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Glosse zum Corona-TrackingDie Covid-App, ich – und der Nerven­zusammenbruch

Haben Sie die Corona-App des Bundes schon runtergeladen? Unser Autor hat es getan. Seither befindet er sich in einem kritischen Zustand.

Sieht chic aus, hat aber ihre Macken: Die Tracking-App der Schweiz.
Sieht chic aus, hat aber ihre Macken: Die Tracking-App der Schweiz.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone) 

Mehr als die Hälfte von uns will die Corona-App des Bundes nicht auf dem Handy installieren. Das ergab eine Umfrage, deren Ergebnisse kürzlich veröffentlicht wurden. Und ehrlich gesagt: Ich war am Anfang auch nicht sicher, ob ich mich mit meinem Handy am staatlichen Virus-Tracking beteiligen soll. So kurz vor den Sommerferien. Was, wenn das Ding einen Tag vor der Abreise anschlägt? Muss ich mich dann tatsächlich testen lassen – oder genügt eine billige Ausrede mir selbst gegenüber? Selten so gedacht.

Tag 1: «Solidarität ist Selbstmord.» So lautet ja eigentlich die Devise in unserer Lebens- und Arbeitswelt. Aber Corona nervt. Maskenfreie Zugfahrten, sorgenfreie Ferien, Besuche im Flamingo-Club: All das soll wieder möglich sein. Für alle und damit auch für mich. Dafür müssen wir ein paar Dinge ändern. Und da bin ich gerne mit dabei. Also lade ich die App runter. Erster Eindruck: Sieht chic aus – und gibt einem das gute Gefühl, sich an etwas Sinnvollem zu beteiligen.

Tag 2: Die App meldet sich mit einer Push-Meldung: Irgendwelche Einstellungen soll ich öffnen, die App funktioniere nicht. Das kann ich gerade noch lesen, als ich das Handy aus meiner Tasche ziehe, dann verschwindet die Meldung sofort wieder vom Handybildschirm. Was soll ich nun machen? Hab ich Corona? Okay, ich war gerade auf einer Fahrradtour im grenznahen Deutschland. Eigentlich klar, dass dort die Schweizer Covid-App nicht funktioniert. Und so schliesse ich die Möglichkeit aus, dass ich eine Gefahr für andere bin, also so etwas wie der personifizierte Flamingo-Club en route.

Tag 3: Die Corona-App wird zum Bürogespräch: Ein Kollege erzählt, er habe auch diese eine Push-Meldung mit der Region und den Einstellungen erhalten – in Biel. So auch eine Kollegin: Sie war auf der Wiese im Wipkingerpark, als die Bundes-App ihre Meldung pushte. Also mitten in Zürich. Die Kollegin war schneller und konnte einen Screenshot erstellen: «Kontaktmitteilungen werden in dieser Region möglicherweise nicht unterstützt», heisst es da. «Du solltest in Einstellungen bestätigen, welche App du verwendest.» Hä, was sollen wir tun? Gibt es mehr als eine offizielle Corona-App in der Schweiz? Premium-Accounts? Und seit wann ist das Bundesamt für Gesundheit mit uns per Du?

Screenshot

Tag 4: Schon wieder eine Push-Meldung. «Öffnen Sie die App, um die Liste der gemeldeten zufälligen IDs abzugleichen», steht da. Ich öffne die App. Nichts geschieht. Und warum «zufällig» gemeldete IDs? Soll die Corona-App nicht systematisch Kontakte abgleichen? Und seit wann sind das BAG und ich wieder per Sie? Alles sehr verwirrend. Ich erstelle einen Screenshot, google nach der Push-Meldung und was sie bedeuten könnte. Ich finde nichts, entdecke dabei aber den Ueli Maurer in mir, denn auch ich komme irgendwie «nicht drus» mit dieser App.

Screenshot

Tag 5: Die Corona-App beginnt mich zu stressen. Zwecks Abwendung eines möglichen Nervenzusammenbruchs (als Hypochonder weiss man ja nie) beginne ich meinen inneren Ueli zu exorzieren und schreibe dem BAG wegen der App.

Tag 6, morgens kurz vor 9 Uhr: «Aufgrund einer technischen Panne» seien alle Anfragen von gestern erst heute eingegangen, schreibt das BAG. Erster Gedanke: «Läuft bei meinen bundesamtlichen Duzfreunden.» Zweiter Gedanke dazu: «Ey, was? Ihr müsst doch jetzt euren Laden im Griff haben, wenn wir bald wieder in den Flamingo wollen!» Dritter Gedanke: «Kann passieren. Möglicherweise. Nein, eigentlich nicht. Aber okay.»

Tag 6, mittags um 12.30 Uhr: Hurra, die Antworten des BAG sind da. Die Push-Meldungen seien bekannt, schreibt das Bundesamt. Und bei beiden liege das Problem bei Apple. Wir müssen uns keine Sorgen machen: Die Pop-up-Nachricht, die App werde möglicherweise nicht unterstützt, schränke die Funktionsweise in der Schweiz nicht ein, so das BAG. Und damit die App die Kontaktdaten abgleichen kann, müsse sie ab und zu geöffnet werden. Geschieht dies nicht, erscheint nach 48 Stunden eine Push-Nachricht. Auch das wurde an Apple gemeldet und sei «in Behebung». Und alle Meldungen, in denen wir geduzt werden, sind von Apple. Das BAG bleibt beim höflichen Sie.

Also alles wunderbar. Zumindest demnächst, wenn Apple seine Probleme gefixt hat. Aber bis dahin habe ich doch noch eine grosse Angst – nämlich, dass sich mein innerer Ueli bei den unmöglichsten Gelegenheiten wieder zu Wort meldet. In meinen Träumen, beim Abendessen mit meiner Partnerin, beim Se… Aaaaaaah!!!