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Das Gegenteil von Social Distancing

Im «Nahtalk» sitzen Gülsha Adilji und ihre Interviewgäste fast aufeinander. Die Video-Serie wird wegen des Coronavirus ausgesetzt – und zeigt, wie wichtig Nähe ist.

Gülsha Adilji interviewt Skifahrer Ramon Zenhäusern im «Nahtalk». Foto: Schweizer Illustrierte
Gülsha Adilji interviewt Skifahrer Ramon Zenhäusern im «Nahtalk». Foto: Schweizer Illustrierte

Es ist nicht nur angenehm, auch für die Zuschauer nicht. Da zwängen sich die Interviewerin Gülsha Adilji und Hausi Leutenegger in einen metallenen TV-Rahmen, zwischen ihren Köpfen bleibt fast kein Platz, und dann sagt der Bobfahrer und Unternehmer: «So nöch wie mit dir bini mit keinere Frau ghocket die letschte Johr.»

Seit knapp einem Jahr produziert Gülsha Adilji das Interview-Format «Nahtalk-Erfahrung» für die «Schweizer Illustrierte». Sie und Prominente wie Melanie Winiger, Loco Escrito oder Ramon Zenhäusern kommen sich für 30 Minuten und ohne grossen Prolog unnatürlich nahe. «Ich bin am Anfang immer überfordert», sagt Adilji. Doch durch die Nähe traue sie sich, intimere Fragen zu stellen – und entlockt so auch mal ein Geheimnis.

Schwierig, zu lügen

Leutenegger erzählt im «Nahtalk» unverblümt, was er von Greta Thunberg hält: nichts. Dass er ständig zwischen seinen Häusern hin- und herjette, sei ihm egal. «Da got mich nüme vil a», sagt der 80-Jährige.

Ex-Miss-Schweiz Winiger muss derweil Fragen wie diese wegkichern: «Kommen viele Freunde deines Sohnes zu dir, weil seine Mutter heiss ist?» Und Slalom-Fahrer Zenhäusern schildert in der Interview-Serie zum ersten Mal öffentlich, wie er seine Freundin kennen lernte.

«Weil ich so nahe sitze, ist es viel schwieriger, mich anzulügen oder eine Antwort zu beschönigen», sagt Gülsha Adilji, die durch den Jugendsender Joiz bekannt wurde. Durch das gegenseitige Vertrauen, die eigene Intimsphäre aufzugeben, versuchten alle so feinfühlig wie möglich miteinander umzugehen.

Das funktioniert auch in anderen Interviewformaten. In «The Late Late Show», die auf dem amerikanischen Sender CBS läuft, fährt Host James Corden mit Musikern in einem Auto durch Los Angeles. Durch die lockere Atmosphäre entstehen persönliche Begegnungen, die in einer klassischen Sitzordnung im Studio nie möglich wären.

Billie Eilish singt gemeinsam mit Corden ihr «Ocean Eyes» und lässt während des Refrains die Rücklehne ihres Sitzes theatralisch nach hinten kippen, als fahre sie gerade mit ihren besten Freunden durch die Stadt. Adele erzählt, weshalb sie in der letzten Zeit gleich dreimal betrunken war (mehr als 200 Millionen Menschen haben das Video auf Youtube gesehen). Und Ed Sheeran stopft sich 55 Maltesers gleichzeitig in den Mund, bestätigt so einen Mythos und spuckt die Schoko-Bonbons dann auf den Asphalt.

Interesse muss da sein

Wegen des Coronavirus hat Gülsha Adilji alle «Nahtalk»-Interviews bis auf weiteres abgesagt. Das Format ist so etwas wie das Gegenteil von Social Distancing. «Physische Nähe ist bei Interviews jedoch nicht alles», sagt Adilji. Viel wichtiger sei das gegenseitige Interesse an einem Gespräch. Wenn dieses nicht da sei, bringen auch die besonderen Bedingungen des «Nahtalk» nichts.

Gülsha Adilji hofft, dass Social Distancing nicht zur Gewohnheit wird. Foto: Reto Oeschger
Gülsha Adilji hofft, dass Social Distancing nicht zur Gewohnheit wird. Foto: Reto Oeschger

Die Moderatorin, die momentan in Berlin lebt, hofft, dass sich während des momentanen Ausnahmezustands keine Blockade in den Köpfen einnistet. «Ich wünsche mir, dass Social Distancing nicht zu einer Gewohnheit wird, die wir wieder abtrainieren müssen», sagt sie – und denkt dabei an ganz banale Dinge wie Umarmungen oder gemeinsame Nachtessen in einem Restaurant.