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Investmentbank vor UmbauDas sind die Folgen des Archegos-Bebens bei der CS

Die Bank will herausfinden, wie sie in das Debakel mit dem Hedgefonds Archegos schlittern konnte. Auch die Rolle der verantwortlichen Manager wird untersucht. Muss das Geschäftsmodell angepasst werden?

Das Hedgefonds-Debakel wird für CS-Chef Thomas Gottstein zur Bewährungsprobe.
Das Hedgefonds-Debakel wird für CS-Chef Thomas Gottstein zur Bewährungsprobe.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone) 

In den kommenden Wochen wird die Bank Tausende Mails unter die Lupe nehmen, Dokumente wälzen und versuchen herauszufinden, wer Schuld an dem Schlamassel hat, das die Bank 4,4 Milliarden Franken kostet. Bei zwei internen Untersuchungen zum Archegos-Debakel wird bei der CS jeder Stein umgedreht. Sicher ist schon jetzt: Die Aufarbeitung wird die Credit Suisse noch Monate in Atem halten.

Denn die Vorfälle werden sich nicht nur kurzfristig auswirken, sie dürften auch längerfristig Folgen für das Geschäftsmodell der Bank haben, wie es von Insidern heisst. Dabei dürfte auch die Rolle von Bankchef Thomas Gottstein beleuchtet werden. Und neben dem bereits angekündigten Bonusverzicht könnten auf Bankmanager weitere Verzichtsforderungen zukommen.

Um das Desaster aufzuarbeiten, hat der Verwaltungsrat zwei Sonderausschüsse gebildet. Das «taktische Krisenkomitee» unter der Leitung von Noch-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner soll die konkreten Ursachen für die Skandale um Archegos und Greensill klären. Daneben hat der Verwaltungsrat noch einen «Spezialausschuss» gebildet, der «über weitergehende Konsequenzen» aus den Affären nachdenken soll.

Credit Suisse sieht im Vergleich besonders schlecht aus

Sowohl beim Desaster mit den Greensill-Fonds als auch beim Milliardenverlust mit dem Hedgefonds Archegos sind noch viele Fragen offen. Dazu gehört zum Beispiel, wie es möglich war, dass die Schweizer Grossbank ein derart grosses Kreditrisiko im Investmentbanking mit einer nicht regulierten Finanzboutique eingehen konnte, ohne dass hier intern Alarmglocken klingelten.

Zwar haben auch Banken aus den USA oder aus Japan Verluste mit Geschäften mit Archegos erlitten, doch Credit Suisse fuhr hier im Verhältnis zur eigenen Bilanz das grösste Risiko. Und muss deshalb den bislang grössten Abschreiber wegen der Archegos-Schieflage bekannt geben.

Die beiden geschassten CS-Manager haben Boni über rund 20 Millionen Franken ausstehend.

Das Ergebnis der internen Untersuchung wird auch darüber entscheiden, ob die beiden geschassten Geschäftsleitungsmitglieder Lara Warner und Brian Chin ihre aufgeschobenen Boni erhalten. Laut Geschäftsbericht hat Chin noch Bonuspakete im Wert von 12,5 Millionen Franken ausstehend, bei Warner sind es 7,7 Millionen Franken. Im Geschäftsbericht heisst es auch, dass Clawback- und Malus-Klauseln greifen. Das heisst, die einst zugesprochenen Boni könnten verfallen, wenn den beiden Spitzenbankern ein grobes Versagen nachgewiesen werden könnte.

Von der Bonuskürzung der Chefetage ist auch der ehemalige Bankchef Tidjane Thiam betroffen. Seine Boni-Pakete laufen eigentlich noch bis 2022. Der Verfall seiner kurzfristigen Boni sei aber gerechtfertigt, denn die Archegos-Affäre habe in seiner Amtszeit ihren Lauf genommen, heisst es aus dem Umfeld der Bank.

Gottstein fest im Sattel

Mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ist es nicht getan: Darum nimmt der neue Spezialausschuss des Verwaltungsrats auch die Struktur und das Geschäftsmodell der Grossbank unter die Lupe. Chef des Gremiums ist der Brite Richard Meddings, der Präsident der britischen Bank TSB ist und erst 2020 in den Verwaltungsrat der Credit Suisse kam.

Bankchef Thomas Gottstein kündigte in der NZZ bereits an, dass sich die Bank teilweise aus Prime Brokerage zurückziehen werde. Das sind Servicedienstleistungen für Hedgefonds, etwa Kredite oder Handelsdienstleistungen. In diesem Geschäftsbereich fielen die Verluste mit Archegos an. Auch Mitbewerber wie die Deutsche Bank hatten sich bereits aus dem Geschäft verabschiedet, um ihre Risiken zu senken.

António Horta-Osório wird bald das Präsidium der CS übernehmen.
António Horta-Osório wird bald das Präsidium der CS übernehmen.
Foto: Carl Court (AFP)

Mit schnellen Entscheidungen mit Blick auf das Geschäftsmodell ist indes nicht zu rechnen. Denn die wird der neue Bankpräsident António Horta-Osório treffen. Und der Portugiese soll erst bei der Generalversammlung am 30. April zum Nachfolger von Urs Rohner gewählt werden. Derzeit ist er noch Chef der Lloyds Banking Group und kann deshalb nur begrenzt in Interna eingeweiht werden. Daher wird sich der Portugiese nach seiner Wahl erst einarbeiten müssen.

Weil ein doppeltes Führungsvakuum für die Bank zu riskant wäre, sei Bankchef Gottstein trotz der jüngsten Rückschläge vorerst gesetzt, heisst es intern. Wie es langfristig mit dem Bankchef unter dem neuen Präsidenten weitergeht, gilt aber als offen. Einen weiteren Patzer dürfte sich Gottstein kaum leisten können. Das Verschmelzen von Risiko und Compliance unter der Führung von Lara Warner war einer seiner Entscheide, ebenso die Ernennung von Brian Chin zum Investmentbankchef.

Kosten der Greensill-Affäre noch offen

Während nun bekannt ist, wie teuer das Archegos-Debakel für die CS ist, ist weiterhin offen, wie hoch die Verluste aus den Greensill-Papieren werden. Derzeit arbeitet die Grossbank daran, die Wertpapiere aus den geschlossenen Fonds zu verwerten. Bei der Schliessung hatten diese ein Volumen von 10 Milliarden Dollar. Davon sind rund vier Milliarden bereits an die Kunden ausbezahlt.

Die Greensill-Affäre kommt die CS wohl weniger teuer zu stehen, ist aber für die Bank heikel, weil dort Kundengelder betroffen sind.

Die Greensill-Affäre dürfte für die Bank finanziell weniger schmerzhaft sein, aber sie ist in einer verzwickten Situation. Bei Archegos ist die Bank selbst von den Verlusten betroffen, hingegen fallen die Ausfälle der Greensill-Wertpapiere bei den Kunden an. Weil besonders gute Kunden unter Greensill leiden, steht die CS unter einem gewissen Druck, sich zumindest an den Verlusten zu beteiligen.

Die Bank hatte vergangene Woche erklärt, dass sie damit rechnet, «die Mehrheit» der Fondsvermögen wieder erlangen zu können. Insider schätzen, dass unter dem Strich die Bank von den ursprünglichen 10 Milliarden Dollar rund acht Milliarden wird retten können. Würde dann der ausstehende Verlust mit den Kunden geteilt, wie bereits kolportiert worden ist, käme es zu einem weiteren Verlust von 1 Milliarde Dollar – der aber möglicherweise erst im kommenden Geschäftsjahr anfällt. Laut Quellen könnte sich dieser Prozess bis ins nächste Jahr hinziehen.

6 Kommentare
    sB

    Die CS hat es doch geschafft, sich von einem "Enkeltrick-Betrüger“ über den Tisch ziehen zu lassen. Der verurteilte Spekulant Bill Hwang und sein Family Office Archegos hat die CS mit einem raffinierten Finanzvehikel geködert und dabei um 10 Mrd. (?!?) Spielgeld gebeten. Die „hochkompetenten" Investmentbanker der CS haben es ihm gegeben und somit 1/4 des harten Eigenkapitals der gesamten CS somit direkt an den Roulett-Tisch befördert, und ein grosser Teil davon verzockt.

    Das gesamte Risikomanagement (wenn es eines gegeben hat) hat komplett versagt und die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat war offenbar nicht im Bilde oder war mit anderen Nebensächlichkeiten beschäftigt. Die Finma hat zwar gewarnt, doch war leider nur Bittsteller und die Herren Rohner und Gottstein haben es süffisant wegbelächelt, hängen ja schliesslich ihre Boni daran.

    Die CS ist heute noch gleich viel wert wie die Swisscom, doch die Löhne vom Management um ein Vielfaches höher und auch das Selbstbewusstsein und die Arroganz der Geschäftsleitung/VR ist nach wie vor unangetastet. Ich frage mich deshalb, welche Verluste realisiert werden müssen, bevor diese Bank zu den realwirtschaftlichen Gesetzten zurückkehrt und dieses absolut abgehobene Verhalten ein Ende nimmt.