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Vergangenheit des EmpireDie Briten hadern mit den Helden von einst

Nachdem in Bristol ein Sklavenhändler vom Sockel gestürzt worden ist, soll sein Name getilgt werden. Und all die anderen Kolonialisten?

Nicht mehr erwünscht: Demonstranten stehen auf Edward Colstons Statue.
Nicht mehr erwünscht: Demonstranten stehen auf Edward Colstons Statue.
Foto: Ben Birchall / AP

Seit Demonstranten das Denkmal eines der prominentesten Wohltäter der Stadt gestürzt und im Fluss Avon versenkt haben, will sich die Debatte um die koloniale Vergangenheit nicht mehr legen. Für Innenministerin Priti Patel ist der Vorfall eine «empörende Schandtat» und eine «kriminelle Aktion», die unverzügliche Strafverfolgung verlangt. Der Polizei tut es herzlich leid, dass sie den Sturz von Edward Colston nicht verhindern konnte. Sie hat Ermittlungen aufgenommen.

Etwas differenzierter als Ministerin Patel sieht Oppositionsführer Sir Keir Starmer die Sache, der selbst lange Jahre Chef der Strafverfolgungsbehörde in England war. Auch Starmer betrachtet die spektakuläre Art der Entsorgung Colstons als «falsch – so hätte man das nicht machen sollen». Allerdings hätte man, fügt der Labour-Chef hinzu, das betreffende Denkmal «schon vor langer, langer Zeit» abräumen sollen, weil es auf seinem Ehrenplatz mitten in Bristol für viele die reinste Provokation, ein historisches Ärgernis war.

«Royal Africa Company» auf die Brust gebrannt

Diese Einschätzung teilten die Demonstranten, die am Sonntag im Zuge der Anti-Rassismus-Proteste in Bristol Colston von seinem angestammten Sockel holten, auf ihm herumhopsten, ihn zum Hafen hinunterrollten und dort unter Jubelgeschrei übers Geländer kippten. Denn Edward Colston, einer der reichsten Kaufleute Bristols im 17.Jahrhundert, verdankte seinen sagenhaften Reichtum seiner zentralen Rolle beim Sklavenhandel.

Allein zwischen 1672 und 1689 sollen Colstons Schiffe 100000 Sklaven – Männer, Frauen und Kinder – aus Afrika in die Karibik und nach Nordamerika befördert haben. Den in den Schiffsrümpfen auf grausame Weise zusammengepferchten Menschen, von denen viele die Überfahrt nicht überlebten, liess Colston vor dem Abtransport das RAC-Kürzel der «Royal Africa Company» auf der Brust einbrennen. Die RAC besass damals das Monopol für Sklavenhandel.

Das Wort «Sklavenhändler» tauchte erstmals 1999 auf.

Um seinen Mitbürgern in guter Erinnerung zu bleiben, verfügte Colston, dass nach seinem Tod ein Teil seines Vermögens für wohltätige Zwecke ausgegeben wird. Sein Denkmal auf Colston Avenue pries ihn entsprechend als «einen der tugendhaftesten und weisesten Söhne der Stadt». Dutzende von Gebäuden, Schulen, Sportclubs, Pubs und Strassen liess die dankbare Kommune nach ihm benennen. Gottesdienste und zeremonielle Feiern hielt man alljährlich zu seinen Ehren ab. Die Colston-Mädchenschule feiert einmal im Jahr ihren Gründertag, bei einer Prozession wird ein spezielles Colston-Gebäck ausgeteilt. Erst mit dem sich abzeichnenden Ende des Empire kam in Bristol die Frage auf, ob Edward Colston es wirklich verdient hat, der Nachwelt als Inbegriff der «Tugendhaftigkeit» übergeben zu werden.

Das Wort «Sklavenhändler» tauchte erstmals 1999 als Graffiti auf seinem Denkmal auf. Aber erst in den letzten Jahren ist ein wirklich heisser Streit um das Colston-Erbe entbrannt – eine Debatte, die sich auch um andere, noch immer gefeierte Sklavenhändler, Kolonialisten oder Imperialisten anderswo im Vereinigten Königreich dreht. Der Bürgermeister von Bristol, Marvin Rees, räumt ein, dass sich an Colstons Denkmal «seit vielen Jahren die Geister scheiden». Thangam Debbonaire, die schwarze Abgeordnete für West-Bristol, sucht ihren weissen Mitbürgern zu erklären, warum es «für die schwarze Bevölkerung dieser Stadt keine gute Idee ist, dass hier mit Statuen Leuten gedacht wird, die uns einmal unterdrückt haben».

Bürgermeister lässt Porträt entfernen

Einige Institutionen in Bristol haben daraus Konsequenzen gezogen. Die Konzerthalle der Stadt, Colston Hall, hat beschlossen, ihren Namen zu ändern. Auch Colston Primary, eine Grundschule, will sich umbenennen – während Colston Girl School ihren Namen beibehält. Aus dem Büro des Lord Mayor ist ein Porträt Colstons entfernt worden. Und was das umstrittene Denkmal betrifft, so war kürzlich entschieden worden, dass eine neue Inschrift auch auf die Verquickung mit dem Sklavenhandel hinweisen sollte. Diese Ergänzung erübrigt sich jetzt fürs Erste. Solange das Denkmal ramponiert im River Avon liegt, braucht Colston diesen Hinweis nicht.

35 Kommentare
    Magda Hall

    Einverstanden, Sklavenhandeln ist verwerflich. Aber wer hat diese Sklaven in Afrika an die Weissen verkauft ? Es waren ihre eigenen Häuptlinge. So wie sich die Regierenden in Afrika heute zulasten ihrer Leute bereichern.