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Held oder Landesverräter?Der Datendieb im engen Land

Benjamin Quaderer hat einen Roman über den Liechtensteiner Whistleblower Heinrich Kieber geschrieben. Der Kleinstaat kommt nicht gut weg.

Als sehr eng empfindet die Hauptperson des Romans das Fürstentum Liechtenstein – nicht nur geografisch.
Als sehr eng empfindet die Hauptperson des Romans das Fürstentum Liechtenstein – nicht nur geografisch.
Bild: Getty Images/iStockphoto

Er hat die Bankenwelt und sein Land geschockt. Heinrich Kieber arbeitete bei der LGT-Bank, kam so an die Kundendaten von Steuerhinterziehern und verkaufte diese unter anderem an den deutschen Bundesnachrichtendienst.

Ein Held? Oder ein Landesverräter? Die wichtigste Figur der Liechtensteiner Steueraffäre polarisiert. Kieber selbst hat seine Geschichte im einem Buch geschildert, das er auf einer Website publizierte. Der Dokumentarfilm «Heinrich Kieber – Datendieb» lockte im Fürstentum mehr Zuschauer in die Kinos als «Slumdog Millionaire». Und nun hat der 30-jährige Liechtensteiner Benjamin Quaderer einen Roman geschrieben, der auf dem Leben des Datendiebs basiert. Fünf Jahre hat er an «Für immer die Alpen» gearbeitet – und sich so sehr mit Kieber beschäftigt, dass ihm dieser im Traum begegnete.

Die Vaduzer Tiefgarage

Im Buch hat Heinrich Kieber einen anderen Namen: Johann Kaiser. Er kommt 1965 zur Welt, reist später nach Barcelona, nach Sydney, nach Argentinien, kehrt aber immer ins Fürstentum Liechtenstein zurück, das nur Kleinstaat genannt wird. Johann Kaiser ist es sich gewohnt, von Bergen umgeben zu sein. Der Weite des Meeres macht ihm Angst.

Fünf Jahre lang hat Benjamin Quaderer an seinem Debütroman gearbeitet.
Fünf Jahre lang hat Benjamin Quaderer an seinem Debütroman gearbeitet.
Bild: Jens Oellermann / Luchterhandverlag

«Wenn man aus einem kleinen Land stammt, ist man so gut wie überall auf der Welt im Ausland», wird der Historiker Hans-Jörg Rheinberger zitiert. Als sehr eng empfindet Johann Kaiser dieses Liechtenstein – nicht nur geografisch. Die Blicke sind stets feindselig. Er kann nicht anonym bleiben in diesen 160 Quadratkilometern, elf Dörfer, dreissig Autominuten, wenige Flugsekunden, wo das Recht ein bisschen speziell ist. Vaduz sei eine Tiefgarage. Wer hineinfährt, verschwindet, und die Steuerfahnder können nicht genau sehen, wer wo parkiert.

Leere Seiten

«Für immer die Alpen» ist nicht nur ein Sittengemälde des Fürstentum Liechtensteins, sondern auch ein sprachlicher Ritt, der mitunter abenteuerlich ist. Da sind ganze Seiten leer, Wörter geschwärzt, Fussnoten länger als der Haupttext. In einem Kapitel wird parallel in roter und schwarzer Schrift das gleiche Ereignis aus Sicht Johann Kaisers und eines Kriminalpsychologen geschildert, so dass der Leser nicht weiss, wo er anfangen soll. Und auf die Beschreibung eines rechten Unterschenkels (lateral, dorsalseitig) folgt ohne Pause eine poetische Nachtstimmung (Sterne, Himmelszelt).

Es scheint, als habe Benjamin Quaderer alle Tuben seinen Farbkastens gleichzeitig ausgedrückt. Das ist manchmal überfordernd, bisweilen aber auch wunderschön, zum Beispiel dann, wenn die Beschreibung eines Kusses eine ganze Seite füllt und in sehr einfachen Sätzen Weisheiten transportiert werden, die weit über den Datendieb Heinrich Kieber hinausgehen.

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen. Roman. Luchterhand, München 2020. 592 S., ca. 30 Fr.

1 Kommentar
    Robert Walpole

    Na ja, man kann buchstäblich alles niederschreiben, oder das Gegenteil. Dass es sich beim Fürstentum um einen Kleinstaat handelt, der, militärisch gesehen, nicht über nachweisbare Spuren von strategischer Tiefe verfügt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dass auch die Schweiz, Österreich, Luxemburg, Belgien, die Niederlande, ja, sogar Deutschland, gewisse Charakteristika einer Tiefgarage aufweisen - oder zumindest aufwiesen - in welcher jedes Auto, das hineinfährt, verschwindet, ist ein offenes Geheimnis.

    Ob es sich bei Heinrich Kieber um einen Helden oder um einen Landesverräter handelt, ist uninteressant. Interessant ist, dass er seinen Lebensunterhalt ausgerechnet bei einer Bank verdiente und sich wunderte, dass diese nicht wie eine Kita funktionierte. So, wie der mittlerweile in Vergessenheit geratene und vor Jahren ausgerechnet in Moskau gestrandete, ehemalige Angehörige des NSA, Edward Snowden, der sich die Augen rieb, als er feststellte, dass ein Geheimdienst mit anderen Methoden arbeitet als die Heilsarmee.