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Ausweg aus KlimakatastropheDie utopische Kraft des Lockdown

Kann das Coronavirus zur Rettung der Welt beitragen? Der bekannte amerikanische Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson und seine Hoffnung, dass wir gemeinsam den Klimawandel aufhalten können.

Düstere Zukunft: New York unter Wasser.
Düstere Zukunft: New York unter Wasser.
Foto: Michael Bocchieri (Getty Images)

«Super Venice» nennt Kim Stanley Robinson den Stadtteil Manhattan in seinem letzten Roman «New York 2140». Er malt darin aus, wie sich das Leben in einer Grossstadt anfühlt, wenn die Strassen permanent unter Wasser stehen. Die Bewohner haben sich in die oberen Etagen der Wolkenkratzer zurückgezogen. Zwischen den Gebäuden verkehren Schiffe wie in Venedig. Die Reichen haben sich in den nördlichen Teil New Yorks abgesetzt, wo neue Hochhäuser entstanden sind. Mit dem Klimawandel ist der Meeresspiegel um sagenhafte fünfzehn Meter gestiegen. Das ist die Spielanlage einer Dystopie, die klimatische und gesellschaftliche Tendenzen aus der Gegenwart in die Zukunft verlängert.

Robinson lebt in Kalifornien und wurde in den 1990er-Jahren mit seiner Mars-Trilogie berühmt. Darin diskutiert er die riesigen technischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen einer Kolonisation des Mars durch die Menschheit. In seinem Roman «Aurora», der 2015 erschienen ist, schickt er ein Raumschiff los, das mit 2000 Menschen besetzt ist. Sie sollen einen Lichtjahre entfernten Planeten besiedeln. Die Reise dauert zu lange, als dass die Menschen und die Technik sie durchhalten könnten. Und so wird aus dem Science-Fiction-Roman ein Abgesang auf die Sehnsucht der Menschen, auf einem neuen Planeten, dessen Ressourcen noch nicht verbraucht wurden, neu anfangen zu können.

Kürzlich widmete sich Robinson in einem Essay mit dem Titel «The Coronavirus Is Rewriting Our Imaginations» im Magazin «New Yorker» dem Phänomen des Lockdown, mit dem von Wuhan über Zürich bis nach New York versucht wird, die Corona-Pandemie einzudämmen. Die Ausgangslage: Das Coronavirus hat die Welt durchgeschüttelt und tut es noch immer. Es hat die Strassen geleert. Es hat die Menschen isoliert. Es hat eine Distanz in die Gesellschaft gebracht. Die Distanz ist, um mit Michel Houellebecq zu sprechen, gar nicht so neuartig, sondern wurde durch elektronische Kommunikationsmittel schon seit mindestens einer Generation vorbereitet.

Der Lockdown als Premiere

Für Robinson ist der Lockdown eine Premiere. Mit ihr treten wir in ein neues Zeitalter ein, in dem Katastrophen zum Normalfall werden. Künftig werden zunehmend ähnliche Reaktionsmuster gefordert, wie jetzt in der Corona-Pandemie. Gleichviel ob es Pandemien oder Umweltkatastrophen sind, wir werden für das Überleben unserer Gesellschaften kämpfen müssen. Aber mit einer solidarischen Abwehr, so Robinson, sollten wir, wenn alles gutgeht, den desaströsen Ereignissen die Stirn bieten können.

Katastrophale Ereignisse, seien sie klima- oder seuchenbedingt, werden nach Ansicht von Robinson unser Leben im 21. Jahrhundert in kürzer werdenden Intervallen prägen.

Jüngst hat der Autor sein neuestes Buch abgeschlossen, das im kommenden Herbst unter dem Titel «The Ministry of the Future» erscheint. Darin beschreibt er nicht irgendein Ereignis in ferner Zukunft, sondern setzt sich eindringlich mit den Veränderungen in unserer Umwelt auseinander, die in den nächsten dreissig Jahren zu erwarten sind. Er stellt sich vor, wie Hungersnöte, Artensterben, Hitzewellen und der Zusammenbruch von Infrastrukturen das Leben bedrohen. Besonders gefährlich ist die Kombination mehrerer Desaster. Unter anderem könnten in naher Zukunft Hitzewellen zu gewärtigen sein, bei denen man ohne Klimaanlage nicht mehr überlebt. Was aber geschieht, wenn dann die Stromversorgung aussteigt?

Was aber geschieht, wenn dann die Stromversorgung aussteigt? Klimaanlagen an einem Gebäude im «Little India» von Singapur.
Was aber geschieht, wenn dann die Stromversorgung aussteigt? Klimaanlagen an einem Gebäude im «Little India» von Singapur.
Foto: Ed Wray (Keystone/AP Photo)

Unzählige Tote würden gezählt. Panische Reaktionen wären absehbar. Werden marodierende Banden sich die kühlenden Räume erobern, oder wird es eine solidarische Reaktion geben, die möglichst vielen Menschen das Überleben sichert? Solche und ähnliche mehr oder weniger katastrophale Ereignisse, seien sie klima- oder seuchenbedingt, werden nach Ansicht von Robinson unser Leben im 21. Jahrhundert in kürzer werdenden Intervallen prägen.

Veränderte Gefühlsstrukturen

Wenn man die Reaktion auf Covid-19 als Blaupause nimmt, dann darf man damit rechnen, dass die Menschen auch bei anderen Katastrophen unter Anleitung ihrer Regierungen zu solidarischem Handeln fähig sein werden. Mehr noch: In dieser plötzlichen und unerwarteten Solidarität liegt das eigentliche utopische Potenzial, das Robinson zu seinem Essay «The Coronavirus Is Rewriting Our Imaginations» veranlasste.

Interessant ist auch der Buchtitel «The Ministry of the Future», der anstelle eines neoliberalen Nachtwächterstaates ein starkes Ministerium für die Zukunft vorsieht, das im Interesse der Gesellschaft alles dafür tut, eine neue Balance zwischen Menschen und Natur herbeizuregieren und dazu auf die aktive, vernunftgesteuerte Zusammenarbeit mit der Bevölkerung zählt. «Wenn gewisse Einschränkungen von der Weltgemeinschaft erlassen werden», so Robinson in einem Interview, «könnten wir möglicherweise den schlechten Teilen der Zukunft ausweichen, über die ich in ‹New York 2140› und in meinem Buch ‹2312› geschrieben habe.»

Mitten im Lockdown wegen der Corona-Pandemie wird nun für Robinson ein radikaler Wandel in den gesellschaftlichen Gefühlsstrukturen erkennbar.

Kim Stanley Robinson, Science-Fiction-Autor

Um das Neue dieser gesellschaftlichen Solidarität kulturtheoretisch einzuordnen, bezieht er sich auf das Konzept der «Gefühlsstrukturen» («Structure of feelings»), das von Raymond Williams, dem Pionier der amerikanischen Cultural Studies, entwickelt wurde. Demnach hat jede Gesellschaft eine spezifische Art und Weise, wie sie mit sich und ihrer Umwelt umgeht. Mitten im Lockdown wegen der Corona-Pandemie wird nun für Robinson ein radikaler Wandel in den gesellschaftlichen Gefühlsstrukturen erkennbar.

Nach Jahren, in denen die Ideologie des Neoliberalismus unser Leben bestimmte, rückt mit dem wachsenden Druck durch Klimaerhitzung und Seuchengefahr plötzlich wieder die Gesellschaft ins Zentrum. Margareth Tatcher, so Robinson, hatte 1987 das zynische Motto ausgegeben, dass es schlicht keine Gesellschaft gäbe («There’s no such thing as society.»). Es erweist sich heute als falsch, haben doch nicht nur sozialdemokratische Bundesräte Erfolg mit der Losung, dass gesellschaftliche Solidarität die einzige Antwort auf die Krise sei.

Die Tragödie des Horizonts

Nun gibt es freilich einen entscheidenden Unterschied zwischen der Seuche und der Klimaerhitzung: Während wir die Gratifikation für den gesellschaftlichen Lockdown, an dem wir uns beteiligen, in Zeiten der Seuche noch selber erleben dürfen – wir bleiben, wenn es gut geht, gesund und unsere Angehörigen auch –, liegen die positiven Effekte eines Verhaltens, das die Umwelt schont und die Klimaerwärmung drosselt, in einer Zukunft, die unsere Kinder und Kindeskinder erleben. Die Klimakurven leiden unter der «Tragödie des Horizonts», wie sich die Statistiker ausdrücken, wirkt sich doch unsere momentane Zurückhaltung erst übermorgen positiv aus.

«Was wir für unmöglich hielten, ist möglich geworden.»

Dennoch schlummert in der Corona-Pandemie mehr als ein Funken Hoffnung. Auch in unserem Verhalten, das zum Abflachen der Kurve beitragen soll, kommt eine Sorge für die Zukunft zum Ausdruck. Indem wir heute Social Distancing betreiben, können wir morgen die Ansteckungskurve unter den R-Wert von 1 drücken. Ist dieses Verhalten nicht auch in Bezug auf die Klimaerwärmung von Nutzen? «Was wir für unmöglich hielten, ist möglich geworden», schreibt Robinson. «Der Frühling 2020 hat uns gezeigt, wie sehr und wie schnell wir eine Zivilisation ändern können.»