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Verzicht auf die StaatsbürgerschaftDer US-Pass? Bloss weg damit!

Um über 1000 Prozent hat die Anzahl von US-Bürgern zugenommen, die ihren Pass loswerden wollen. Schuld daran sind weltweit einzigartige Steuergesetze. Und der weltweit einzigartige Donald Trump.

Lieber den roten oder den blauen oder beide? Nur den roten, please.
Lieber den roten oder den blauen oder beide? Nur den roten, please.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch hat es einst getan, der britische Premier Boris Johnson ebenso, und gemäss Angaben der US-Regierung sind zwischen Januar und Juli 2020 über 5800 Personen ihrem Beispiel gefolgt: Sie haben als Doppelbürger ihren amerikanischen Pass zurückgegeben, um sich fortan mit einer einzigen Staatsbürgerschaft zu begnügen.

Laut der in New York und London ansässigen Firma Bambridge Accountants, die amerikanische und britische Expats bei Steuerfragen berät, entspricht dies, verglichen mit dem zweiten Halbjahr 2019, einer Zunahme von unglaublichen 1200 Prozent. 2019 haben weltweit insgesamt 2072 Doppelbürger auf ihren US-Pass verzichtet.

Die unglaubliche Doktrin

Im Unterschied zu Europa gilt fast auf dem ganzen amerikanischen Kontinent das sogenannte Ius soli: Wer im Land geboren wird, erhält automatisch die Staatsbürgerschaft. Auf der ganzen Welt gibt es deshalb neben «normalen Expats» auch US-Citizens, die sich als Bürger ihres Wohnsitzlandes statt als Amerikaner fühlen, weil sie gar nie längere Zeit in den USA gelebt haben.

Das wäre eigentlich problemlos. Es gibt aber ein Gesetz, das Boris Johnson die «unglaubliche Doktrin namens globale Steuerpflicht» genannt hat: US-Amerikaner müssen, egal, wo sie leben, immer auch in den USA Steuern bezahlen.

2014 schickten die US-Steuerbehörden dem damaligen Bürgermeister von London angeblich eine Steuerrechnung in Höhe von mehr als 70’000 Franken, weil er zuvor sein Haus verkauft hatte. «Die Steuer fiel für einen Kapitalgewinn an, der in Grossbritannien steuerfrei ist», empörte sich der in New York geborene Johnson in einem Interview. Zwei Jahre später gab er seinen US-Pass zurück.

70’000 Franken für die US-Steuerbehörde waren ihm zu viel: Boris Johnson ist jetzt nur noch Brite.
70’000 Franken für die US-Steuerbehörde waren ihm zu viel: Boris Johnson ist jetzt nur noch Brite.
Foto: Rui Vieira (Getty)

Ein kanadisch-amerikanischer Doppelbürger, der immer in Kanada gelebt hat, sagte zur britischen Zeitung «The Guardian»: «Ich fühle mich ebenso wenig verpflichtet, US-Steuerformulare auszufüllen, wie wenn mich die uruguayische Regierung plötzlich zum Staatsbürger erklären und dies ebenfalls verlangen würde.»

Was grenzt an Dummheit?

Aber warum gerade jetzt diese enorme Zunahme beim Passzurückgeben, warum dieser wachsende Igitt-Effekt gegenüber dem dunkelblauen Dokument mit dem Weisskopfseeadler? Das hat, man ahnt es, mit Donald Trump zu tun. Und mit seinem irrationalen Vorgehen in der Corona-Krise, worüber der Spruch zirkuliert: «Was grenzt an Dummheit? Mexiko und Kanada.»

Ein Angestellter von Bambridge Accountants sagte gegenüber CNN, die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen politischen Lage verstärke den Ärger über die globale Steuerpflicht und sei für den exorbitanten Anstieg der Verzichtserklärungen verantwortlich. Sollte Trump im November wiedergewählt werden, rechne er mit einer noch grösseren Welle.

Dass die Gebühr für die Rückgabe des Passes schon vor Jahren von 450 auf stolze 2350 Dollar gestiegen ist, ändert daran offensichtlich nichts. Auf Anfrage teilt die US-Botschaft in Bern mit, sie könne zur Zahl der Passflüchtigen in der Schweiz leider keine Angaben machen.

Zu Trumps «Make America Great Again» passt die Absetzbewegung seiner Landsleute mit doppelter Staatsbürgerschaft nicht. Aber eines wird den US-Präsidenten trösten: Jeder US-Citizen, der im letzten halben Jahr seinen Pass verschmäht hat, ist eine Stimme weniger für Joe Biden. Oder fast jeder.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels stand irrtümlicherweise, Boris Johnson sei 2014 britischer Aussenminister gewesen. In Wahrheit war er damals Bürgermeister von London. Aussenminister war er hingegen, als er zwei Jahre später seinen US-Pass zurück gab. (ben)

231 Kommentare
    Alexander Wetter

    in sehr vielen Ländern gibt es Kinder mit zwei Pässe aus Misch-Ehen : bei einer Diskussion über Staatsanghörigkeit und Militärdienst sagte der 17jährige Sohn, dasss es ihm unmöglich sei, zu entscheiden, ob er Schweizer oder Franzose wählen würde, denn für ihn heisst dies ENTWEDER Vater ODER Mutter - dazu sei er unfähig - im Innen-Europäischen Raum ist diese Problematik noch zu meistern : wie ist es für ein Kind auch mit afrikanischen, arabischen, asiatischen, usw, "halb" Wurzeln aus fernen Kulturen ?