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KommentarDas Trauma hallt nach

Die Italiener machen erste, sachte Schritte in eine neue, sehr relative Normalität.

Lange waren die italienischen Städte wie ausgestorben, jetzt kehrt etwas Leben zurück: Ein Priester im Zentrum Roms.
Lange waren die italienischen Städte wie ausgestorben, jetzt kehrt etwas Leben zurück: Ein Priester im Zentrum Roms.
Foto: Keystone 

In die italienischen Städte kehrt wieder etwas Leben zurück, sanft und leise. Rom zum Beispiel fühlt sich an, als wäre es in Watte gehüllt oder eben in Verbandszeug. Selbst die leichte Lockerung des Lockdown, wie sie die Regierung von Giuseppe Conte nun nach zwei Monaten zulässt, scheint viele zu überfordern. Und allen anderen rufen die Virologen aus dem Beraterstab des Premiers zu: Passt nur auf, sobald die Kurve wieder steigt, macht Italien sofort dicht.

Das Trauma aus den vergangenen Wochen wird wohl noch lange nachwirken. Nun belegen auch die Zahlen einer belastbaren Studie zur Übersterblichkeit, dass der Tribut an Corona in Wahrheit viel höher ist, als man bisher dachte. In Bergamo und Umgebung starben in der ersten Phase der Krise fast sechsmal mehr Menschen als in normalen Jahren. Plus 568 Prozent, man muss sich das mal vorstellen.

«Leben und Wirtschaft wurden nie gegeneinander aufgewogen – kein Leben.»

Oliver Meiler, Italien-Korrespondent

Vielleicht liegt es auch an dieser tiefen Wunde in der Seele, dass die Italiener nie aufbegehrt haben gegen die harten Auflagen der Regierung. Im Gegenteil, sie nahmen sie geduldig hin. Natürlich ist die Sorge um die Wirtschaft gross, sie wird das Land in «Phase zwei» und in «Phase drei» beschäftigen. Sie wurde aber nie aufgewogen gegen das Leben, kein Leben, auch nicht gegen das Leben von Betagten und Kranken. Auch das bleibt, als Fundament für die Zukunft.