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Unruhen und Wahlen in den USADie Bürgermeisterin, die Biden jetzt braucht

Die Rassismusdebatte dürfte mitentscheiden, wen Trumps Herausforderer als Vize auswählt. Keisha Lance Bottoms aus Atlanta hat plötzlich gute Chancen.

Die Bürgermeisterin im Zentrum der Rassismusdebatte: Keisha Lance Bottoms aus Atlanta, wo zuletzt ein weisser Polizist einen Afroamerikaner getötet hat.
Die Bürgermeisterin im Zentrum der Rassismusdebatte: Keisha Lance Bottoms aus Atlanta, wo zuletzt ein weisser Polizist einen Afroamerikaner getötet hat.
Foto: Paras Griffin/Getty Images

Eines steht schon fest: Wenn es Joe Biden schaffen sollte, die Wahl im November zu gewinnen und Donald Trump aus dem Weissen Haus zu vertreiben, dann wird in das Büro des Vizepräsidenten im West Wing eine Frau einziehen. Der demokratische Präsidentschaftskandidat hatte schon vor Monaten versprochen, dass er keinen Mann als seinen Stellvertreter will. Immer wieder hat er auch betont, dass sein Vize «vom ersten Tag an» bereit sein müsse, selbst den Job im Weissen Haus zu übernehmen – ein kaum verhüllter Hinweis auf das hohe Alter des Kandidaten. Mit 77 Jahren wäre Biden der älteste Mann, der jemals zum Präsidenten gewählt würde. Das wurde von vielen Beobachtern so verstanden, dass die Frau an Bidens Seite eine Generation jünger sein dürfte als er selbst.

Ein Dutzend Frauen stehen auf der Liste

Und noch eine weitere Anforderung an das Kandidatinnenprofil hat mit der Zeit an Bedeutung gewonnen: Die künftige Vizepräsidentin sollte, wie es im politischen Jargon der Demokraten heisst, die multikulturelle Vielfalt der Vereinigten Staaten widerspiegeln. Sie sollte also eine Afroamerikanerin sein oder eine Latina. Das ist noch wichtiger geworden, seit die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt das Land zerreissen.

Mögliche Wahlhilfe im wichtigen Swingstate: Die demokratische Kongressabgeordnete Val Demings aus Florida könnte für Biden die Afroamerikaner mobilisieren.
Mögliche Wahlhilfe im wichtigen Swingstate: Die demokratische Kongressabgeordnete Val Demings aus Florida könnte für Biden die Afroamerikaner mobilisieren.
Foto: Patrick Semansky (Keystone)

Etwa ein Dutzend Frauen steht offenbar auf Bidens Liste. In den letzten Tagen aber sind zwei Namen sehr weit nach oben gerückt, die bisher eher unter ferner liefen aufgeführt wurden: die demokratische Kongressabgeordnete Val Demings aus Florida und die Bürgermeisterin der Millionenmetropole Atlanta, Keisha Lance Bottoms. In Atlanta, der Hauptstadt von Georgia, ist es am Wochenende zu Unruhen gekommen, nachdem ein weisser Polizist einen Schwarzen erschossen hat.

Beide Frauen sind deutlich jünger als Biden; sie sind schwarz, linksliberal, vor allem aber haben sie seit Jahren persönliche und politische Erfahrung mit der Frage, die Amerika nun seit Wochen umtreibt: wie umgehen mit der offenkundig rassistischen Staatsgewalt? Demings (60), war Polizeipräsidentin in der Millionenstadt Orlando, ehe sie in die Politik ging.

«Wenn ihr was verändern wollt, dann geht wählen.»

Keisha Lance Bottoms, Bürgermeisterin von Atlanta

Die Anwältin Bottoms, noch einmal zehn Jahre jünger, hat sich einen Ruf als unerschrockene Kommunalpolitikerin erworben. Sie kritisierte Trump für dessen laxe Corona-Politik und wieder in den Tagen nach dem Tod George Floyds, als sie ihm vorwarf, «die Sache nur noch schlimmer» zu machen. Tatsächlich war es ihr gelungen, die Lage in der Stadt nach ersten Unruhen wieder zu beruhigen. «Wenn ihr was verändern wollt, dann geht wählen», rief sie Demonstranten bei einer Pressekonferenz zu. Das konservative Wirtschaftsmagazin «Forbes» lobte sie als «die Bürgermeisterin, die Amerika jetzt braucht».

Es geht um Florida, Georgia oder Michigan

Eines ist bei der Auswahl von Vizepräsidentenkandidaten in den USA immer von immenser Bedeutung, egal ob aufseiten der Demokraten oder der Republikaner: die Herkunft des künftigen Stellvertreters. Genauer gesagt, die Frage: Kann er dem Kandidaten helfen, in Bundesstaaten zu gewinnen, in denen es knapp werden wird oder die sonst gar ausser Reichweite wären? So könnte Demings Biden helfen, im Swingstate Florida die Stimmen der Schwarzen zu mobilisieren. Trump hatte in Florida 2016 nur knapp gewonnen. Auch das republikanische Georgia könnte mit einer Vizepräsidentschaftskandidatin Bottoms zum Swingstate werden.

Schon lange oben auf der Liste: Die kalifornische Senatorin Kamala Harris wollte zunächst selbst Präsidentin werden. Nun wird sie häufig als Vizekandidatin genannt.
Schon lange oben auf der Liste: Die kalifornische Senatorin Kamala Harris wollte zunächst selbst Präsidentin werden. Nun wird sie häufig als Vizekandidatin genannt.
Foto: Matt Rourke (Keystone)

Doch weil eben so viele Erwägungen bei der Auswahl eine Rolle spielen, ist das Rennen längst nicht entschieden. Weit oben auf der Liste dürfte immer noch Kamala Harris stehen, die Senatorin aus Kalifornien. Sie war Staatsanwältin und Justizministerin in ihrem Bundesstaat und hat von allen Kandidatinnen am meisten Regierungserfahrung. Genannt werden auch die Gouverneurinnen von New Mexico, Michele Lujan Grisham, eine Latina, und Gretchen Whitmer aus Michigan, die sich in den vergangenen Monaten öffentliche Scharmützel mit Präsident Trump in der Frage des richtigen Umgangs mit der Pandemie geliefert hat. Sie ist zwar weiss, Michigan ist allerdings einer der Bundesstaaten, die Biden unbedingt gewinnen müsste.

Bidens alte Bekannte: Susan Rice diente in der Regierung Obama als UNO-Botschafterin und Nationale Sicherheitsberaterin des Präsidenten.
Bidens alte Bekannte: Susan Rice diente in der Regierung Obama als UNO-Botschafterin und Nationale Sicherheitsberaterin des Präsidenten.
Foto: Mark Humphrey (Keystone)

In der engeren Auswahl steht wohl auch noch Susan Rice, die furchtlose UNO-Botschafterin unter Präsident Barack Obama. Sie hat allerdings keine innenpolitische Erfahrung. Noch immer genannt wird ebenfalls Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts. Die Parteilinke ist zwar weiss und nicht viel jünger als Biden, könnte aber am ehesten die enttäuschten Anhänger Bernie Sanders’ für die Wahl mobilisieren. Noch ist eine Entscheidung nicht gefallen. Biden lässt sich Zeit. Er will die Frau an seiner Seite erst Anfang August präsentieren.

9 Kommentare
    erich schweizer

    Biden wird so oder so haushoch gewinnen, er hat momentan eine Zustimmungsquote von 55 Prozent, Trump dagegen steht bei 38 Prozent, also ohne jede Chance diesen Rückstand aufholen zu können.