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Erste Ergebnisse in BerlinBefunde weisen auf Vergiftung Nawalnys hin

Nachdem russische Ärzte von Stoffwechselproblemen gesprochen haben, herrscht nun Klarheit: Die klinischen Befunde beim Kreml-Kritiker Alexei Nawalny weisen auf eine Intoxikation hin, teilt die Berliner Charité mit.

Das Bundeskriminalamt kümmert sich um die Sicherheit des prominenten Patienten: Ein Polizeiauto steht vor der Charité, wo Nawalny untersucht und behandelt wird.
Das Bundeskriminalamt kümmert sich um die Sicherheit des prominenten Patienten: Ein Polizeiauto steht vor der Charité, wo Nawalny untersucht und behandelt wird.
Foto: Clemens Bilan (Keystone)

Ärzte der Berliner Charité gehen davon aus, dass der Kremlkritiker Alexej Nawalny vergiftet wurde. Darauf wiesen klinische Befunde hin, teilte eine Sprecherin der Klinik am Montag in Berlin mit. Der Gesundheitszustand Nawalnys sei ernst, es bestehe aber keine akute Lebensgefahr. Bereits zuvor hielt die deutsche Regierung einen Giftanschlag für möglich.

Die konkrete Substanz sei bisher nicht bekannt. Die ersten Untersuchungen deuteten aber auf eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin, hiess es. (Was die Cholinesterase ist, lesen Sie in der Info-Box am Ende dieses Textes.) Nawalny werde nun mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Die Wirkung des Giftstoffs sei mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen worden.

Spätfolgen für Nawalny nicht ausgeschlossen

Der Ausgang der Erkrankung bleibe unsicher und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, könnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, so die Sprecherin.

In der Universitätsklinik Charité in Berlin werde Nawalny von Beamten des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) bewacht, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in der deutschen Hauptstadt. «Schliesslich handelt es sich um einen Patienten, auf den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Giftanschlag verübt worden ist.»

Über den Gesundheitszustand des 44-Jährigen gab es zu diesem Zeitpunkt öffentlich noch keine Klarheit. Die behandelnden Ärzte wollten sich erst nach Abschluss der Untersuchungen und Rücksprache mit der Familie äussern.

Seit Donnerstag im Koma

Nawalny ist seit Jahren einer der bekanntesten Widersacher von Kremlchef Wladimir Putin. Der Aktivist hat sich mit seinen Recherchen zu Korruption und Machtmissbrauch viele Feinde gemacht. Nawalny spricht dieses Thema so deutlich an wie kaum jemand sonst in Russland.

Seit Donnerstag liegt er im Koma. Zunächst wurde er in einem Krankenhaus in Sibirien versorgt, am Wochenende aber in die Charité überstellt.

Nawalnys Gattin hat den Transport nach Berlin begleitet: Julia Nawalny (m.) bei der Ankunft in der Uniklinik Charité in Berlin.
Nawalnys Gattin hat den Transport nach Berlin begleitet: Julia Nawalny (m.) bei der Ankunft in der Uniklinik Charité in Berlin.
Foto: Filip Singer (Keystone)

Noch immer sind die genauen Umstände des Falls unklar. Nawalny hatte bei einer Reise in Sibirien in einem Flugzeug unter Schmerzen das Bewusstsein verloren. Zudem wurde bekannt, dass er bei dem Aufenthalt in Sibirien von Sicherheitskräften beschattet worden sein soll.

Keine Einladung von Merkel

«Es war klar, dass nach seiner Ankunft hier Schutzmassnahmen getroffen werden mussten», sagte Seibert weiter. Im Gespräch der Fachbehörden sei entschieden worden, dem BKA diese Aufgabe zu übertragen. Nach Paragraf 6 des BKA-Gesetzes ist das BKA unter anderem zuständig für den Personenschutz von Mitgliedern der deutschen Regierung sowie für deren ausländischen Gäste. Er sei aber nicht Gast von Kanzlerin Angela Merkel, hiess es. Es gebe «keine förmliche Einladung».

Auch der deutsche Aussenminister Heiko Maas wollte den Fall noch nicht bewerten. «Ich gehöre zu denjenigen, die ihre Einschätzung auf Fakten basieren lassen», sagte Maas in Kiew. «Für den Fall Nawalny fehlen noch viele Fakten – medizinische, aber auch wahrscheinlich kriminologische. Und die gilt es abzuwarten.»

Merkel: Verantwortlichen «müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden»

Die deutsche Regierung rief Moskau erneut eindringlich zur Aufklärung auf. Merkel und Maas forderten in einer gemeinsamen Erklärung: «Angesichts der herausgehobenen Rolle von Herrn Nawalny in der politischen Opposition in Russland sind die dortigen Behörden nun dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins Letzte aufzuklären – und das in voller Transparenz.»

Die Verantwortlichen «müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden». «Wir hoffen, dass Herr Nawalny wieder ganz genesen kann. Unsere guten Wünsche gelten auch seiner Familie, die eine schwere Prüfung durchmacht", schrieben Merkel und Maas weiter. Der Name von Russlands Präsident Wladimir Putin wird in der Erklärung nicht erwähnt.

Keine Ermittlungen durch russische Behörden

Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch betonte, dass ihre Kollegen bereits vor Tagen eine Beschwerde wegen einer möglichen Vergiftung bei den russischen Behörden eingereicht hätten. Es seien aber trotz Verstreichen einer Frist keine strafrechtlichen Ermittlungen eingeleitet worden, schrieb sie bei Twitter.

Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass der 44-Jährige vergiftet wurde. Die russischen Ärzte sprachen dagegen von Stoffwechselproblemen. Für eine Vergiftung gebe es keine ausreichenden Belege, hiess es. Sie hätten alles Notwendige getan, sagte der Chefarzt der Klinik in Omsk, Alexander Murachowski. Die Behörden hätten keinen Druck auf sie ausgeübt. «Wir haben den Patienten versorgt, und wir haben ihn gerettet. Es gab keinen Einfluss von aussen auf die Behandlung des Patienten.»

Erst nach längerem Hin und Her durfte Nawalny nach Berlin transportiert werden.
Video: AP & Storyful

Dem widersprach Nawalnys Team jedoch vehement. Die Ärzte in Omsk hatten aus ihrer Sicht «nichts zu sagen», sagte die Oppositionelle Ljubow Sobol dem «Spiegel». «Im Büro des Chefarztes sassen Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden». Sie hätten mit unterschiedlichen Methoden «lange auf Zeit gespielt, bis das Gift wohl nicht mehr in Nawalnys Körper nachweisbar war.»

Putin aussen vor

Der Kreml wies zurück, dass die Behörden in Omsk zu langsam gehandelt hätten. «Alle Genehmigungen und Formalitäten wurden zügig geklärt», sagte Sprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Der Spezialflug sei ohne Probleme freigegeben worden, als die Ärzte Nawalny für transportfähig erklärt hätten. Staatschef Putin habe mit dem Vorgang nichts zu tun gehabt. «Das ist absolut nicht das Vorrecht des Präsidenten», sagte Peskow.

In den russischen Staatsmedien wurden seit Tagen unterschiedliche Versionen verbreitet, warum Nawalny im Koma liegt – von Alkoholkonsum, einer Diät bis Unterzuckerung. Das sei eine vom Kreml koordinierte «typische Desinformation», sagte die Juristin Sobol. «Das war ein Mordanschlag auf Nawalny, der einzig einem nützt – dem Kreml.» Nawalny habe bis zu dem Vorfall nie gesundheitliche Probleme gehabt und sei sehr fit gewesen. «Er war nie richtig krank, höchstens mal erkältet. Wir haben mal gescherzt, dass er wie ein Roboter sei.»

Nawalny werde überleben

Der Filmproduzent Jaka Bizilj, der den Flug nach Berlin organisiert hatte, geht davon aus, dass Nawalny überleben wird. Im Politik-Talk «Die richtigen Fragen» auf «Bild live» sagte Bizilj am Sonntagabend: «Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage, ob er das unbeschadet übersteht und seine Rolle weiter einnehmen kann.» In diesem Fall sei Nawalny aber sicherlich mindestens ein, zwei Monate politisch ausser Gefecht gesetzt.

Nawalnys Sprecherin Jarmysch zeigte sich darüber erstaunt. Niemand habe im Moment Zugang zu Informationen über den Gesundheitszustand – schon gar nicht jemand, der nicht zur Familie gehöre.

SDA

54 Kommentare
    Georg Stamm

    Nawalny leidet also an der sog. "Russischen Krankheit". So eine Nervengift-Verletzung ist meist tödlich. Nawalny hat noch Glück gehabt. Er würde wohl besser in D bleiben.