sind. Also stimmen die Zahlen nicht, denn gestorben wären sie wohl so oder so, irgendwann. Und deshalb muss es doch so sein, dass Covid-19 eben doch nicht schlimmer ist als eine normale Grippe. – Klingt logisch, nicht? Nur: Wieso droht dann bei einer normalen Grippe nicht jedes Mal auch das Gesundheitssystem völlig zusammenzubrechen? Diese Frage wird ausgeblendet.

Apropos etwa so harmlos wie eine Grippe: Da machen wir in der Schweiz alles dafür, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet. Und wir schaffen es sogar, die Pandemie einzudämmen! Aber was ist die Reaktion? Statt dass sich die Skeptiker darüber freuen, dass sie noch leben – und ihre Eltern, älteren Bekannten, Freunde mit Bluthochdruck und so weiter hoffentlich ebenfalls –, drehen sie das Ganze auf den Kopf. Der Erfolg der Massnahmen, zu denen leider auch eine Bevormundung durch den Staat gehörte, muss nun als Beweis dafür herhalten, dass das Virus harmlos ist.
Irgendwelche diffusen Mächte hätten aber das Gegenteil behauptet und würden nun Gewinn machen.

Aber wehe, es hätte keinen Lockdown gegeben, dafür aber hunderttausende Tote. Da wäre mit Sicherheit die Theorie aufgetaucht, irgendeine diffus-finstere Macht habe das so gewollt. Um Gewinn zu machen.

Tag 59

Die Corona-Krise bringt immer wieder Überraschendes. Denn weil eigentlich alle Bereiche des Lebens davon betroffen sind, stellen sich Fragen, auf die man vorher nur mit sehr viel Fantasie gekommen wäre. Heute habe ich auf unserer Website zum Beispiel einen Artikel gelesen, in dem der Frage nachgegangen wurde: Wie viele Viren kommen vorne via Aerosole raus, wenn hinten ein Posaunist zum forte fortissimo ansetzt?

Abgesehen davon fielen mir zum Orchestergraben aber noch andere Fragen ein, da der Posaunist im entsprechenden Versuch einen Auszug aus Gustav Mahlers 8. Symphonie spielte. Wie aber soll dieses Werk, auch bekannt als «Symphonie der Tausend», überhaupt aufgeführt werden? Denn dort sind tatsächlich mehr als tausend Musikerinnen und Musiker, Sängerinnen und Sänger gefragt, damit die Symphonie in Vollbesetzung dargeboten werden kann.

Auch wenn sich nicht alle in den Orchestergraben quetschen müssen, ist die Nähe der Akteure zueinander doch zu gross. Und momentan sind Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmenden ja ohnehin verboten.

Unmittelbar vor der Lektüre dieses Posaunen-Artikels hatte ich einen Fernsehbeitrag zur gestrigen Wiedereröffnung der Restaurants im Land gesehen. Zwischen den Tischen wurden Plexiglas-Trennscheiben angebracht. Die Frage wäre somit, wie Plexiglasscheiben im Orchestergraben so angebracht werden können, dass die Akustik für die Zuhörenden nicht zu stark beeinträchtigt wird.

Anzunehmen ist allerdings, dass sich das Problem von selbst lösen wird. Denn wenn Veranstaltungen mit über 1000 Teilnehmenden wieder erlaubt sind, wird auch die Übertragung des Virus im Orchester kein Problem mehr sein. Zuvor müsste das Virus besiegt sein.

Tag 58

Wieder einen Schritt weiter, einen Schritt näher an der Normalität. Am Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, fielen mir zuerst einmal die Autos auf. Das sind schon viel mehr als zuvor. Eigentlich nicht erfreulich, in der momentanen Situation aber eben doch. Und Kinder. Es sind wieder Kinder unterwegs, die zur Schule müssen. Eines trug sogar eine Maske.

Am Mittag dann ein Besuch in einer Pizzeria, mit Arbeitskollegen – natürlich nicht mehr als vier. Auch das ein Stück Normalität. Im Restaurant sah es eigentlich aus wie immer, ausser dass beim Eingang eine Präsenzliste lag. Der Kellner machte darauf aufmerksam, es sei freiwillig, sich einzutragen. Ich machte es so oder so. Und desinfizierte mir danach die Hände mit dem bereitstehenden Mittel.

Was noch nicht ist wie vorher: Abgesehen von uns gab es nur noch an einem einzigen weiteren Tisch Gäste – zwei. Und die Liste am Eingang verriet, dass auch vor uns nicht mehr da waren. Ob es Vorsicht war, welche die potenziellen Gäste bewog, dem Restaurant fern zu bleiben, ist offen. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele noch im Homeoffice arbeiten und darum einfach kein Bedarf vorhanden war, auswärts zu essen.

Gastronomisch gesehen steht also eine Gratwanderung an. Für die Restaurants wäre es gut, wenn man hingehen würde. Für die Ausbreitung des Virus ist es allerdings besser, daheim zu bleiben. Wie dieser Spagat gelingen soll, ist mir nicht ganz klar.

Selber werde ich so oder so für den Rest der Woche nicht mehr auswärts essen. Mehr als einmal wöchentlich ging ich aber auch vor dem Lockdown nicht in die Beiz.

Tag 57

Der Samschtig-Jass kann momentan ja auch nicht im gewohnten Rahmen stattfinden. Also strahlte SRF am Samstag die Wiederholung einer Jubiläumssendung aus dem Jahr 1989 aus. Die habe ich mir auf dem Hometrainer sitzend auch tatsächlich angeschaut. Wunderbar nostalgisch.

Jürg Randegger moderierte, Göpf Egg war Schiedsrichter, das Cabaret Rotstift sorgte mit seinen Problemchen und Unklarheiten für die gewohnte Unruhe.

Am Anfang der Sendung nahmen die Jassenden inklusive Göpf einen Schluck Roten – das war damals noch erlaubt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Das Publikum, nur ausnahmsweise und zum Jubiläum vorhanden sah aus, wie normale Leute eben aussehen. Im 1989er Look. Offensichtlich wurden damals noch nicht jene ausgewählt, die in die vorderen Reihen und damit in die Nähe der Kamera kamen. Und der Stargast, der damals einfach spezieller Gast genannt wurde, war Walter Roderer, von Randegger konsequent als «Rodi» angesprochen.

Roderer war damals gerade mit «Buchhalter Nötzli» in den Kinos. Der Film lief bereits. Heute würde das Marketing mit Sicherheit darauf bestehen, den Protagonisten kurz vor der Premiere ins Fernsehen zu bringen.

Dann die Telefonjasserin mit ihrem Apparat im Bild, der ungefähr die Dimensionen einer 1-Literpackung Milch aufwies. Und später, bei der Einblendung einer Totale mit der Bühne, war eine Werbung zu sehen für den Bankverein. Die Fusion mit der Bankgesellschaft zur UBS erahnte noch niemand.

Erfrischend war, dass vor der Sendung Fabienne Bamert Jürg Randegger interviewte. Wer wollte, konnte in den Antworten des mittlerweile 85-Jährigen Kritik am heutigen Samschtig-Jass hören. Es sei heute eben alles schneller und lauter, befand er.

Waren die Zeiten früher also besser? Ich glaube nicht. Sie waren wohl einfach anders schlecht. Die Berliner Mauer stand noch. Die Sowjetunion gab es noch. Der Schrecken nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl steckte wohl noch vielen in den Knochen.

Die Erinnerungen an diese Zeit sind trotzdem schön. Aber daran zu denken, was damals alles nicht so gut war, schärft eine Gewissheit: es ist heute auch nicht schlecht. Trotz allem.

Tag 56

Heute wollte ich kurz in die Landi, denn wir brauchten Kies, um im Garten ein wenig zu werkeln. In der nächstgelegenen Filiale haben sie am Boden überall gelbe Linien aufgeklebt, im Abstand von jeweils zwei Metern. Das ist hilfreich. Und am Eingang gibt es ein Nummernschild, ähnlich einer Startnummer.

Mit der Nummer 109 am Start: Liebrich.
Mit der Nummer 109 am Start: Liebrich.
(ml)

Wenn es keine Nummern mehr hat, ist der Laden voll, und niemand darf mehr rein. Das ist die Alternative zu den Personen, die mit Samrtphone in der Hand zählen und die Kunden dann in den Laden lassen. Oder eben nicht.

«Es hat dann noch ein Nümmerli im Veloanhänger», sagte meine Frau zu mir, bevor ich losfuhr. Sie war gestern in der Landi und hatte ihres am Ende nicht an der Kasse abgegeben, sondern versehentlich nach Hause genommen. Ich grinste. Denn bisher war immer ich derjenige, der allerlei Zeug versehentlich heimbrachte.

Nach einer Kubareise vor etwa 15 Jahren entdeckte ich im Koffer eine TV-Fernbedienung. Vor Jahresfrist merkte ich auf dem Heimflug aus London, dass ich beim Checkout an der Hotelreception das kreditkartenförmige U-Bahn-Ticket - der Betrag für die Fahrt wird automatisch abgebucht - abgegeben und stattdessen den Zimmerschlüssel mit nach Hause genommen hatte.

Und der Clou: auf der Heimreise aus dem Bündnerland mussten die Kinder im vergangenen Herbst im Rheintal aufs WC. Wir hielten an einer Tankstelle, ich holte den Schlüssel. Daran ein Schlüsselanhänger, gross und schwer wie ein Backstein. Das Wetter war grauenvoll, die Kinder müde, alles musste schnell gehen. Daheim zog ich den Schlüssel zur Tankstellen-Toilette aus meinem Hosensack. Ich rief dann an, entschuldigte mich und schickte ihn per Post zurück.

Heute in der Landi stand am Eingang ein Angestellter, der die Nümmerli verteilte. Ich zeigte ihm meins und sagte «vom letzten Mal». Er grinste. Und sagte, ich solle es dann am Ende einfach an der Kasse abgeben. Was ich gewissenhaft machte.

Andere haben es aber auch nicht geschafft. Als ich den Einkaufswagen zurückbrachte, sah ich darin: Genau.

Schön in der Reihe parkiert, Nummer für den Eintritt inklusive: EIn Einkaufswagen.
Schön in der Reihe parkiert, Nummer für den Eintritt inklusive: EIn Einkaufswagen.
(ml)

Ein Nümmerli.

Tag 55

Heute setze ich mich einmal ein wenig in die datenschützerischen Nesseln. Zum Contact Tracing.

Denn die Ausgangslage ist klar: Wir werden bald zwei Monate Lockdown hinter uns haben. Eine lange Zeit, in der das öffentliche Bewusstsein von zunehmender Angst zu wieder aufkeimender Hoffnung wechselte, die Aussichten für die Wirtschaft von sehr gut auf scharfe Rezession zunehmend dunkelrot bis schwarz wurden, so viele Arbeitnehmende auf Kurzarbeit gesetzt wurden wie noch nie, viele die Stelle schon verloren haben, die Schule nicht mehr in der Schule stattfand, sämtliche Besuche bei Bekannten und Verwandten nicht nur abgesagt werden mussten, sondern vom Bundesrat verboten waren, der Schwatz mit dem Nachbarn am besten per Videokonferenz stattfinden sollte und die beste Option generell immer daheim bleiben war. So sieht die Lage aus, die sich jetzt zwar etwas entspannt hat. Aber Experten warnen vor einer zweiten Welle.

Eine Möglichkeit, um einer weiteren Ausbreitung des Virus entgegen zu treten, ist das Smartphone. Eine App könnte alle warnen, in deren Nähe sich ein Träger oder eine Trägerin des Corona-Virus aufgehalten hat. Vergleichsweise einfach und vergleichsweise hocheffizient. Doch nun kommen die Zweifler. Laut einer Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften befürchten viele eine stärkere Überwachung. Auch Bedenken, die App könnte nicht funktionieren, sind häufig, und Bedenken, das Smartphone könnte einfacher gehackt werden.

Zugegeben: Ich finde den Gedanken auch nicht so prickelnd, dass eine App jederzeit weiss, wo ich bin. Darum habe ich das Tracking auf dem Smartphone ausgeschaltet, das standardmässig eingeschaltet ist. Auch die totale Überwachung à la China ist mir ein Gräuel. Wenn am Schluss die Kinder auf eine schlechtere Schule kommen, weil ihre Eltern ein paarmal bei Rot über die Strasse gegangen sind und das Smartphone dies rapportiert hat, geht das sehr viel zu weit. Aber wenn ich mir die Kosten überlege, die eine zweite Corona-Welle bringen würde – finanziell oder noch schlimmer: an Menschenleben –, finde ich ein wenig mehr Überwachung durch eine App dann doch die bessere Option. Und ja: Wenn das Virus besiegt ist, werde ich der erste sein, der sie wieder löscht.