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Genesener Corona-Patient«Der Chefarzt hat mir das Leben gerettet»

Erol Akbulut, 44, ist ein sportlicher Typ und hatte keine Vorerkrankungen – trotzdem erwischte ihn das Coronavirus heftig. Zwölf Tage verbrachte er auf der Intensivstation. Eine Geschichte über das Gesundwerden.

Erol Akbulut ist Betriebsrat bei BMW, dort haben sie derzeit Kurzarbeit. Vor seiner Erkrankung hatte er für die SPD München als Stadtrat kandidiert und war mitten im Wahlkampf. (Foto: Catherina Hess)
Erol Akbulut ist Betriebsrat bei BMW, dort haben sie derzeit Kurzarbeit. Vor seiner Erkrankung hatte er für die SPD München als Stadtrat kandidiert und war mitten im Wahlkampf. (Foto: Catherina Hess)

Am 14. März fing es an. Es war der Tag vor der Kommunalwahl, bei der sich Erol Akbulut als Kandidat für den Stadtrat München hatte aufstellen lassen. An jenem Tag bekam er Schüttelfrost. Er dachte sich zunächst nicht viel dabei – wahrscheinlich eine Erkältung, vermutete er. Akbulut kochte sich Zitronentee und schluckte Aspirin Complex.

Am nächsten Tag, dem Sonntag der Wahl, hatte er Fieber, 38,5 Grad. Er versuchte es mit Ibuprofen zu senken, mit den starken, 600 Milligramm. Doch sein Zustand verschlechterte sich. Am Montag kam Durchfall dazu, und er musste erbrechen. Das Fieber stieg auf 39 Grad. Akbulut ahnte langsam, dass er sich das Coronavirus eingefangen haben könnte. Was noch alles auf ihn zukommen würde, das ahnte er nicht.

Erol Akbulut ist 44 Jahre alt, ein sportlicher Typ, der gern ins Fitnessstudio geht. Er hat keine Vorerkrankungen. Als sich seine Symptome verschlimmerten, rief er die Patienten-Hotline des ärztlichen Bereitschaftsdienstes an. Dort war aber kein Durchkommen.

Er wusste sich nicht anders zu helfen, als einen Freund anzurufen, der Arzt ist. Der befreundete Arzt bereitete einen Test vor, Akbuluts Frau holte ihn ab. Er nahm den Abstrich dann selbst aus seinem Rachen. Am 18. März hatte er das Ergebnis: Corona-positiv. Dazu kamen hohe Entzündungswerte. Die Temperatur stieg weiter an, auf über 40 Grad.

Die Rettungssanitäter kamen ohne Schutzkleidung, sie seien dann wieder weggefahren. Er habe wohl eine Grippe, sagten sie.

Er hatte nun auch einen «extremen, trockenen Husten». Er habe kaum sprechen können, keine zehn Sekunden die Luft anhalten. Und dann waren da noch diese starken Gliederschmerzen. So erzählt er es am Telefon, fünf Tage, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Seine Stimme klingt dünn, immer wieder wird er von Husten unterbrochen. Er fühlt sich noch ziemlich schwach.

Erol Akbulut hat keine Ahnung, wo er sich das Virus eingefangen hat. Er ist Betriebsrat bei BMW, in einer Abteilung mit 2800 Mitarbeitern, «und dann war noch Wahlkampf», sagt er. Ständig traf er Menschen. Er hat viele Kontakte. Einen Tag, bevor er sein Testergebnis bekam, hatte sein Frau zum ersten Mal einen Krankenwagen gerufen. Die Rettungssanitäter kamen ohne Schutzkleidung, sie seien dann wieder weggefahren. Er habe wohl eine Grippe, sagten sie.

Am nächsten Tag, er wusste schon, dass er Corona-positiv war, rief seine Frau wieder einen Krankenwagen. «Bitte lass mich abholen», hatte er zu ihr gesagt. Auch weil der Husten mittlerweile so stark war. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Akbulut. Mitgenommen haben sie ihn jedoch erst am nächsten Tag. Dritter Anruf, dritter Krankenwagen. Diesmal lag seine Sauerstoffsättigung bei unter 80 Prozent – das ist so niedrig, dass Lebensgefahr besteht.

Es waren die Pflegerinnen und Pfleger, die ihn wieder aufbauten. Die trotz hoher Belastung immer freundlich waren und ihm halfen, seinen Lebensmut nicht zu verlieren.

Zwölf Tage verbrachte er mit einer Lungenentzündung auf der Intensivstation, danach noch ein paar Tage auf der Normalstation. Eine Zeit, die im Nachhinein in seiner Erinnerung verschwimmt. An manches könne er sich nicht mehr erinnern, sagt er, auch wenn er die ganze Zeit bei Bewusstsein war. Anders als ein Freund von ihm, auch er noch jung, 41, der ebenfalls an Covid-19 erkrankt ist und ins künstliche Koma versetzt werden musste. Mittlerweile ist er wieder wach.

Woran sich Erol Akbulut jedenfalls sehr gut erinnern kann: wie es sich angefühlt hat, wenn warmer Sauerstoff durch Schläuche in seine Nase strömte. Vor allem kann er sich daran erinnern, wie das Personal im Krankenhaus ihm Kraft gegeben hat. Manchmal sei er kurz davor gewesen, aufzugeben, sagt er. Dann hätte er sich am liebsten die Sauerstoffbrille vom Gesicht gerissen. Es waren die Ärztinnen und Ärzte, vor allem aber auch die Pflegerinnen und Pfleger, die ihn wieder aufbauten. Die sein Handy aufluden und ihn ermunterten, seine Familie anzurufen. Die trotz hoher Belastung immer freundlich waren und ihm halfen, seinen Lebensmut nicht zu verlieren.

Manchmal, so erzählt er fünf Tage nach der Entlassung, breche er in Tränen aus, wenn er mit seiner Frau spreche. Er hat noch keine Kondition, keine Ausdauer. Die meiste Zeit verbringt er liegend.

Akbulut drückt es so aus: «Sie haben mir ab und zu einen Arschtritt gegeben.» Dank ihnen habe er sich wieder aufgerappelt. «Sie haben mich psychisch und mental gestärkt», sagt er, «sie haben mir Familie und Freunde ersetzt.» Wenn er richtig gesund ist, will er ihnen «ein grosses Geschenk machen».

Während seiner Zeit auf der Intensivstation kamen immer wieder neue Covid-Patienten dazu. Man habe gemerkt, wie sich das Krankenhaus «auf etwas Grösseres» vorbereite, sagt Akbulut. Der Chefarzt der Klinik gilt in Deutschland als der Mediziner mit der grössten Erfahrung im Umgang mit Covid-19, weil er seit Beginn des Ausbruchs Ende Januar Verdachtsfälle und Erkrankte betreut. Erol Akbulut, der genesene Patient, sagt: «Der Chefarzt hat mir das Leben gerettet.»

Am Samstag, eine Woche vor Ostern, hat er das Krankenhaus wieder verlassen. Mit 98 Kilogramm war er hineingegangen, mit 89 Kilogramm kam er wieder nach Hause. Dort merkte er zum ersten Mal so richtig, wie sehr ihn die Krankheit auch psychisch belastete. Manchmal, so erzählt er fünf Tage nach der Entlassung, breche er in Tränen aus, wenn er mit seiner Frau spreche. Er hat noch keine Kondition, keine Ausdauer. Die meiste Zeit verbringt er liegend. In diesen ersten Tagen zu Hause ist es für ihn ein Erfolg, wenn er es schafft, zehn bis 15 Minuten lang einfach nur zu stehen. Er versuche, langsam in den Alltag zurückzufinden.
Bis seine Kondition wieder annähernd so ist wie früher, könnten noch einige Wochen vergehen, hatte ihm der Arzt gesagt. Am Mittwoch nach Ostern klingt er dann schon viel besser. Er sei wieder einigermassen fit, sagt er nun, bis auf «ein bisschen Husten». Wenn er nun um den Block gehe, komme er ziemlich ins Schnaufen, aber es sei nicht mehr so wie vor einer Woche: Da fühlten sich sechs Treppenstufen an wie Bergsteigen.

Sollte er dann immun sein gegen das Virus, könnte er sich vorstellen, in Krankenhäusern zu helfen, «die Pflegekräfte entlasten», sagt er, auf welche Weise auch immer.

Erol Akbulut ist nun in Quarantäne, noch bis zum Wochenende. Jeden Tag ruft jemand vom Gesundheitsamt und fragt nach seinem Befinden. Nächste Woche wird er noch mal ins Krankenhaus gehen, für einen Lungenfunktionstest und einen Antikörpertest. Sollte er dann immun sein gegen das Virus, könnte er sich vorstellen, in Krankenhäusern zu helfen, «die Pflegekräfte entlasten», sagt er, auf welche Weise auch immer.
In der Montage-Abteilung bei BMW, wo er als Betriebsrat tätig ist, haben sie nun Kurzarbeit. Seine Frau und seine 15-jährige Tochter sind negativ getestet worden. Er findet das erstaunlich, schliesslich waren sie vor seinem Krankenhausaufenthalt nicht räumlich von ihm getrennt. Jetzt sind sie es. Akbulut ist gerade sehr froh, dass sie in ihrer Wohnung in Aubing drei Zimmer und zwei Bäder haben, genug Platz, um sich aus dem Weg zu gehen. Er ist auch froh, dass er seinen Geschmackssinn wieder hat. Fehlender Geschmack: auch ein Corona-typisches Symptom. Mittlerweile schmeckt es ihm wieder. Seine Frau stellt ihm das Essen vor die Tür.

«Natürlich sollte niemand in Panik geraten, aber vorsichtig sein, das schon. Das ist keine normale Grippe.»

Warum es ausgerechnet ihn so heftig erwischt hat? Das habe er die Ärzte auch gefragt, sagt er – aber sie konnten es nicht erklären. Er sei «zu 99 Prozent» genesen, hiess es, als er am vorvergangenen Samstag aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Erol Akbulut hat kein Problem damit, offen über die Erkrankung zu sprechen, die er durchgemacht hat. «Ich habe ein grosses Netzwerk in München, da weiss es eh jeder.» Er bekommt jetzt viele Anrufe von Menschen, die ebenfalls erkrankt sind, oder von deren Angehörigen.

Was sagt er jenen Leute, die immer noch glauben, Covid-19 sei nicht mehr als eine Grippe? Er wolle sie warnen, sagt Akbulut. «Natürlich sollte niemand in Panik geraten, aber vorsichtig sein, das schon. Das ist keine normale Grippe.» Er hat es überstanden. Worauf er sich freut: «Mal wieder auf mein Motorrad steigen und losfahren.» Irgendwann.

28 Kommentare
    Sandro S.

    Auch jüngere Menschen können schwer erkranken. Doch meistens sind es ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen. Doch jüngere können auch sterben.