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Kolumne Markus SommDas Staunen der Welt

Was den vor einer Woche verstorbenen Fritz Gerber zu einem der begabtesten und eindrücklichsten Wirtschaftsführer machte, den die Schweiz je hervorgebracht hat.

Er machte die Roche, vorher eine Firma mit miserablem Ruf, zu einer Firma von Weltrang: Fritz Gerber, der im Juni 1991 neue Medikamente des Konzerns präsentierte.
Er machte die Roche, vorher eine Firma mit miserablem Ruf, zu einer Firma von Weltrang: Fritz Gerber, der im Juni 1991 neue Medikamente des Konzerns präsentierte.
Foto: Keystone

Als sich Fritz Gerber im Oktober 1977 zu einem vertraulichen Gespräch im Zürcher Hotel Baur au Lac einfand, trug er die Uniform eines Artillerieobersten genauer: den Kampfanzug und grobe Stiefel. Vielleicht klebte Dreck an den Sohlen. Er war direkt aus dem Melchtal angereist, wo er mit seinem Regiment stationiert war. Es herrschte kein Krieg, sondern die alte bürgerliche Schweiz, wo alle, die etwas zu sagen hatten, oder fast alle, als Offizier in der grössten Milizarmee der Welt dienten. Im Hotel kannte man den Obersten natürlich trotzdem, den Präsidenten der Zürich-Versicherung, und führte ihn zu seinem Gastgeber: Paul Sacher, ein glänzender Dirigent, ein reicher Mann, vor allem ein mächtiger. Sacher war Grossaktionär von Roche, seit Jahrzehnten lenkte er den Basler Pharma-Konzern aus dem Hintergrund. Ohne langes Federlesen kam er zur Sache: «Roche ist in der Krise. Sie müssen Präsident werden!» «Aber ich habe keine Erfahrung in der Industrie und verstehe nichts von Forschung.»

Natürlich fühlte sich Gerber geschmeichelt. Trotz Krise war Roche ein Monument der Schweizer Wirtschaft, aber er war schon Chef eines anderen Monuments, der Zürich-Versicherung, und hatte die Firma erst wieder in den Erfolg zurückgeführt zudem lebte er mit seiner Familie in einem schönen Haus in Zollikon. Umziehen? All die Mitarbeiter in der Versicherung im Stich lassen? Mit 48 Jahren ins kalte Wasser springen? Gerber zögerte. Man kam überein, sich noch einmal zu treffen, und Oberst Gerber fuhr zurück an die Front in Obwalden.

Sacher ruhte nicht. Obwohl Gerber zunächst absagte, brachte es Sacher fertig, das Unmögliche durchzusetzen. Damit Gerber seine alte Firma nicht enttäuschen musste, blieb er Chef bei der «Zürich», und wurde Chef bei der Roche, und zwar sowohl Präsident als auch CEO. Es war eine Anhäufung wirtschaftlicher Macht, wie man sie seit Alfred Escher in der Schweiz nie mehr erlebt hatte, schrieb der Journalist Karl Lüönd. Und wie so oft, war zuerst niemand zufrieden: In den Zeitungen rümpfte man die Nase, im Establishment zog man die Augenbrauen hoch, in der Roche fühlte man sich nicht für voll genommen. Ein Teilzeit–Chef? Ein Hansdampf in allen Gassen? Gerber arbeitete vom Montag bis am Mittwoch bei der «Zürich», und vom Donnerstag bis zum Samstag bei Roche. Am Sonntag für beide. Schon nach wenigen Jahren verstummte jede Kritik. Die «Zürich» blühte, und die Roche, vorher eine Firma mit miserablem Ruf, machte er zu einer Firma von Weltrang.

Der Mann funkelte, der Mann fragte, bis er alles wusste, und er erzählte wie ein Gott.

Fritz Gerber ist vor einer Woche im Alter von 91 Jahren gestorben. Er war wohl einer der begabtesten und eindrücklichsten Wirtschaftsführer, den die Schweiz je hervorgebracht hat. Ich lernte ihn kennen, als ich Chefredaktor der «Basler Zeitung» wurde. Ein grau melierter, milder Gentleman, der am Stock ging, aber so elegant und entschlossen, dass man nie auf den Gedanken gekommen wäre, ihn für gebrechlich zu halten. Im Gegenteil. Der Mann funkelte, der Mann fragte, bis er alles wusste, und er erzählte wie ein Gott. Aus seiner einfachen Kindheit in Huttwil im Emmental, wo er Ehrenbürger war, was ihn, der so viel erreicht hatte, sichtbar rührte. Oder wie er als Student sich politisch engagierte für das «Junge Bern», eine Truppe von intelligenten Nonkonformisten, oder wie er zum persönlichen Mitarbeiter von Hans Schaffner wurde, dem späteren Bundesrat, einem ähnlich grandiosen Mann wie er selbst: «Ich verliere meine Zeit nicht mit Leuten, die ich nicht brauchen kann», pflegte Schaffner zu sagen, und diesen jungen Gerber, das merkte er sogleich, konnte man brauchen.

Wenn wir dann jeweils zu Mittag assen hoch oben im Hauptsitz von Roche, und die Stunden dahinschmolzen, als gäbe es keine Uhr, erkundigte sich Gerber ab und zu, ob ich denn noch Zeit hätte, ob er diese Geschichte auch noch schildern sollte, was mir immer kurios vorkam bei einem so verdienten Mann, von dem ich doch als Jüngerer so viel lernen konnte. Es war ein Privileg, ihm zuzuhören, doch er gab mir das Gefühl, er gehöre zu den Privilegierten. Er war der Inbegriff von Höflichkeit, auch Bescheidenheit, ohne dass ich je daran gezweifelt hätte, dass er wusste, was für ein Titan der Schweizer Wirtschaftsgeschichte er war.Gerber stand für eine Generation der Tüchtigen und der Glücklichen. Schweizer durch und durch, machte er aus seinem Glück, hier geboren zu sein, das Beste, ohne sich je einzubilden, sich nicht dafür anstrengen zu müssen. Er setzte sich für dieses Land ein, das er liebte, und eroberte trotzdem die Welt. Er wird uns fehlen.