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Einschätzung zu WirtschaftszahlenDer schlimmste Einbruch seit Messbeginn

Im zweiten Quartal ist die Schweizer Wirtschaft um mehr als 8 Prozent eingebrochen. Was das für den weiteren Wirtschaftsverlauf bedeutet – in fünf Punkten.

Eine grosse Angst drückt auch dann auf den Konsum, wenn wirtschaftliche Aktivitäten wenig eingeschränkt werden.
Eine grosse Angst drückt auch dann auf den Konsum, wenn wirtschaftliche Aktivitäten wenig eingeschränkt werden.
Foto: Urs Jaudas (Tamedia)

Um 8,2 Prozent ist das Bruttoinlandprodukt der Schweiz im zweiten Quartal eingebrochen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Donnerstagmorgen vermeldete, nach einem Einbruch von bereits 2,5 Prozent im ersten Quartal des Jahres. Die wichtigsten fünf Punkte zur Bedeutung dieser Meldung:

Ein historisch einmaliger Absturz in einem Quartal

Noch nie hat das Seco für die Schweizer Wirtschaft in einem Quartal einen derart starken Einbruch gemessen wie in den Monaten April bis Juni dieses Jahres. Im Jahr 1980 wurden erstmals solche Messungen durchgeführt. Der grösste zuvor verzeichnete Einbruch war mit 1,9 Prozent im vierten Quartal des Finanzkrisenjahres 2008 sehr viel harmloser.

Die Bedeutung des Einbruchs

Das dramatische Resultat kommt nicht aus heiterem Himmel. Im zweiten Quartal kam es in der Schweiz zum weitgehenden Lockdown, mit vielen Geschäftsbereichen, die gänzlich dichtmachen mussten. So verzeichnen denn auch jene Wirtschaftsbereiche, die davon besonders stark betroffen wurden, den grössten Rückgang in ihrer Wirtschaftsleistung: Das Gastgewerbe brach im Quartal um 54,2 Prozent ein, der Bereich Kunst und Unterhaltung um 18,8 Prozent und der Transport- und Kommunikationsbereich um 21,7 Prozent.

Angesichts der Lockdowns auch in Ländern, die für Schweizer Unternehmen entscheidende Absatzmärkte darstellen, sind auch die konjunkturrelevanten Exporte um 14,4 Prozent eingebrochen (ohne Transithandel und Wertsachen). Die Bedeutung dieser dramatischen Entwicklung hängt aber davon ab, wie die Geschichte weitergeht.

Die Liquiditätshilfen durch vom Bund garantierte Kredite zum Nullzins für kleine und mittlere Unternehmen sowie die Kurzarbeitsentschädigungen haben den Zweck, Unternehmen und Jobs über eine kurzzeitig und erwartbar sehr schwierige Zeit hinwegzuretten. Ohne deutliche Verbesserung sind aber sowohl Unternehmen vom Konkurs bedroht wie auch Jobs gefährdet.

Die weiteren Aussichten

Die Entwicklung nach dem Ende des Lockdown waren immerhin ermutigend. Viele Indikatoren deuten seither auf eine deutliche Aufhellung der Lage hin. Insofern dürfte der Einbruch im zweiten Quartal einmalig bleiben. In ihrer jüngsten Prognose vom 5. August erwartet die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) für das ganze Jahr 2020 einen Wirtschaftseinbruch von 4,9 Prozent, was allerdings seit dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls einem rekordhohen Einbruch gleichkommen würde.

Immerhin soll bereits im nächsten Jahr gemäss den meisten Prognosen wieder ein kräftiges Wachstum folgen. Wettgemacht würde der diesjährige Einbruch allerdings auch dann noch nicht. Noch wichtiger aber ist, dass alle Prognosen weiterhin mit sehr grossen Unsicherheiten behaftet sind, was in erster Linie mit dem Virus selbst zusammenhängt. Das gilt sowohl für die Entwicklung im Inland als auch für jene im Ausland.

Der gefährliche Tanz im Inland

Im Frühjahr, auf dem Höhepunkt der Krise, erzielte eine Studie unter dem Titel «Der Hammer und der Tanz» weltweit grosse Aufmerksamkeit. Mit dem Hammer meinte deren Autor die anfänglich nötigen Lockdowns
mit hohen ökonomischen Folgekosten, wie sie sich jetzt in den Zahlen zur Schweiz im zweiten Quartal niederschlagen.

Mit dem Tanz ist dagegen die Zeit danach angesprochen, in der wir uns jetzt befinden. Gemeint sind damit all die flexiblen und teilweise auch wechselnden Massnahmen, um einen erneuten massiven Anstieg der Ansteckungen zu verhindern: Tests, Maskenpflicht, Quarantäneverpflichtungen, Distanz- und Hygieneregeln und im schlimmsten Fall auch lokale oder branchenbezogene Lockdowns.

Auch Massnahmen in dieser «Tanzphase» sind mit ökonomischen Kosten verbunden, je nach Ausmass, in denen sie ergriffen werden müssen. Und weil das vom nicht vorhersehbaren Ansteckungsverlauf des Virus abhängt, bleiben alle Prognosen noch unsicherer als sonst schon.

Wie gross ist der Zusammenhang zwischen für die Gesundheit nötigen Einschränkungen und einer Schädigung der Wirtschaft?

Eine neue ökonomische Kurzstudie aus der Wissenschafts-Taskforce des Bundes ist in diesem Zusammenhang der Frage nachgegangen, wie gross der Zusammenhang zwischen für die Gesundheit nötigen Einschränkungen und einer Schädigung der Wirtschaft ist.

Die Autoren kommen zum Schluss, dass beides nicht immer im Gegensatz zueinander steht. Wenn zum Beispiel eine stärkere Angst vor einer Ansteckung bei fehlenden Massnahmen die Leute erst recht
zur Zurückhaltung im Konsum und in der Mobilität verleitet, drückt das ebenfalls stark auf die Wirtschaftsleistung.

Vergleiche zwischen den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen in Ländern wie Schweden, das keinen Lockdown kannte, und Dänemark (mit Lockdown) zeigen bei den wirtschaftlichen Folgen keine entscheidenden Unterschiede. Das bedeutet für den weiteren wirtschaftlichen Kurs in der Schweiz, dass ohne Impfstoff die wirtschaftliche Lage vom weiteren Verlauf der Epidemie abhängig bleibt und deshalb höchst unsicher ist.

Die Bedeutung des Auslands

Die Entwicklung in den Absatzländern der Schweiz hat für das wirtschaftliche Gedeihen des Landes gleich viel Bedeutung wie die Binnenwirtschaft. Die beiden können auch gar nicht streng getrennt werden. Denn wenn Firmen im Exportsektor stark leiden und Leute entlassen, sinkt deren Konsum auch im Inland; solche Firmen investieren und bauen dann auch weniger.

Die aktuellen Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung in den wichtigsten Absatzländern der Schweiz zeigen ebenfalls einen historisch einmaligen Absturz an. Die Prognosen versprechen zwar im Vergleich zu den Lockdown-Wochen auch im Ausland eine Besserung, doch auch dort auf einem sehr tiefen Niveau. Überdies verringern die gleichen Unsicherheiten zum weiteren Verlauf der Epidemie wie in der Schweiz auch die Prognosen zur Wirtschaftsentwicklung im Ausland. Und allein die Unsicherheiten sowohl in Bezug auf die Gesundheit wie auf die Wirtschaft belasten Investitionen und Konsum und damit auch weiterhin die Exporte der Schweiz.

32 Kommentare
    Franz Büchel

    Die Frage ist, wie sich die relevanten Wirtschaftszahlen weiterentwickeln in der Schweiz und in den Export-Ländern. Genügt das wirtschaftliche Massnahmenpaket des Bundes und das Fluten mit Geld in fast allen Ländern, um die Realwirtschaft strukturell wieder wachsen zu lassen -oder gefährdet es als Everything-Bubble das ganze System? Können wir die Chance in dieser einmaligen Situation erkennen und umsetzen?- Müssen wir uns auf eine längere Unsicherheit und eine Rezession einstellen und den Gürtel enger schnallen- und ist das vielleicht gerade die Chance?