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Kopf des TagesDer Chefindianer der DDR

Gojko Mitic war die Antwort der ostdeutschen Filmindustrie auf den Winnetou-Darsteller Pierre Brice. Wie Brice kam Mitic nie vom Indianerimage los – fühlte sich dabei aber immer pudelwohl.

Fast wie einst im Wilden Westen der DDR-Filmindustrie: Gojko Mitic als Winnetou an den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.
Fast wie einst im Wilden Westen der DDR-Filmindustrie: Gojko Mitic als Winnetou an den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.
Foto: Christof Stache

In der DDR nannten sie ihn einfach nur beim Vornamen: Gojko. Wie einen guten Freund oder einen Bruder. Und das war Gojko Mitic ja auch, gewissermassen der volkseigene Blutsbruder. Der Titel «Chefindianer der Defa» schmückt ihn bis heute wie eine Doktorwürde. Die Deutsche Film AG, kurz Defa, war ein «volkseigenes» Filmunternehmen der einstigen Deutschen Demokratischen Republik. Von Babelsberg aus versorgte die Defa das kommunistische Ostdeutschland mit ideologisch lupenreiner Unterhaltung.

Gojko Mitic galt darum als Antwort der DDR auf Pierre Brice. Der Franzose hatte in den 1960er-Jahren Winnetou in den westdeutschen Karl-May-Verfilmungen verkörpert. Deshalb nennen viele Mitic auch den «Winnetou des Ostens». Dabei hat Mitic die berühmte Karl-May-Figur in keinem Film je gespielt – erst nach der Wende, bei den Winnetou-Freilichtspielen in Bad Segeberg, war er Mays edler Apachen-Häuptling (das dann aber jahrelang und in 1024 Aufführungen).

Konsequent aus der Perspektive der Indianer

Die Häuptlinge, die Mitic in einem Dutzend Defa-Indianerfilmen spielte, hiessen Chingachgook, Weitspähender Falke, Osceola, Tecumseh, Ulzana – ebenso edle, tapfere Stammesfürsten wie Winnteou, die aber möglichst authentisch rüberkommen sollten. Die DDR-Western entwickelten ihr eigenes Profil: dezidiert aus der Perspektive der Indianer erzählt, bemüht um historische Fakten.

Etwas zerknittert, aber immer noch fit: Gojko Mitic 2019 in Babelsberg.
Etwas zerknittert, aber immer noch fit: Gojko Mitic 2019 in Babelsberg.
Foto: Future Image

«Winnetou» sei dagegen «Lagerfeuerromantik», sagte Mitic einmal. Er war denn auch ein sehr viriler und viel handfesterer Held als der immer so schön entrückt im Lederkostüm in die Ferne blickende Pierre Brice: kampfsportlich sich muskelmächtig ins Zeug legend, alle Stunts selber machend, immer mit nacktem Oberkörper, wahnsinnig gut gebaut. Eine Traumerscheinung. Ein Superman. Die DDR-Rockgruppe Express widmete Mitic ihren Song «Ein Wigwam steht in Babelsberg» mit dem unsterblichen Reim: «He Gojko, Gojko, wie wir mit dir fühl'n, bitte lass doch einmal deine Muskeln spiel’n».

Aufgewachsen in einem serbischen Dorf, studierte Mitic Sport in Belgrad und jobbte als Komparse und Stuntman bei den Filmproduktionen, die in den Sechzigern im damaligen Jugoslawien zuhauf gedreht wurden. So wurde der athletische Student für erste kleine Filmrollen entdeckt.

1963 erhielt er eine winzige Rolle in dem von Artur Brauner produzierten Karl-May-Film «Old Shatterhand». Beeindruckt von seiner athletischen Erscheinung ermöglichte man ihm, in «Unter Geiern» eine grössere Rolle als Häuptlingssohn Wokadeh zu übernehmen.

Publikumsliebling und Frauenschwarm

Zum Publikumsliebling und Frauenschwarm wurde er gleich mit seiner ersten Häuptlingsrolle Tokei-ihto in «Die Söhne der grossen Bärin», 1966. Den Film sahen in der DDR 10 Millionen Zuschauer – von 17 Millionen Einwohnern. Gojko Mitic ist danach, ähnlich wie der 2015 gestorbene Pierre Brice, als Schauspieler aus dem Indianerkostüm kaum mehr herausgekommen. «Ich finde, das war nicht die schlechteste Schublade», sagte er einmal. Mitic spielte im Theater auch Häuptling Bromden im Stück «Einer flog über das Kuckucksnest», das durch Milos Formans Verfilmung mit Jack Nicholson weltbekannt wurde.

Am Wochenende feierte Mitic seinen achtzigsten Geburtstag. Immer noch wirkt er fit und präsent, die Fans huldigen ihm noch immer.

1 Kommentar
    Hanspeter Stucker

    Ein interessanter Artikel, der ein hier bei uns oft unbekanntes Kapitel der Filmgeschichte ausleuchtet.

    Bei einem Satz möchte ich der Autorin allerdings widersprechen. Sie schreibt; "Von Babelsberg aus versorgte die Defa das kommunistische Ostdeutschland mit ideologisch lupenreiner Unterhaltung." So hätte es das Regime in der DDR natürlich am liebsten gesehen, war sich allerdings auch bewusst, dass mit "ideologisch lupenreiner Unterhaltung" die Kinos in der DDR leer blieben. So war man gezwungenermassen zu gewissen Kompromissen bereit, was vielen Filmemachern in Babelsberg die Möglichkeit gab, Freiräume zu nutzen und gelegentlich Filme zu produzieren, welche durchaus auch systemkritische oder regimekritische Elemente enthielten. So wurden etwa die Beengtheit und Alternativlosigkeit junger Leute, oder der Karrierismus in der DDR thematisiert. Filme wie "Solo Sunny" oder "Erscheinen Pflicht" sind unter diesem Gesichtspunkt heute noch sehenswert.