Regensdorf

Alle wollen ein Stück von Beck Keller ergattern

Vom Lieferauto über die Teigausrollmaschine bis zur Gugelhopfform: Gestern begann die dreitägige konkursamtliche Liquidation der Traditionsbäckerei. Ein Paradies sowohl für Hobby-Bäcker wie auch für Fachleute.

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Bereits eine halbe Stunde vor der offiziellen Eröffnung kurven Autos auf der Suche nach einem Parkplatz durch die Trockenloostrasse. Wer sein Fahrzeug dank den Parkeinweisern endlich im Tetris-Stil abstellen konnte, steht aber wie alle anderen frühzeitig anwesenden Schnäppchenjäger vor verschlossenen Türen. Die Wartezeit nutzt die immer grösser werdende Gruppe ganz unterschiedlich. Viele wagen einen Blick durch das Schaufenster der ehemaligen Produktionsstätte der Beck Keller AG und reservieren sich gedanklich schon mal das eine oder andere Lieblingsteil. Andere checken noch schnell die mitgebrachte Einkaufsliste oder knien sich kurzerhand auf den Boden, um den Unterboden der grossen Lieferfahrzeuge zu prüfen.

Für die Freundin, die das Brot so gerne mochte

Eingeladen zur dreitägigen Liquidation hat Jürg Hoss. Im Auftrag des Konkursamtes Höngg verkauft der Liquidator die Produktionsmaschinen, die Laden- und Büroeinrichtungen sowie die Fahrzeuge und allerlei Krimskrams der Beck Keller AG, die Ende September 2018 in Konkurs gehen musste. Insgesamt stehen Waren mit einem Gesamtwert im sechsstelligen Bereich zum Verkauf. Gemeinsam mit zehn Mitarbeitenden wirbelt Hoss kurz vor Türöffnung in den Räumlichkeiten herum und tätigt letzte Handgriffe vor dem grossen Ansturm.

Um Punkt 9 Uhr hat die Warterei ein Ende und die Besucher verteilen sich schnell auf den vier Stockwerken des Gebäudes. Während die einen zielstrebig auf gewisse Geräte hinsteuern, schlendern andere durch die Räume und lassen sich vom Angebot inspirieren. So auch Christine Fothergill aus Herrliberg, die sich bereits eine kleine Etikettiermaschine für 15 Franken gesichert hat. «Meine Kinder spielen sicher gerne damit», erklärt sie lachend ihren Einkauf. Allgemein interessiere sie sich für alles, was mit Kochen und Essen zu tun habe. «Nun suche ich noch ein Andenken für eine Freundin, die das Brot von Beck Keller so gerne mochte», sagt sie und lässt den Blick über Teigrädli, Küchenwaagen und Kuchenformen schweifen.

Einkaufen für den eigenen Betrieb

Aus beruflichen Gründen ist René Zimmermann nach Regensdorf gekommen. Der Zürcher hat bereits einen Suppentopf unter dem Arm und prüft mit Kennerblick die Regale. Er ist auf der Suche nach dem einen oder anderen Schnäppchen für sein Restaurant. Auch Benjamin Korb ist nicht nur zum Spass hier. Zwar lässt auch er sich gerne vom Angebot überraschen, doch der Opfiker hat vor zwei Wochen eine Bäckerei in Schlieren eröffnet und könnte «noch ein paar kleinere Sachen» gebrauchen. Angetan hat es ihm dann aber doch eine grössere Maschine. «Damit kann man Zuckerteig-Bödeli stanzen. Die ist zwar alt, hält aber ewig», erklärt er.

Bereits von der ersten Minute an alle Hände voll zu tun hat Corinne Hoss. Die Ehefrau des Liquidators behält die Übersicht darüber, was alles über den Ladentisch geht. In Windeseile nimmt sie das Geld für Kuchenblech, Kühlschrank und Co. entgegen und stellt gleich auch noch Quittungen aus. «Viel zu tun, aber es macht Spass», sagt sie lachend während ein Kunde nach dem nötigen Münz kramt.

Konkurs forderte viele schlaflose Nächte

Nur bedingt zum Lachen zumute ist es Paula Meier aus Weiach. Sie hat während 32 Jahren für die Bäckerei gearbeitet und war auch an jenem schicksalhaften 28. September 2018, als die Belegschaft vom Konkurs erfahren hatte, im Geschäft. «Ehrlich gesagt tut es immer noch weh.» Sie habe einige schlaflose Nächte hinter sich. Zur Liquidation gekommen ist sie aber nicht aus Nostalgiegründen, sondern weil sie einen Haushaltsdrucker für ihren Verein sucht. Als sie das gute Stück bereits aus dem Laden trägt, bekommt sie zufällig mit, wie «ihr» Smart mit dem lachenden Gipfeli auf der Motorhaube einen neuen Besitzer gefunden hat. Mit dem kleinen Fahrzeug war sie jeweils beruflich unterwegs. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Käufer macht sie sich auf den Heimweg.

«Je billiger, desto einfacher zu verkaufen»

Nach dem ersten Grossansturm kann Liquidator Jürg Hoss ein paar wenige Minuten durchatmen. Er ist wohl der gefragteste Mann an diesem Morgen, begrüsst Kunden, gibt Auskunft und entscheidet über Preise. Letzteres ist aber nicht in erster Linie die Idee der Liquidation. «Natürlich kann man diskutieren, aber grundsätzlich sind alle Dinge mit einem festen Preis versehen», sagt er. Auch Reservationen vor der offiziellen Eröffnung seien nicht möglich gewesen – man müsse schon persönlich hier erscheinen. Als erfahrener Liquidator weiss er natürlich, welche Stücke in der Regel am besten laufen: «Ehemalige Mitarbeitende suchen sich Kleinwaren als Andenken aus, und natürlich gehen auch die Autos gut weg.» Allgemein laute die Devise: «Je billiger etwas ist, desto einfacher ist es zu verkaufen.»

Aber nicht nur kostengünstige Sachen wie Backbleche, Küchenschwämme oder Ausstechformen gehen innerhalb der ersten Stunde über den Ladentisch. Auch grosse Gerätschaften werden in den Autos verstaut. Dabei habe er nur «schnell schauen» wollen, sagt ein älterer Mann, der gerade eine Kaffeemaschine und ein ganze Kiste voll mit Backwerkzeug im Kofferraum versorgt. Winkend zirkelt er sein Fahrzeug zwischen den parkierten und wartenden Autos hindurch aus dem Firmengelände. Langsam aber sicher gibt es auch wieder den einen oder anderen freien Parkplatz auf dem Areal.

Erstellt: 28.02.2019, 17:56 Uhr

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