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Nachruf auf Justus DahindenDer Pyramidenbauer ist nun im Himmel

Der Schweizer Architekt ist kürzlich im Alter von 95 Jahren gestorben. Er liebte Schrägen und bleibt in Erinnerung als genauso eigenwilliger wie vielseitiger Baumeister.

Der 1925 in Zürich geborene Justus Dahinden war einer der wichtigsten Vertreter der Schweizer Nachkriegsarchitektur.
Der 1925 in Zürich geborene Justus Dahinden war einer der wichtigsten Vertreter der Schweizer Nachkriegsarchitektur.
Foto: Giorgia Müller

Justus Dahindens erstes Buch trug den Titel «Versuch einer Standortbestimmung der Gegenwartsarchitektur». In dieser Dissertation von 1956 hat er über sein erstes Haus nachgedacht: ein Zelthaus für seinen Vater auf der Rigi. Er stellte dafür eine Pyramide auf eine gestelzte Plattform. Das Nurdachhaus hat nur schräge Wände. Dieses erste Projekt hat die Themen seines Architektenlebens früh begründet: die Wahrnehmung, die «Philosophie der Schräge» und die Fantasie.

Dahindens Denken und Arbeiten hat sich an den «Emotionen orientiert, die ich als Architekt bewirken wollte»: Geborgenheit, Eigenheit, Aufmerksamkeit. Und so zeigte er in seinem letzten Buch, «Form und Emotion», 60 Jahre später die Essenz seines Werks.

Ausgebildet an der ETH Zürich, war ihm wie allen seiner Generation Le Corbusier ein Halbgott. Aber er orientierte sich früh auch an eigenen Vorstellungen, vor allem an seinen existenziellen Naturerlebnissen und -erfahrungen: Sein Vater war ein bekannter Skifahrer, seinen Bruder barg man tot aus einer Lawine. Später kam die Jagd dazu.

Einzelgänger mit Ecken und Kanten

Ich besuchte den alten Mann in seinem in Garten und Gebüsch verborgenen Haus in Zürich-Witikon. Wir sassen in der Stube, umgeben von seiner Sammlung Ikonen aus Osteuropa, und er schwang sich nicht nur auf zu den Heldentaten seiner langen Karriere als Architekt, sondern erzählte, wie er hoch betagt in seinem Revier in Vorarlberg mit seinem Jägermeister auf die Pirsch ging.

«Empfindung» war ein Schlüsselwort für ihn, um über seine Architektur, über «Struktur, Gestalt und Geist» zu reden. Was hin und wieder esoterisch klang, erschloss sich beim Zuhören und Lesen als fundiert in der Systemtheorie, der Biologie und der Psychologie. Justus Dahinden las und wusste viel, und er baute seine theoretischen Bestände eigenwillig zusammen.

«Während des Baus packten wir es ganz in Blachen ein, und als es fertig war, konnte niemand mehr etwas machen.»

Justus Dahinden über den Bau der Pyramide am See in Zürich

Der Professor arbeitete mit einem sehr gut laufenden Atelier in Witikon, in einem Haus hoch über der Stadt Zürich, zu dem Statuen seines Künstlerfreundes Bruno Weber hinführen. Als Einzelgänger gehörte er keiner Richtung an und beteiligte sich wenig an Diskursen in der Schweiz. Immer wieder aber sorgte er in der Szene der Architektur und darüber hinaus für Aufsehen – und auch für Nasenrümpfen unter den Heroen des rechten Winkels und der nüchternen Linie.

Die Pyramide am See in der Stadt Zürich, das Ferrohaus von 1970, zum Beispiel. Man rätselte, wie Dahinden es fertiggebracht hatte, in der Stadt ein Haus aus Cortenstahl mit viel Glas ohne senkrechte Fassade zu bauen, seinen auf der Rigi erprobten Willen zur Schräge umsetzend. Ein Haus als eine «Kosmosform, die zum Himmel aufstrebt, eine Form zudem, die eine optimale Ausnutzung des Grundstücks erlaubte und das Baugesetz fantasievoll las». Schmunzelnd fügte er hinzu: «Während des Baus packten wir es ganz in Blachen ein, und als es fertig war, konnte niemand mehr etwas machen.»

Das Ferrohaus von Justus Dahinden am Seefeldquai in Zürich, aufgenommen am 10. Dezember 1970.
Das Ferrohaus von Justus Dahinden am Seefeldquai in Zürich, aufgenommen am 10. Dezember 1970.
Foto: Keystone

Kollegen nannten ihn einen Exzentriker, Neid tönte mit, denn er hatte Zeiten grossen Erfolgs. Aber das focht ihn nicht gross an, auch wenn er ab und zu darunter litt, vom über Form und Geschmack herrschenden Clan nicht genügend gewürdigt zu werden.

Heute steht die «Pyramide am See» unter Denkmalschutz, genauso wie drei andere Bauten von ihm im Zürcher Inventar als schützenswert gelten. Auch das Restaurant Tantris in München ist mit dem gesamten Interieur zum Denkmal erklärt worden.

Justus Dahinden war ein in Kunst, Technik und Welt breit gebildeter Zeitgenosse. Er war in alter Manier konservativ und modern, wusste klar, was warum gut ist und was nicht. Seine Schüler in Wien, wo er an der Technischen Universität von 1974 bis 1995 «Ordinarius für Raumgestaltung und Entwerfen» war, erinnern sich an einen Lehrer, der die grosse Geste mochte und das 1984 mit einem heiter wuchtigen Palast für die Universitätsbibliothek Wien auch zeigte.

Die von Justus Dahinden erbaute Kirche Maria Krönung an der Carl-Spitteler-Strasse 44 in Zürich-Witikon.
Die von Justus Dahinden erbaute Kirche Maria Krönung an der Carl-Spitteler-Strasse 44 in Zürich-Witikon.
Foto: Giorgia Müller

Sein Werk ist eigensinnig und vielseitig zugleich: von Perlen der Baukultur bis zum glitzrigen Konsumbarock. Justus Dahinden war katholisch im volkstümlichen Sinne, mit einem Hang zu Vergangenheit, Mythen und Wundern. Sein Glaube und sein Interesse an Spiritualität beflügelten natürlich auch den schönsten Teil seines Werks: 22 Kapellen, Kirchen und Kathedralen hat er gebaut, von der Dorfkirche in Wildegg bis zu Grosskirchen in Afrika, die Platz für über 2000 Gläubige bieten.

Eine meiner Lieblingskirchen steht unweit des Wohn-, Arbeits- und Altersorts von Justus Dahinden in Witikon. Für die Kirche Maria Krönung hat er 1965 sein ganzes Können, mit Raum und Licht Geborgenheit und Atmosphäre zu schaffen, ausgeführt. Wie die anderen Kirchen ist auch diese mit ihren Nebenbauten und Aussenräumen ein Ganzes vom grossen Plan bis zur Plättlifuge. Demnächst werde ich hinfahren und bei der hölzernen Madonna eine Kerze für Justus Dahinden anzünden.

* Köbi Gantenbein ist Verleger der Architekturzeitschrift «Hochparterre»

3 Kommentare
    René Edward Knupfer

    Sein Tod bewahrt Justus Dahinden davor, noch miterleben zu müssen, wie sein berühmter «Aarauerhof», eine Ikone des modernen Bauens, nach kaum 50 Jahren Existenz der Abbruchbirne zum Opfer fällt …