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LeitartikelDas Märchen von der Stadt Wallisellen

Mit dem neuen Gemeindegesetz darf sich Wallisellen nennen, wie es will, auch «Stadt». Das täuscht aber kaum darüber hinweg, dass es eigentlich längst ein Oerlikon mit eigener Gemeindeversammlung ist.

Auf einem Schiff lebte einmal ein Mädchen, nennen wir es Valerie. Und diese Valerie wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Kapitänin zu sein. Als eines Abends eine Zauberfee in ihrer Kajüte auftauchte, äusserte sie diesen sehnlichen Wunsch – die Fee tippte mit ihrem Stab dreimal auf Valeries Kopf und sagte: «Ab diesem Moment bist du eine Kapitänin.»

«Wie hast du das nur gemacht?», wollte sodann das Mädchen wissen. «Brauchst du da keinen Spruch? Kein Zauberbuch?» «Nö», meinte die Fee schnippisch, «bloss das Gesetzbuch. Denn, siehst du, Kapitänin, das ist in der Schweiz keine geschützte Berufsbezeichnung. Das ist nicht wie Ärztin, Anwältin oder Ingenieurin. Wenn du Kapitänin sein willst, dann kannst du es ganz einfach sein.» Und wusch war die Fee verschwunden.

Es war einmal ein Dorf, nennen wir es Wallisellen. Und dieses Wallisellen wünschte sich nichts sehnlicher, als eine Stadt zu sein … Na ja, vielleicht waren es auch bloss einige Gemeindevorstände, die sich nichts sehnlicher wünschten, als Stadträte zu sein. Seis drum.

Im März 2018 stimmte das Walliseller Volk der Schaffung der Einheitsgemeinde zu, lehnte gleichzeitig aber die Schaffung eines Stadtparlaments ab. Nach dem alten Gesetz-Zauberbuch wäre das Märchen der Stadtwerdung damit ausgeträumt gewesen, denn das Parlament war einst Bedingung für den Titel Stadt. Doch es gibt ein neues Gemeindegesetz. Und dieses bietet die Möglichkeit, relativ frei Namen an Organe zu verteilen – vorausgesetzt dass sie nicht irreführend sind. Nicht nur darf sich der Gemeindevorstand nennen, wie er will (zum Beispiel weiterhin «Gemeinderat» oder «Stadtrat», aber auch «Gouverneur», wenn er Lust hat), sondern auch die Gemeinde als solche darf umbenannt werden, zum Beispiel in «Stadt».

Weil Wallisellen Einheitsgemeinde wird, braucht es zwingend eine neue Gemeindeordnung. Und diesen Schritt nimmt der Gemeindevorstand nun zum Anlass, aus dem Dorf per Abrakadabra eine Stadt zu zaubern. Er tippt mit dem Bleistift dreimal auf den Verordnungsentwurf – und schreibt das Wort in den Verordnungstext. Und dann ist das so. Und damit möglichst niemand dazwischenfunkt, hat er noch ein anderes Zauberwort: «Vernehmlassung». Denn wenn immer man etwas so bürokratisch verklausuliert, schreckt das die grosse Mehrheit von jedweder Partizipation ab. Es gab ganze 12 Stellungnahmen, von denen sich 6 für die «Stadt» und 4 für «Gemeinde» ausgeprochen haben – 2 enthielten sich der Stimme.

Und so verwandeln sich die Gemeindevorsteher von Gemeinderäten in Stadträte, die Gemeindeschreiberin in eine Stadtschreiberin, und das Dorf in eine Stadt – immer vorausgesetzt, es findet sich nicht plötzlich eine Mehrheit, die die Revision der Gemeindeordnung als Ganzes an der Urne kippt. Die Walliseller sind übrigens nicht die Ersten, die das Märchen von der Stadt träumen: Das substanziell kleinere Affoltern am Albis (12’300 Einwohner) hat sich ab 2018 als Stadt bezeichnet – und sogar die Website www.stadtaffoltern.ch gekapert.

Das Mädchen Valerie hat mit den Jahren aber bald gelernt, dass es weit weniger um die Frage gehen kann, Kapitänin zu sein oder nicht zu sein, sondern viel mehr um das Kapitänin-Werden, und nicht zuletzt auch darum, ob man ein Ruderboot oder ein Kreuzfahrtschiff kommandiert. Es geht um die Entwicklung und um den Kontext, das Drumherum. Plumpe Moral für das Märchen? Aber auch nicht ganz unstimmig. Denn ebenso wenig wie die Marke von 10’000 Einwohnern noch vor der Mondlandung aus Wallisellen eine Stadt gemacht hatte, wird es nun der beabsichtigte Federstrich in der kommunalen Verordnung tun.

Das liegt nicht etwa daran, dass Wallisellen nicht genügend städtisch, nicht urban wäre – das ist die Gemeinde seit Jahrzehnten viel mehr als es Affoltern am Albis wohl jemals sein wird. Nein, es ist die unmittelbare Nachbarschaft. Wallisellen ist keine Stadt, sondern ein Quartier. Genauso wie Opfikon, Kloten, Oerlikon, Schwamendingen und Seebach. Und für alle, die jetzt die Autobahn als Kriterium heranziehen wollen – die trennt auch schon die Kreise 11 und 12.

Ist Quartier zu sein schlimm? Bestimmt nicht. Daran hat man sich im Glattal doch längst gewöhnt. Und auch eine klassische Eingemeindung wie zuletzt 1934 ist bisher nicht dringend angezeigt, zumal sich der Kanton Zürich auch noch immer zahllose kleine und kleinste Gemeinden leistet. Es existiert sich bestens als Quartier mit eigener Gemeindeversammlung. Bloss sollten sich die Walliseller nicht zu viel auf den Begriff «Stadt» einbilden. Vor allem dann nicht, wenn dieser dazu dienen sollte, sich von Zürich abzugrenzen. Denn auf so engem Raum verlieren Gemeindegrenzen mit jeder Generation und mit jedem Neuzuzüger zusätzlich an Relevanz.