Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zum Schulbeginn in SüdeuropaDas Generationendilemma am Mittelmeer

In Italien und Spanien starten am Montag die Schulen. Nun droht das Coronavirus von den Enkeln auf die geliebten Grosseltern überzuspringen. Warum es keine einfache Alternative gibt.

Ein Schritt in eine neue Normalität: Schulstart in der Stadt Tomares in der Nähe von Sevilla.
Ein Schritt in eine neue Normalität: Schulstart in der Stadt Tomares in der Nähe von Sevilla.
Foto: Keystone

In Italien und Spanien kehren an diesem Septembermontag Millionen Kinder und Jugendliche zurück in die Schulen. Was sonst ein fröhlicher Anlass ist, ein Moment des innigen Herzens und Erzählens von Abenteuern und Sommerliebschaften am Strand, ist diesmal ein Augenblick der Sorge. In Italien und Spanien mehr noch als anderswo, obschon das Dilemma natürlich überall dasselbe ist. Schulen sind das «pulsierende Herz» eines Landes, wie es Italiens Premier Giuseppe Conte in seiner Ansprache nannte. Doch sie sind eben auch Virenschleudern sondergleichen.

«Noch ist nicht klar, wie stark sich dieser ganze Ausnahmezustand rund um die Pandemie auf die Psyche von jungen Menschen ausgewirkt hat.»

Man kennt es von normalen Grippen: Manche Kinder schleppen sich im Winter von einer zur anderen, dauerverpfnüselt sind sie dann oft. Aber das ist nun mal keine normale Grippe, Corona ist perfid. Junge Menschen erkranken in aller Regel nicht so stark, wenn sie sich anstecken. Aber womöglich verbreiten sie das Virus ähnlich wie nicht so junge. Und da mediterrane Gesellschaften auf dem Modell eines schönen Generationenvertrags fussen, der das ganze Leben und in vielen Fällen den Alltag regelt und taktet, droht nun, wenn nicht alle wahnsinnig aufpassen, der Sprung von den Enkeln auf die geliebten Grosseltern. Dann wäre die zweite Welle schnell da, das jedenfalls ist die grosse Sorge.

Doch wie das nun mal so ist bei einem Dilemma: Es gibt keine einfache Alternative. Wäre es etwa gescheiter gewesen, die Kinder noch länger daheimzubehalten, abgekoppelt von ihrem sozialen Umfeld, auf Distanz unterrichtet? Noch ist nicht klar, wie stark sich der Lockdown, die Angst vor der unsichtbaren Gefahr und dieser ganze Ausnahmezustand rund um die Pandemie auf die Psyche von jungen Menschen ausgewirkt haben. Wahrscheinlich ist das sehr unterschiedlich. Mit dem Schulstart versuchen auch die Italiener und die Spanier, die von der Pandemie stark getroffen wurden, einen Schritt in eine neue Normalität. Verängstigt und ohne Gewähr. Doch am Ende hatten sie wohl gar keine andere Wahl.

8 Kommentare
    ralfkannenberg

    Originelle Ausrede: damit die jungen Menschen nicht leiden darf man Todesopfer bei den Risikopatienten in Kauf nehmen. Die Menschheit verroht weiter.