Regensberg

Die 50. Saison könnte die letzte sein

Der einzige Skilift in den Hügeln des Zürcher Unterlands steht oberhalb von Regensberg – noch. Denn die 50. Saison könnte auch die letzte sein, wenn es denn überhaupt noch eine gibt.

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Es sind die unbequemen Wahrheiten, die ihm zu schaffen machen: Das gilt für den Regensberger Skilift wie auch für dessen 81-jährigen Besitzer Willi Lanz gleichermassen. Klimakapriolen, Schneemangel und alternde Installationen einerseits, aber auch der eigene Gesundheitszustand und der des ältesten Sohnes andererseits, machen das Leben auf dem Erlenhof am Fusse des Regensberger Skihangs schwerer als man es sich dort wünscht.

Vor bald 50 Jahren, im Sommer 1969, hatte der damals 30-jährige Willi Lanz einen ungewöhnlichen Gedanken für einen Zürcher Unterländer Landwirt: Im Winter wollte er sich fortan als Skiliftbetreiber versuchen. Der Anstoss dazu sei von Leuten aus der Stiftung Schloss Regensberg gekommen, welche im Städtchen ein Sonderschulheim betreiben. «Davor ging ich zu dieser Jahreszeit jeweils zum Akkordholzen in den Wald», erzählt Lanz den Besuchern des «Zürcher Unterländers» auf seinem Hof. Der liegt etwas abseits, unterhalb der Strasse nach Boppelsen.

Im November 1969 baute Lanz mit seinem Vater Hans keine hundert Meter vom Elternhaus entfernt einen Skilift der Solothurner Firma Borer auf. «Der hat mich 100 000 Franken gekostet», erinnert er sich. Und es war nicht die einzige Aufstiegshilfe am Regensberger Skihang. Nebst dem knapp 300 Meter langen Bügellift führte nebenan noch ein Ponylift auf den Buck-Hügel. Rasch lockten die beiden neuen Lifte so viele Schneesportfans nach Regensberg, dass Lanz auch den Verkehrsfluss regeln musste, da die Autos an schönen Wintertagen auf mehreren hundert Metern aneinandergereiht die Strasse verstellten. Noch heute wird deshalb bei Bedarf auf ein Einbahnregime umgestellt, wenn wieder einmal Grossandrang herrscht.

«Die Leute im Dorf meinten damals, ich sei verrückt, als sie von den Skiliftplänen hörten», erinnert sich der Landwirt und kann sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen. Denn die Spötter wurden Lügen gestraft. Und es sollte sich zeigen, dass der damalige Jungbauer Lanz nicht nur einfach eine gute Idee, sondern auch noch einen hervorragenden Geschäftssinn hatte. «Alles fährt Ski – alles fährt Ski» war schliesslich nicht nur eine Schlagerhit von Vico Torriani, sondern auch Ausdruck des Zeitgeistes und Antrieb einer ganzen Generation dem Schneesport zu frönen.

«Der Skilift war oft meine beste Kuh im Stall»

Nach einem schwierigen Auftakt – in den ersten zwei Jahren lief der Skilift wegen Schneemangels nur einen einzigen Tag – gings dann aber steil bergauf. «Der Skilift war oft meine beste Kuh im Stall», erzählt der Senior mit einem gewissen Schalk, aber nicht ohne Stolz. «Der Lift ist längst amortisiert.»

Die besten Zeiten scheinen im kleinen «Skigebiet» an der Lägeren aber gleichwohl vorbei zu sein. Den mobilen Ponylift gibts nicht mehr. Geblieben ist der festinstallierte Bügellift. Es ist der einzige dieser Art im Zürcher Unterland. Er führt vom Scheibenstand, unweit der kleinen Badi, von 585 Metern über Meer auf den Buck, wo auf 630 Metern über Meer beim scharfen Rank an der Boppelserstrasse ein grosses Stahlgerüst mit der riesigen Umlenkrolle steht. Doch momentan steht alles still. Und das seit bald zwei Jahren.

«Witterungsschwankungen gabs immer schon», sagt Lanz. Aber in den letzten paar Jahren sei immer offensichtlicher geworden, dass sich das Klima verändert. Er brauche mindestens 25 Zentimeter der weissen Pracht, um Pisten zu präparieren und den Elektromotor des Lifts im Holzanhänger bei der Talstation in Gang zu setzten. Aber einerseits gebe es viel seltener genügend Schnee und falls doch, dann bleibe der nun viel weniger lange liegen als früher.

Letztmals lief der Skilift anfangs 2017. Vier Tage dauerte die Skisaison in Regensberg damals insgesamt. Der vergangene Winter 2017/18 verging dann ohne einen einzigen Betriebstag. Ganz anders lief es von Mitte der 70er- bis weit in die 80er-Jahre hinein. «Das waren die besten Jahre.»

Die Rekordsaison umfasste unglaubliche 54 Betriebstage

Aus heutiger Sicht schon fast unglaublich erscheinen Lanz’ Erzählungen von Wintern mit 54 Betriebstagen am Skilift. «Das war unsere Rekordsaison», sagt er. Während er den Küchentisch verlässt und alte Fotos hervorholt, meint seine Frau, das müsse sich irgendwann Ende der 70er-Jahre zugetragen haben. Als er zurückkommt sagt er: «Den spätesten Skitag hatten wir einmal an einem 21. März». Daran erinnere er sich noch gut. Ist dies doch der astronomische Frühlingsanfang.

Wenn früher an Spitzentagen mehrere hundert Leute den Hang hinuntersausten, ereigneten sich auch Unfälle. «Einmal gab es hier sechs Beinbrüche an einem Tag.» Ein verletztes Mädchen brachte Pistenchef Lanz damals bis nach Baden ins Spital. Seit die Sportler immer modernere Ausrüstungen tragen, habe es praktisch keine Verletzten mehr gegeben an seinem Lift.

Einst habe man ihn angefragt, ob er eine Beleuchtung zum Nachtskifahren montieren würde. Das war dem Bauern dann doch zu viel. Denn im Winter schuftete die ganze Familie nicht selten durchgehend von frühmorgens bis in die Nacht hinein. Der Vater stand oben beim Abbügeln, die Mutter und die drei Kinder meist unten – im Kassenhäuschen und beim Bügel reichen. Nebst dem Skilift warteten dann im Stall noch über Kühe darauf, täglich gefüttert und gemolken zu werden. «Da fiel manch ein 16-Stunden-Tag an», erzählt der Senior.

Noch immer arbeitet Willi Lanz täglich fünf bis sechs Stunden. «Er erträgt die Kälte nicht mehr», sagt seine Frau. «Ich sehe es nicht, dass er noch draussen am Lift stehen will.» Der Bauer spürt, dass er allein nicht weitermachen kann. Service und Instandhaltung verursachen aber auch Kosten, wenn nichts läuft.

Diese, die 50. Saison will er aber noch machen an seinem Skilift. Und dann? Lanz zuckt mit den Schultern. Falls es nochmals einen guten Winter gibt und sich der Betrieb rechnet, würde er noch auf Zusehen hin weitermachen. «Wenn es aber keinen Schnee mehr gibt diese Saison, kann man den Lift meinetwegen abbrechen.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 27.12.2018, 13:23 Uhr

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