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Das Experiment TübingenDie Stadt, die Corona wegtesten wollte

Tübingen ist der Sehnsuchtsort für alle Lockdown-Müden, weil Beizen und Kulturlokale offen sind. Wer einen negativen Test vorweisen kann, darf rein. Doch jetzt steigen die Zahlen wieder – und es ist Schluss mit lustig.

Kaum war der Modellversuch gestartet, füllte sich die Innenstadt Tübingens mit Gästen – wie hier in einem Biergarten am Neckar.
Kaum war der Modellversuch gestartet, füllte sich die Innenstadt Tübingens mit Gästen – wie hier in einem Biergarten am Neckar.
Foto: Keystone

Wie schön war es doch, in der ersten Frühlingssonne draussen am Fluss einen Cappuccino zu schlürfen. Danach noch ein kleiner Einkaufsbummel durch die Stadt und zum Tagesabschluss ein Besuch im Theater. Kaum eine Stadt wurde wohl in den letzten Wochen gleichermassen von Medienvertretern wie von Lockdown-Überdrüssigen besucht wie das süddeutsche Tübingen. Doch das Modellprojekt, in dem im 90'000-Einwohner-Ort durch exzessives Testen ein bisschen mehr Freiheit erprobt werden soll, bröckelt zunehmend. Jetzt wurden die Rahmenbedingungen erneut verschärft – und auch ein Zwischenbericht zur wissenschaftlichen Begleitung des Versuchs kann drängende Fragen nicht beantworten.

Von den Fallzahlen her müsste die Notbremse greifen – sprich: zurück in den Lockdown

Da ist zum einen die steigende Inzidenz in der Stadt, seit Mitte März das Projekt «Öffnen mit Sicherheit» an den Start ging. Damals verzeichnete Tübingen nur 23 Neuinfektionen pro Woche auf 100'000 Einwohner. Doch dabei blieb es nicht. Letzter Stand vom 1. April: Eine Sieben-Tage-Inzidenz von 110. Über die Feiertage gingen die Zahlen zwar wieder zurück, doch diese Werte sind wegen Meldeverzugs nicht wirklich aussagekräftig. Ab einem Wert von 100 müsste eigentlich die Notbremse greifen – das hiesse: zurück in den kompletten Lockdown.

Doch so schnell geben die Verantwortlichen ihr Projekt nicht auf. Stattdessen verkündete man am Dienstag, der Modellversuch gehe weiter, allerdings in «modifizierter Form». Konkret bedeutet das zunächst, dass die Gastronomen wieder dichtmachen müssen. Kein Kaffee mehr auf der Terrasse, sondern wieder nur Take-away-Angebot und Lieferdienst. Läden und Kultureinrichtungen dürfen dagegen weiterhin mit einem aktuellen Schnelltest besucht werden.

Oberbürgermeister Palmer: «Mehr testen und mehr kontrollieren»

Schon vor Ostern hatte Tübingen die Reissleine gezogen und die Vergabe der Schnelltest-Tagestickets nur noch Menschen aus der Stadt oder dem Landkreis ermöglicht. Zu viele Auswärtige waren in den ersten beiden Wochen extra angereist, um in den Genuss der Lockerungen zu kommen. Auch weiterhin gilt deshalb: Tagestickets gibt es nur für Einheimische, Kultureinrichtungen sollen jedoch auch für Auswärtige offen bleiben, wenn diese dort vor dem Besuch einen Schnelltest machen. Und die Stadt macht auch in anderen Bereichen Druck in Sachen Testpflicht. Kita-Kinder sowie Schüler und Schülerinnen in der Notbetreuung dürfen die Einrichtungen vom 12. April an nur noch besuchen, wenn sie mindestens einmal pro Woche getestet werden. Auch für Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten gilt dann: Mindestens ein Test pro Woche ist Pflicht.

Und wenn das alles nichts hilft? «Wenn sich der Anstieg der Fallzahlen in Tübingen trotz der nun vorgesehenen Massnahmen wieder fortsetzt und das Infektionsgeschehen zu- statt abnehmen sollte, muss weiter gegengesteuert oder im Zweifel dann doch eine Unterbrechung des Projekts erfolgen», sagt Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha. Damit es nicht so weit kommt, will Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer «mehr testen und mehr kontrollieren» (Lesen Sie hier, wie schon einmal vom «Wunder von Tübingen» die Rede war und der schillernde Bürgermeister später zurückbuchstabieren musste.)

Die Positiv-Rate der Tests ist nahezu gleich geblieben

Auch von Wissenschaftlern des Uniklinikums Tübingen, die den Modellversuch begleiten, gibt es einen neuen Zwischenbericht. Dort heisst es, die bisherigen Ergebnisse würden noch kein abschliessendes Urteil über den Modellversuch erlauben. Was die Forscher um den Infektiologen Peter Kremsner und den Mathematiker Peter Martus zumindest feststellen: Die Positiv-Rate – also wie oft die Schnelltests eine Infektion mit Sars-CoV-2 anzeigen – ist seit der zweiten Woche des Modellversuchs nahezu gleich geblieben. Zuletzt wurden im Rahmen des Modellprojekts in Tübingen rund 32'000 Tests pro Woche durchgeführt, in 30 Fällen war das Resultat positiv. Auf 1000 Abstriche kommt demnach im Schnitt ein positives Ergebnis. Allerdings werden diese Resultate dann noch einmal im Labor mittels PCR-Verfahren nachgetestet, um falsch-positive Ergebnisse herauszufiltern.

Sollte diese Rate weiterhin konstant bleiben, liesse sich ableiten, dass durch die hohe Testdichte vor allem das Dunkelfeld – also sonst unentdeckte Infektionen – besser ausgeleuchtet wird, schreiben die Wissenschaftler. Und weiter: «Die vorliegenden Daten sprechen auch nicht für einen Abbruch des Versuchs wegen gestiegener Infektionszahlen.»

Allerdings verweisen die Forscher in ihrem Zwischenbericht auch auf einen blinden Fleck, der weiterhin besteht: Wie viele Infizierte bei den Tests durchrutschen, also falsch-negativ sind und dann im Einzelhandel, Kino oder Theater doch wieder andere anstecken, wird im derzeitigen Setting nicht erfasst. «Um dies besser beurteilen zu können, wäre es aber notwendig, die Erkenntnisse des Gesundheitsamtes zum wahrscheinlichen Infektionsort der aktuell in Tübingen als positiv gemeldeten Fälle zu integrieren», heisst es dort. Denn sollte sich jemand bei seinem Aufenthalt in der Stadt infizieren und wird erst Tage später an seinem Wohnort positiv getestet, lässt sich aktuell keine Verbindung mehr zum Modellprojekt herstellen.

Ausserdem schlagen die Wissenschaftler vor, eine Stichprobe von 500 bis 1000 Schnelltestnegativen zu nehmen und per PCR nachzutesten. So liesse sich untersuchen, wie hoch in etwa die Rate der falsch-negativ Getesteten sowie deren Viruslast ist. Kostenpunkt für diese zusätzlichen Untersuchungen: 40'000 Euro.

47 Kommentare
    Röschu

    Die entscheidende Frage wäre doch eigentlich, wie Tübingen im Vergleich zu einer anderen Stadt gleicher Grösse aber mit Corona-Massnahmen abschneidet. Aber davon lese ich in diesem Artikel kein Wort...