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Proteste im ganzen LandDer Mann hinter den Schweizer Corona-Demonstranten

Christoph Pfluger und sein Magazin «Zeitpunkt» bilden das Epizentrum der Proteste gegen die Corona-Massnahmen. Ein Besuch im Hauptquartier des Widerstandes.

«Sogar die Polizei liest meinen Newsletter»: Christoph Pfluger, Herausgeber des Magazins «Zeitpunkt», in Solothurn.
«Sogar die Polizei liest meinen Newsletter»: Christoph Pfluger, Herausgeber des Magazins «Zeitpunkt», in Solothurn.
Marco Zanoni

Die Genugtuung ist in jeder Zeile spürbar. «Jetzt muss man von einer Volksbewegung sprechen», schrieb Christoph Pfluger nach den Protesten gegen die Corona-Massnahmen vom letzten Wochenende und listete triumphal die Teilnehmerzahlen auf: «Über 1000 Menschen in Bern, 400 in Zürich, 200 in Luzern, 100 in Basel und ein paar Dutzend in St. Gallen, Thun und Kreuzlingen.» Diese Woche waren es etwas weniger, die Polizei liess die Demonstranten in einigen Städten nicht mehr gewähren.

Dass in der ganzen Schweiz viele Leute ihren Missmut auf der Strasse kundtun, daran hat Pfluger gewichtigen Anteil. In seinem Magazin «Zeitpunkt» schreibt er seit Wochen gegen den «Corona-Hype» an, veröffentlicht vermeintliche Belege, wonach die Krise bewusst aufgebauscht wird, und ruft zum friedlichen Widerstand auf. Neben den sozialen Medien ist sein Onlineportal die wichtigste Plattform der sogenannten Corona-Skeptiker in der Schweiz geworden.

Aufstand gegen den Bundesrat: Kundgebung in Bern, 9. Mai 2020.
Aufstand gegen den Bundesrat: Kundgebung in Bern, 9. Mai 2020.
KEYSTONE/Peter Klaunzer

Nicht nur Pfluger war von der Menge an Demonstranten überrascht worden. Die Zeitungen rätselten in Dutzenden von Artikeln, was das für Menschen sind, die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind und mit oft skurriler Aufmachung gegen die Anordnungen des Bundesrats aufbegehren. Von «Verschwörungstheoretikern» war die Rede, von «Esoterikern», «Linken», «Nazis», «Impfgegnern», «Aluhüten», «Globalisierungskritikern», «Freikirchlern», «Antisemiten» und so fort.

Radio SRF liess sich das Phänomen von einem deutsche Experten für Verschwörungstheorien erklären. Andernorts äusserten sich Psychologen, als analysierten sie eine Volkskrankheit. Im Internet etablierte sich der Hashtag #covidioten. So schwer fassbar die Bewegung auch ist, eines schien für die meisten Kommentatoren von Anfang an festzustehen: Mit diesen Leuten stimmt etwas nicht.

Plötzlich steht er im Zentrum einer ganzen Bewegung

Christoph Pfluger empfängt uns in einem Hinterhof in Solothurn, wo er in einer alten Schreinerei das Büro seiner Zeitschrift eingerichtet hat. Seit 28 Jahren bringt er vier- bis sechsmal pro Jahr den «Zeitpunkt» heraus, ein Heft im Taschenbuchformat, das sich mit dem Geldsystem, der globalen Wirtschaft, Friedensprojekten und elektromagnetischer Strahlung beschäftigt.

Der Kampf für ein gerechteres Wirtschaftssystem und gegen «den Wahn des Konsums» ist über die Jahrzehnte zu seiner Lebensaufgabe geworden. Immer mal wieder machte er in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam, sei es als Initiant der Vollgeldinitiative oder weil er vor der Gefährlichkeit der 5G-Handyantennen warnte. Politisch lässt er sich wie die ganze Szene kaum einordnen: Pfluger war schon Mitglied der FDP und der SP, hat auf der Liste der Grünen für den Solothurner Kantonsrat kandidiert und 2011 die Partei Parteifrei gegründet, die in mehreren Kantonen für den Nationalrat antrat.

Doch erst jetzt, mit 66 Jahren, ist seine grosse Stunde gekommen: Tausende von Menschen folgen seit Beginn der Corona-Krise seinen Ausführungen im Internet, täglich erhält er Hunderte von E-mails, plötzlich steht er im Zentrum einer ganzen Bewegung.

Prominente Unterstützung: Ruth Dürrenmatt, Tochter des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, an einer Demo in Bern.
Prominente Unterstützung: Ruth Dürrenmatt, Tochter des Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, an einer Demo in Bern.
KEYSTONE/Peter Klaunzer

«Sogar die Polizei liest meinen Newsletter», sagt Pfluger lachend. Vor den Kundgebungen von letzter Woche publizierte er Namen und Kontaktangaben von Verbindungsleuten in den verschiedenen Städten. «Mir ist wichtig, dass wir mit unserem Namen hinstehen und nicht anonym agieren», sagt er. Mit der Folge, dass mehrere der aufgelisteten Aktivisten von der Polizei kontaktiert, zum Teil auch angezeigt wurden. Schliesslich sind Ansammlungen von mehr als fünf Personen noch immer verboten. Auch Pfluger selber wurde verzeigt: Bei der allerersten Mahnwache auf dem Berner Bundesplatz, initiiert von Umweltaktivist Alec Gagneux, verweigerte er sich der Polizeianweisung, den Ort zu verlassen.

Ein sanftmütiger Rebell

Im Gespräch wirkt Pfluger sanftmütig, verströmt einen Hauch von gemütlicher Peter-Bichsel-Attitüde, nicht nur wegen des Solothurner Dialekts. Und doch wirkt er in seinen Aussagen stets entschlossen, nie ist auch nur ein Hauch von Zweifel spürbar. Seine Themen hat er verinnerlicht: Jede Argumentation ist durchdacht, ständig zitiert er Studien und nennt Zahlen, wodurch Widerspruch schwierig wird.

Für ihn steht fest: Nicht das Coronavirus ist gefährlich, sondern die Massnahmen dagegen. «Die wahren Folgen werden erst in ein paar Monaten sichtbar», sagt er. Wir seien an einem Punkt angelangt, wie ihn Star-Historiker Walter Scheidel in seinem Buch «Nach dem Krieg sind alle gleich» beschrieben habe. Laut dem Stanford-Professor ist die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft nur durch eines der folgenden Grossereignisse zu überwinden: Krieg, Staatskollaps, Revolution oder Pandemie. Pfluger ist überzeugt, dass es kein Zurück mehr gibt: «Entweder es kommt zu einem Aufstand oder zu Unterdrückung.»

«Gewisse Kreise nützen die Situation bewusst aus»

Entsprechend gehe es Demonstranten nicht darum, dass sie rascher wieder ins Restaurant gehen oder Kleider kaufen können. «Sie sorgen sich um Demokratie und Freiheitsrechte, diese sind echt in Gefahr.»

Pfluger geht nicht so weit, dass er behaupten würde, das Coronavirus sei gezielt ausgesetzt worden, um die Demokratie ausser Kraft zu setzen. «Aber gewisse Kreise waren vorbereitet auf die Situation und nützen sie bewusst aus», sagt er. Ein Indiz dafür sei die Angstmacherei durch gewisse Virologen, die ein Meinungsmonopol hätten. Etwa Neil Fergusen vom Imperial College in London, der für Grossbritannien 510’000 Corona-Tote vorausgesagt hat, sollte die Regierung nicht drastische Massnahmen ergreifen. «Wegen seiner Studie haben Staaten weltweit Lockdowns beschlossen. Dabei hat sie sich sein Modell mittlerweile als höchst fehlerhaft erwiesen, als wissenschaftlich unbrauchbar.»

Hat Bill Gates einen geheimen Plan?

An den Demonstrationen werden oft der Milliardär und Impfförderer Bill Gates sowie die Strahlung durch 5G-Handyantennen als Treiber der Epidemie genannt. Auch Pfluger sieht einiges an Evidenz, dass dem so sein könnte. In der neuesten «Zeitpunkt»-Ausgabe ist beispielsweise ein Text des US-Anwalts Robert F. Kennedy Jr. abgedruckt unter dem Titel «Bill Gates’ globaler Impfstoff-Plan», in dem von «diktatorischen» Mitteln die Rede ist, um Impfungen weltweit durchzusetzen.

Im Gespräch sagt Pfluger allerdings, dass der Microsoft-Gründer für ihn nicht im Zentrum stehe. «Es geht mir ums grosse Ganze: dass Big Pharma und die Behörden vom neuen Krankheitserreger und seiner scheinbaren Gefährlichkeit profitieren.»

Als Alarmsignal wertet er den Beschluss des Bundesrats, das geltende Notrecht in dringliches Bundesrecht zu überführen. «Das Volk, der Souverän, wird entmachtet. Und dies aufgrund von wackligen epidemiologischen Befunden.»

Schon dreimal hat ihn Ken Jebsen interviewt

In Deutschland sind die Demonstrationen einiges grösser als in der Schweiz. In Stuttgart etwa versammelten sich letzte Woche rund 10’000 Personen. Pfluger kennt Ken Jebsen, den Einheizer der deutschen Bewegung, seit vielen Jahren. «Er hat mich dreimal für seinen Youtube-Kanal interviewt.» Trotzdem grenzt sich Pfluger von ihm ab. «Seine aggressive Rhetorik, das Aufbauen von Feindbildern, das ist sehr deutsch, das passt nicht zu uns.»

Zu Gast beim umstrittensten Journalisten Deutschlands: Ken Jebsen (l.) im Gespräch mit Christoph Pfluger.
Zu Gast beim umstrittensten Journalisten Deutschlands: Ken Jebsen (l.) im Gespräch mit Christoph Pfluger.
Screenshot YouTube/KenFM

Pfluger ist ein harmoniebedürftiger Kämpfer. Er spricht nie von «Revolution», sondern von «friedlicher Umwälzung». Sein Mittel ist der bewährte Schweizer Konsens. Wie dieser funktioniert, zeigte sich exemplarisch nach der Demonstration von letzter Woche. Der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause rief den Aktivisten Alec Gagneux an, ob er die nächste Mahnwache nicht auf der Allmend am Stadtrand anstatt auf dem Bundesplatz durchführen könne, dort sei mehr Platz, um die Abstandsregel einzuhalten. «Ich riet Alec, zuzustimmen. Wir wollen ja keinen Konflikt.»