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Kommentar Die Fleischlobby hat Angst

Die Debatte, ob Vegi-Würste als solche bezeichnet werden dürfen, zeigt vor allem eines: die zunehmende Bange der Fleischindustrie vor der veganen Konkurrenz.

Die Bedeutung der Wurst verändert sich, weil immer mehr Menschen in der Schweiz immer weniger Fleisch essen.
Die Bedeutung der Wurst verändert sich, weil immer mehr Menschen in der Schweiz immer weniger Fleisch essen.
Foto: Getty

Kürzlich hat sich der Bund in einen Streit um Buchstaben eingemischt, der eigentlich einer um die richtige Ernährung ist. Dürfen vegane Produkte mit Fleischvokabular benannt werden? Das Papier, das die CH-Media-Zeitungen publik gemacht haben, zählt Gesetzesartikel auf, die an den Bündnerfleisch-Lachanfall von Hans-Rudolf Merz erinnern, und kommt zum Schluss: vegetarischer Cervelat, veganes Rindsfilet, vegetarischer Thunfisch nein; veganes Steak, vegetarischer Burger, vegane Wurst ja.

Diese Regelung ist dem Schweizer Fleisch-Fachverband zu lasch. Er setzt sich für ein Gesetz wie in Frankreich ein, das auch allgemeine Wörter wie Geschnetzeltes bei fleischlosen Gerichten verbieten will. Ansonsten würden die Konsumenten getäuscht, sagt die Fleischlobby.

Die Vegi-Produkte sind im Regal klar abgetrennt, und jede Konsumentin ist schlau genug, sie zu erkennen. Die wahren Befürchtungen des Fleisch-Fachverbands sind wirtschaftlich. Grillkäse, veganes Grillgut sie sind mittlerweile eine starke Konkurrenz zum Fleisch. Die Migros zum Beispiel will noch mehr Fleischalternativen ins Sortiment aufnehmen.

Neben Cervelats kommen heute auch vermehrt vegetarische und vegane Alternativprodukte auf den Grill.
Neben Cervelats kommen heute auch vermehrt vegetarische und vegane Alternativprodukte auf den Grill.
Foto: Urs Jaudas

Dass immer mehr Menschen in der Schweiz immer weniger Fleisch essen, schlägt sich auch in der Sprache nieder. So verändert sich die Bedeutung der Wurst. Gemäss Duden bezeichnet das Wort ein Nahrungsmittel aus zerkleinertem Fleisch, aber auch einfach eine längliche Rolle. Diese längliche Rolle füllt die Gesellschaft mit Bedeutung: in Zukunft wohl vermehrt mit Tofu oder Soja.

Rolf Hiltl, der vegane und vegetarische Restaurants in Zürich führt, findet innovative Namen gut, sagt aber auch: «Der Gast muss wissen, was ihn erwartet.» Die Liebe für das Zürcher Geschnetzelte ist tief verankert. Wenn es nun mit mariniertem Seitan gleich gut wie mit Kalbfleisch schmeckt, werden Fleischesser eher zu Vegetariern. Der gleiche Name und das ähnliche Geschmackserlebnis bieten besonders Neuveganern Orientierung.

Die längliche Rolle füllt die Gesellschaft mit Bedeutung: in Zukunft wohl vermehrt mit Tofu oder Soja.

Gleichzeitig machen sich die Vegetarier mit diesen Begrifflichkeiten aber auch klein. Die Vegi-Wurst bleibt eine Alternative, Fleisch die Norm. In Zukunft wenn vegane Produkte noch verbreiteter sind kann die Namensgebung deshalb kreativer werden.